Menschenrecht auf dem Papier — Marktware in der Praxis
Im Internet kursiert seit Jahren das Zitat „Wasser ist kein Menschenrecht" — attribuiert an Peter Brabeck-Letmathe, langjähriger CEO und Verwaltungsratspräsident von Nestlé. So hat er es nie gesagt. Was er tatsächlich sagte, ist dokumentiert und nicht weniger aufschlussreich. BELEGT
Brabeck ergänzte in demselben Filmausschnitt: Wasser sei „ein Lebensmittel wie jedes andere" und solle „einen Marktwert haben." BELEGT
Nach anhaltender öffentlicher Kritik präzisierte Brabeck seine Position wiederholt: Grundwasser für Trinken und minimale Hygiene — konkret 5 Liter Trinkwasser und 20 Liter für Basishygiene täglich — sei ein Menschenrecht. Alles darüber hinaus — für Swimmingpools, Golfplätze, Biotreibstoff — sei keines. Beim WEF Davos 2012: „Es gibt kein Menschenrecht auf Wasser für Swimmingpools und Golfplätze." BELEGT
Brabeck leitete zeitgleich die Wasserinitiative des Weltwirtschaftsforums und die 2030 Water Resources Group (WRG) — eine öffentlich-private Partnerschaft, die Entscheidungen über Wasserressourcen koordiniert. BELEGT
Am 28. Juli 2010 erkannte die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit der Resolution A/RES/64/292 den Zugang zu sauberem Wasser und Sanitärversorgung als Menschenrecht an. 122 Staaten stimmten dafür. 41 enthielten sich — darunter Kanada und die USA. Kein Staat stimmte dagegen. BELEGT
Fünf Jahre später, 2015, erkannte die UN-Generalversammlung auch das Menschenrecht auf Sanitärversorgung ausdrücklich als eigenständiges Recht an. Die UN-Wasserdekade läuft von 2018 bis 2028. BELEGT
Nestlé ist der weltgrößte Abfüller von Mineralwasser. Zum Konzern gehören über 70 Wassermarken, darunter Perrier, San Pellegrino, Vittel, Contrex, Hépar und — für Schwellen- und Entwicklungsländer — Pure Life. BELEGT
Der Schweizer Dokumentarfilm „Bottled Life" (2012, Regie Urs Schnell, Recherche Res Gehriger) dokumentierte folgende Situation rund um Nestlés Werk Sheikhupura bei Lahore: BELEGT
Nestlés offizielle Antwort auf den Film: Das Werk Sheikhupura fördere aus zwei Tiefbrunnen; in der Region Lahore existierten geschätzt 680.000 Brunnen, die primär für Landwirtschaft genutzt würden. Nestlé habe acht Brunnenanlagen in umliegenden Dörfern installiert und damit rund 50.000 Menschen Zugang zu sauberem Wasser verschafft. BELEGT
Im Januar 2024 enthüllten Le Monde und Radio France: Nestlé Waters hat jahrelang Wasser der Marken Perrier, Vittel, Contrex und Hépar mit Methoden behandelt, die nach EU-Recht für natürliches Mineralwasser ausdrücklich verboten sind — UV-Strahlung, Kohlefilter, Mikrofiltration. Das Wasser war mit Pestiziden, Bakterien und fäkalen Keimen belastet. BELEGT
Nestlé prüft laut Medienberichten seit Ende 2024 den Verkauf seiner Wassersparte. BELEGT
Nestlé ist der bekannteste und am stärksten in der Kritik stehende Akteur — aber nicht der einzige. BELEGT
| Akteur | Position im Wassermarkt | Dokumentierte Punkte |
|---|---|---|
| Nestlé Waters | Größter Mineralwasserabfüller weltweit, 70+ Marken | Pakistan (Grundwasser), Frankreich (Perrier-Skandal), Maine/USA (Grundwasserkonflikte) |
| Coca-Cola / PepsiCo | Je einer der größten globalen Getränkehersteller mit Wassermarken (Dasani, Aquafina) | Kritik an Wasserentnahme in Dürreregionen, u.a. Kaliformien; zusammen mit Nestlé in der 2030 WRG |
| Veolia / Suez | Größte private Wasserversorger weltweit (Infrastruktur, Aufbereitung) | Privatisierung kommunaler Wasserversorgung in Entwicklungsländern und Europa; IWF-/Weltbank-geförderte Konzessionsvergaben |
| BlackRock | Größter Vermögensverwalter der Welt | Investitionen in Wasserinfrastruktur als ESG-Kategorie; Larry Fink thematisiert Wasserknappheit in jährlichen Investorenbriefen als Anlagefeld |
Die 2030 Water Resources Group (WRG) wurde vom Weltwirtschaftsforum (WEF) gegründet und wird als öffentlich-private Partnerschaft betrieben. Zu den Gründungsmitgliedern zählen Nestlé, PepsiCo und die Coca-Cola Company. Peter Brabeck-Letmathe leitete die Initiative über Jahre. BELEGT
Das erklärte Ziel der WRG: „praktische Lösungen zur Bekämpfung der Wasserknappheit" in einem Multi-Stakeholder-Prozess zwischen Unternehmen, Regierungen und Zivilgesellschaft. BELEGT
Was die WRG strukturell bedeutet: Entscheidungen über den Umgang mit Wasserressourcen werden in Konsortien verlagert, in denen private Unternehmen eine führende Rolle spielen. Die demokratische Legitimation dieser Gremien ist nicht durch Wahlen, sondern durch Mitgliedschaft definiert. EXTRAPOLATION
Der französische Senat stellte in seinem Bericht von Mai 2025 fest, dass ein Regierungsbericht von 2022 bereits ergeben hatte: rund 30 Prozent der Wassermarken in Frankreich nutzen unzulässige Behandlungen. Dieser Bericht wurde nicht veröffentlicht. BELEGT
Offen bleibt: In welchem Umfang ähnliche Praktiken bei anderen Marken und in anderen EU-Ländern dokumentiert oder undokumentiert sind. OFFEN
Die UN-Resolution von 2010 anerkennt Wasser als Menschenrecht. Gleichzeitig erlaubt das internationale Handelsrecht Konzessionsverträge, die kommunale Wasserversorgung an private Unternehmen übertragen. Die Frage, welches Recht im Konfliktfall Vorrang hat, ist völkerrechtlich nicht eindeutig beantwortet. OFFEN
Nestlés langjähriger Chef nannte die Idee, Wasser zum öffentlichen Recht zu erklären, „extrem." Die UN erklärte es 2010 zum Menschenrecht — in einer Resolution, die nicht einklagbar ist. Nestlé verkaufte jahrzehntelang verunreinigtes Wasser als „natürlich." Die französische Regierung wusste davon und schwieg. Der Konzern leitete gleichzeitig die WEF-Initiative zur globalen Wasserpolitik.
Wenn ein Konzern, dessen Geschäftsmodell auf dem Zugang zu Grundwasser beruht, gleichzeitig die globale politische Agenda zur Wasserpolitik mitgestaltet — wessen Interessen werden dann vertreten? Wenn ein Menschenrecht nicht einklagbar ist — welchen Schutz bietet es gegen Akteure, die dieses Recht kommerziell aushöhlen? Und: Wenn 30 Prozent der Wassermarken eines EU-Landes verbotene Methoden nutzen und ein Bericht darüber nicht veröffentlicht wird — was wissen wir über die übrigen 70 Prozent?