Serie: Wer kontrolliert, was wir essen? — Teil 3 von 11

Höfesterben, Subventionen und die stille Verdrängung

Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich die Zahl der Betriebe in Deutschland halbiert — die Fläche blieb gleich. Wer profitiert?
dunkelfeld.report  |  Kategorie: Strukturwandel  |  Quellen: Destatis, BMEL, Europäisches Parlament, taz

Jedes Jahr schließen in Deutschland mehrere Tausend landwirtschaftliche Betriebe für immer. Die Felder bleiben — sie werden von wachsenden Nachbarbetrieben übernommen. Diese Umverteilung von Fläche und Marktmacht ist keine Naturkatastrophe und kein Zufall. Sie ist das Ergebnis von Subventionsmechanismen, Bodenpreisdynamiken und politischen Entscheidungen, die über Jahrzehnte getroffen wurden — und deren Wirkung in den amtlichen Statistiken des Statistischen Bundesamtes nachlesbar ist.

½ Betriebe seit Mitte 1990er verschwunden (DE)
~2.600 Höfe schließen pro Jahr (Ø 2020–2023)
14% der Betriebe bewirtschaften 63% der Fläche
80% EU-Subventionen gehen an 20% der Betriebe
Primärquellen

Die Zahlen: Was Destatis dokumentiert

Das Statistische Bundesamt (Destatis) erhebt alle paar Jahre die Agrarstruktur in Deutschland. Die Ergebnisse der Agrarstrukturerhebung 2023 sind eindeutig: BELEGT

Im Jahr 2023 wirtschafteten in Deutschland noch 255.000 landwirtschaftliche Betriebe — rund 7.800 weniger als 2020, was einem Rückgang von etwa 3 Prozent in drei Jahren entspricht. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hält fest: Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich die Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland halbiert. BELEGT

Die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche blieb dabei seit 2010 nahezu konstant bei rund 16,6 Millionen Hektar. Weniger Betriebe, gleiche Fläche — die verbleibenden Höfe werden schlicht größer: von durchschnittlich 56 Hektar im Jahr 2010 auf 65 Hektar im Jahr 2023. BELEGT

Betriebe 2010
~299.000
Ø-Größe: 56 Hektar. Noch rund 40.000 mehr Betriebe als 2023.
Betriebe 2023
255.000
Ø-Größe: 65 Hektar. Gleiche Gesamtfläche, 44.000 Betriebe weniger.

Besonders aufschlussreich ist die Verteilung nach Größenklassen: Laut BMEL bewirtschaften fast jeden siebten Betrieb — das sind etwa 14 Prozent aller Höfe — mehr als 100 Hektar. Diese Großbetriebe bearbeiten zusammen 63 Prozent der gesamten deutschen Agrarfläche. BELEGT Es verschwinden vor allem die mittleren Betriebe zwischen 10 und 100 Hektar, während die Zahl der Großbetriebe mit über 100 Hektar steigt.

Das Subventionssystem: Wer bekommt was

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU ist mit rund 387 Milliarden Euro für den Zeitraum 2021–2027 das größte Einzelprogramm des EU-Haushalts — 2023 machten die Agrarausgaben ein Viertel des gesamten EU-Budgets aus. BELEGT Deutschland erhielt 2023 rund 6,4 Milliarden Euro aus diesen Töpfen.

Rund 80 Prozent dieser Gelder fließen als pauschale Flächenprämien — die sogenannte „Erste Säule" der GAP. Das Prinzip: Pro Hektar bewirtschafteter Fläche gibt es einen festen Betrag, unabhängig davon, wie der Betrieb wirtschaftet, wie viele Menschen er beschäftigt oder welche ökologischen Leistungen er erbringt. BELEGT

„EU-weit erhalten 20 Prozent der Betriebe auf diese Weise 80 Prozent der Gelder." — BUND, Analyse der Gemeinsamen Agrarpolitik

In konkreten Zahlen: Ein Betrieb mit 50 Hektar erhält jährlich rund 14.000 Euro EU-Subvention. Ein Großbetrieb mit 5.000 Hektar erhält 1,4 Millionen Euro — aus denselben Fördertöpfen, nach demselben Schlüssel. BELEGT

Für kleine Betriebe machen staatliche Subventionen nach Angaben des baden-württembergischen Landwirtschaftsministeriums bereits 40 bis 60 Prozent ihrer Einnahmen aus — bei Nebenerwerbsbetrieben sind es sogar bis zu 90 Prozent. BELEGT Wer wenig Fläche hat, bekommt wenig Subvention, braucht sie aber prozentual am meisten.

Der Mechanismus: Warum Prämien Großbetriebe begünstigen

Die EU-Kommission räumt den Mitgliedstaaten die Möglichkeit ein, Flächenprämien oberhalb bestimmter Beträge zu deckeln (Kappung) und kleinere Betriebe durch einen „Erste-Hektar-Aufschlag" zu bevorzugen. In Deutschland gibt es diesen Aufschlag in begrenzter Form: Für die ersten 40 Hektar werden zusätzlich 69 Euro pro Hektar gezahlt, für die nächsten 20 Hektar 41 Euro. BELEGT

Die darüber hinausgehenden Möglichkeiten einer strikten Obergrenze pro Betrieb oder einer stufenweisen Degression werden in Deutschland jedoch nicht genutzt — ausdrücklich, wie der BUND festhält, „aus Rücksicht auf die ost- und norddeutschen Großbetriebe". BELEGT

Eine taz-Recherche aus dem Jahr 2024 auf Basis der amtlichen Datenbank agrarzahlungen.de (Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, BLE) stellte fest: Die etwa 20 Präsidiumsmitglieder des Deutschen Bauernverbands (DBV) oder ihre Unternehmen erhielten im Haushaltsjahr 2022/23 zusammen mehr als 2,6 Millionen Euro EU-Subventionen. Spitzenbezieher: die Universal-Agrar GmbH, bei der der Präsident des Thüringer Bauernverbands als Geschäftsführer tätig ist — rund 1 Million Euro allein in jenem Jahr. BELEGT

„Da wichtige Akteure in der Spitze des Deutschen Bauernverbandes stark von der bisherigen Flächenprämie profitieren, verwundert es nicht, dass sie so vehement die Qualifizierung dieser Gelder blockieren." — Xenia Brand, AbL-Bundesgeschäftsführerin, zitiert nach taz, 2024

Chronologie: Wie die Struktur entstand

1950er–80er
Technisierung und „Rationalisierung" der deutschen Landwirtschaft. Traktoren ersetzen Arbeitskräfte. Zahl der Betriebe beginnt zu sinken, Produktivität steigt.
Mitte 1990er
Ausgangspunkt der Halbierung: Rund 500.000 Betriebe in Deutschland (West + Ost nach Wiedervereinigung). Danach beginnt der beschleunigte Strukturwandel.
1992 / 2003
GAP-Reformen entkoppeln Subventionen von der Produktion, binden sie zunehmend an Fläche. Grundprinzip der flächengebundenen Direktzahlung wird etabliert.
2010
Destatis: 299.000 Betriebe, Ø 56 ha. Jährlich verschwinden bis 2013 noch ca. 4.700 Betriebe pro Jahr.
2020
Landwirtschaftszählung: 263.500 Betriebe. Rückgang auf ca. 3.200 pro Jahr (2013–2020). 14% der Betriebe bewirtschaften 62% der Fläche.
2023
Agrarstrukturerhebung Destatis: 255.000 Betriebe. Ø 65 ha. Arbeitskräfte in der Landwirtschaft: 876.000 (−7% seit 2020). Tierhaltende Betriebe: −4%.
2023–2027
Neue GAP-Periode: 387 Mrd. € EU-Agrarhaushalt. Ökologische Mindeststandards (GLÖZ) nach Bauernprotesten 2024 weitgehend aufgeweicht. Flächenprämien bleiben zentrales Instrument.

Was die Zahlen zeigen — und was sie nicht erklären

Befund Quelle Status
Seit Mitte der 1990er Jahre: Halbierung der Betriebszahl in DE BMEL-Statistik BELEGT
2023: 255.000 Betriebe, Ø 65 ha, 16,6 Mio. ha Gesamtfläche Destatis Agrarstrukturerhebung 2023 BELEGT
14% der Betriebe bewirtschaften 63% der Agrarfläche BMEL-Statistik 2023 BELEGT
EU-weit: 20% der Betriebe erhalten 80% der GAP-Gelder BUND-Analyse / EU-Kommission BELEGT
50-ha-Betrieb: ~14.000 €/Jahr; 5.000-ha-Betrieb: ~1,4 Mio. €/Jahr BUND BELEGT
DBV-Präsidiumsmitglieder: >2,6 Mio. € Subventionen 2022/23 taz-Recherche / agrarzahlungen.de (BLE) BELEGT
Deutschland nutzt Kappungsmöglichkeit für Großbetriebe nicht BUND BELEGT
Ob Subventionssystem kausal für Höfesterben verantwortlich ist (vs. Technisierung, Globalisierung etc.) OFFEN

Was parallel passiert: Bodenpreise und Pacht

Während Betriebe verschwinden, steigen die Bodenpreise. Wer verkauft, verkauft an Investoren oder wachsende Nachbarbetriebe — selten an Neueinsteiger. Laut BMEL-Statistik werden steigende Anteile der deutschen Agrarfläche nicht mehr vom Eigentümer bewirtschaftet, sondern verpachtet. Die Pacht als dominante Bewirtschaftungsform bevorzugt kapitalstarke Akteure, die mehrere Flächen pachten können. EXTRAPOLATION

Der Trend hat eine regionale Dimension: In Ostdeutschland, wo nach der Wiedervereinigung industrielle Großstrukturen der DDR-Landwirtschaft in Kapitalgesellschaften überführt wurden, sind die Durchschnittsgrößen der Betriebe deutlich höher. Mecklenburg-Vorpommern verzeichnet bei gleichzeitig größeren Durchschnittsbetrieben höhere Einkommen pro Arbeitskraft als Baden-Württemberg mit seiner kleinteiligeren Struktur. BELEGT

Weiterführende Quellen
  1. Die unsichtbaren Händler der Welt (ABCD-Quartett, Saatgut-Oligopol)
  2. Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Ernte
  3. Höfesterben, Subventionen und die stille Verdrängung
  4. Insekten als Nahrung: Regulierung, Lobbying, Novel Food
  5. Laborfleisch: Investoren, Zulassungen, Interessen
  6. Wasser als Ware: Nestlé, Blackrock, UN-Resolution
  7. Mercosur: Freihandel, Entwaldung, Geflügelexporte
  8. Die Big Five des Lebensmittelhandels
  9. Neue Gentechnik: NGT-Verordnung und das Kennzeichnungs-Rätsel
  10. Regulierungsversagen: Transfette, Glyphosat, Aspartam
  11. Wer taucht überall auf? Die Netzwerkkarte
  12. Bonus 1 — Vertical Farming
  13. Bonus 2 — Das BioNTech-Prinzip
  14. Bonus 3 — Stress als Nährstoff

Die Daten sind öffentlich. Destatis, BMEL, die BLE-Subventionsdatenbank — alles nachlesbar. Dass ein System, das 80 Prozent der Gelder an 20 Prozent der Betriebe verteilt, zum Verschwinden kleiner Höfe beiträgt, ist strukturell naheliegend. Ob es das primäre Ursache ist, bleibt wissenschaftlich diskutiert.

Warum nutzt Deutschland die EU-Möglichkeit zur Subventionskappung bei Großbetrieben nicht — und wer hat ein Interesse daran, dass das so bleibt? Wenn Verbandsfunktionäre, die für Kleinbauern sprechen, selbst Hauptempfänger der Großflächenprämien sind: Wessen Interessen vertreten sie dann? Und: Wer kauft die Flächen der aufgebenden Betriebe — und zu welchem Preis?

Impressum · Datenschutz