Vier Konzerngruppen teilen 90 Prozent des deutschen Lebensmittelmarktes unter sich auf. Doch die Macht an der Kasse ist nur die sichtbare Hälfte — im Hintergrund entsteht ein zweites Geschäftsmodell, das Einkaufsdaten zu Werbeinventar macht.
In keinem anderen Industriesektor Deutschlands ist die Konzentration so weit fortgeschritten wie im Lebensmitteleinzelhandel. BELEGT Noch im Jahr 1999 hielten acht Handelsunternehmen gemeinsam 70 Prozent Marktanteil. Heute teilen sich Edeka, die Schwarz-Gruppe (Lidl/Kaufland), Rewe und Aldi rund 90 Prozent des Marktes — vier Konzerne, denen mehr als 6.000 Lebensmittelhersteller gegenüberstehen.
Die strukturelle Asymmetrie ist dokumentiert: Vier Handelskonzerne entscheiden, welche Produkte überhaupt zum Verbraucher gelangen. Das Instrument heißt Listung — und wer gelistet werden möchte, zahlt.
Listungsgebühren (Zahlung für das Recht, beliefern zu dürfen), Regalmieten (für bevorzugte Platzierung), Werbekostenzuschüsse, Naturalrabatte und Beiträge zu Filialumbauten sind dokumentierte Konditionen, die Hersteller — insbesondere kleinere — zu leisten haben. BELEGT Das Bundeskartellamt hat dieses System als strukturell eingestuft: Der sogenannte „Angstfaktor" verhindert, dass Lieferanten rechtlich gegen ihre Abnehmer vorgehen — ein formell freier Markt mit faktisch ungleichen Machtpositionen.
Die Monopolkommission hält in ihrem Sondergutachten 2025 fest, dass die Marktkonzentration eine „effektivere Missbrauchsaufsicht erforderlich" mache — andernfalls bestehe „die Gefahr preislicher und nicht-preislicher missbräuchlicher Verhaltensweisen zulasten der Lieferanten von Lebensmitteln, insbesondere der Landwirtschaft." BELEGT
| Gruppe | Hauptmarken | Umsatz DE 2024 | Strategie |
|---|---|---|---|
| Edeka | Edeka, Netto, Marktkauf, Budni | ~70 Mrd. € | Zukäufe (Real, Tegut), Payback-Integration |
| Schwarz-Gruppe | Lidl, Kaufland | 51,65 Mrd. € | Tech-Transformation (Schwarz Digits/STACKIT), Cloud, KI |
| Rewe Group | Rewe, Penny, Lekkerland | 43,13 Mrd. € | Retail Media, Kundenbindungsprogramme, Touristik |
| Aldi (Nord+Süd) | Aldi Nord, Aldi Süd | 33,7 Mrd. € | Kernmodell Discounter; Loyalty-App in Diskussion |
Die Frage, ob die anderen Handelsriesen gegenüber der Schwarz-Gruppe mit ihrem 11-Milliarden-Rechenzentrum in Lübbenau „zurückhaltend" agieren, ist nur halb richtig. Die Richtung ist dieselbe — die Instrumente unterscheiden sich.
Schwarz (Lidl/Kaufland) vertikal integriert: eigene Cloud-Infrastruktur, eigener KI-Betrieb, eigene Datenspeicherung, Ambitionen als europäischer Hyperscaler — und als Infrastrukturanbieter für Staatsbehörden. BELEGT
Rewe geht den Weg der Datenverwertung nach außen: Das Unternehmen hat im Februar 2024 eine Partnerschaft mit The Trade Desk geschlossen. BELEGT Das Kaufverhalten der Kunden aus dem Rewe-Onlineshop wird dabei als Zielgruppendaten für programmatische Werbung auf externen Plattformen eingesetzt — auf fremden Websites, in Apps, bei Connected TV und digitaler Außenwerbung.
Der Begriff ist noch wenig bekannt, die Struktur dahinter ist es längst. Retail Media bezeichnet die Nutzung von Kundendaten des Handels als Grundlage für zielgerichtete Werbung — sowohl im eigenen digitalen Inventar als auch auf externen Plattformen Dritter.
Ein Kunde kauft regelmäßig Babynahrung bei Rewe online. Dieser Datenpunkt — kein Name, aber ein Verhaltensprofil — wird Markenherstellern und Werbeagenturen als Zielgruppensegment verkauft. Pampers kann damit gezielt Eltern ansprechen, die bereits bei Rewe einkaufen — auf YouTube, im Connected TV, auf Nachrichtenwebsites. Der Supermarkt wird zum Medienunternehmen.
Laut FOMA Trendmonitor stiegen die Investitionen in Retail Media in Deutschland 2024 um 22 Prozent — mehr als in jedem anderen Werbesegment. BELEGT
Schwarz Media (Lidl/Kaufland) war dabei früher: Die Partnerschaft mit The Trade Desk wurde bereits im Juli 2023 geschlossen, Rewe folgte im Februar 2024. Damit existiert ein strukturell gleichartiges System bei zwei der vier Marktführer: Kassenbondaten werden zu handelbarem Werbeinventar. BELEGT
Israelisches Cybersicherheitsunternehmen für rund 700 Mio. US-Dollar — erster Schritt der IT-Diversifikation jenseits des Handels.
Konsolidierung von Cloud (STACKIT), Cybersicherheit und E-Commerce unter einer Digitaleinheit. Erste Retail-Media-Partnerschaft im deutschen LEH.
Kaufverhalten aus dem Rewe-Onlineshop wird erstmals extern für Drittplattformen freigegeben.
Langfristige Partnerschaft, bei der Google-Dienste in Schwarz-eigenen Rechenzentren gehostet werden. Datenspeicherung in Deutschland.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik kooperiert mit der IT-Sparte eines Lebensmittelhändlers für souveräne Verwaltungsinfrastruktur.
Größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte. 200-MW-Anlage auf dem Gelände eines ehemaligen Braunkohlekraftwerks, Fertigstellung 2027.
Parallel zur Datenstrategie läuft ein älteres Machtinstrument: die Eigenmarke. Die großen Handelskonzerne produzieren und vermarkten zunehmend eigene Lebensmittel — und konkurrieren damit direkt mit den Herstellern, auf deren Listungsgebühren sie gleichzeitig bestehen.
Der strukturelle Vorteil ist dokumentiert: Eigenmarken benötigen keine externen Werbebudgets, keine Listungsgebühren, keine Regalmieten. BELEGT Wenn ein Händler zugleich Einkäufer, Regalvermieter, Dateninhaber und Wettbewerber seiner Lieferanten ist, stellt sich die Frage nach Interessenkonflikten — eine Frage, die die Monopolkommission in ihrem Sondergutachten 2025 als regulierungsbedürftig eingestuft hat.
Die 11. GWB-Novelle 2023 hat dem Bundeskartellamt neue Befugnisse gegeben: Es kann nun ohne konkreten Verstoß tätig werden und Sektoruntersuchungen einleiten — mit der Möglichkeit struktureller Maßnahmen bis zur Entflechtung. BELEGT Eine Sektoruntersuchung des Lebensmitteleinzelhandels war bis Redaktionsschluss nicht angekündigt.
Die Schwarz-Gruppe baut Infrastruktur für Staatsbehörden — und betreibt gleichzeitig das größte Netz an Lebensmittelfilialen in Europa. OFFEN Unter welchen regulatorischen Bedingungen ein Handelskonzern souveräne Verwaltungsinfrastruktur bereitstellt, ist öffentlich nicht dokumentiert.
Rewe und Schwarz verkaufen Einkaufsverhalten ihrer Kunden als Werbeinventar an externe Plattformen. BELEGT Welche Datenmengen dabei aggregiert werden, an wen sie außerdem fließen und welche Profilierungstiefe entsteht, ist für Endverbraucher nicht einsehbar. OFFEN
Die Monopolkommission empfiehlt eine Sektoruntersuchung. BELEGT Das Bundeskartellamt hat die Befugnis dazu seit 2023. BELEGT Eine entsprechende Untersuchung wurde bislang nicht eingeleitet. OFFEN
Wenn ein Lebensmittelhändler zugleich Cloud-Anbieter für Staatsbehörden ist, Kassenbondaten zu externen Werbeplattformen exportiert, eigene Produkte gegen die Lieferanten platziert, von denen er gleichzeitig Listungsgebühren erhebt — welcher Begriff beschreibt dann noch präzise, was diese Unternehmen sind?
Und wenn die Monopolkommission eine Sektoruntersuchung empfiehlt, das Kartellamt die Befugnis dazu besitzt und diese Untersuchung trotzdem ausbleibt: Welche Logik bestimmt, wann Regulierung greift und wann nicht?