SERIE: Wer kontrolliert, was wir essen? — Teil 10 von 11
Dossier · Lebensmittel & Macht · Juni 2026

Einst empfohlen, heute bekannt — Die Akte der Kehrtwenden

Transfette galten als herzgesund. Zucker war kein Risiko. Glyphosat war unbedenklich. Aspartam war sicher. Wann wusste die Industrie, was die Öffentlichkeit erst Jahrzehnte später erfuhr — und wer sorgte dafür, dass es so lange dauerte?

Juni 2026 Lesedauer: ca. 15 Minuten Quellenbasiert
~50 Jahre Zeitraum zwischen erstem Wissensstand und regulatorischer Reaktion — Fall Transfette
50.000 $ Bezahlung an Harvard-Forscher durch die Sugar Research Foundation, 1961
500.000 Geschätzte jährliche Todesfälle weltweit durch Transfettekonsum (WHO 2024)
25 Jahre Bis zur Rückziehung: zentrale Glyphosat-Studie 2000–2025 zurückgezogen wegen Monsanto-Verbindungen

Alle Teile der Serie

I. Das Muster — bevor die Fälle

Dieser Artikel dokumentiert keine Einzelfälle von Wissenschaftsirrtümern. Er dokumentiert ein wiederkehrendes strukturelles Muster: Ein Stoff wird als unbedenklich oder gesundheitsförderlich eingestuft und vermarktet. Unabhängige Forscher stellen Gegenevidenz zusammen. Die Industrie finanziert Gegenstudien, diskreditiert unbequeme Wissenschaftler und verzögert regulatorische Reaktionen — oft über Jahrzehnte. Am Ende kommt die Wende. Der Schaden ist dann bereits angerichtet.

Dieses Muster ist für Tabak erstmals vollständig dokumentiert worden. Interne Industriedokumente, die in US-Gerichtsverfahren öffentlich wurden, belegten, dass Tabakunternehmen Jahrzehnte lang über eigene Studien verfügten, die den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs nachwiesen — und diese intern zurückhielten. Die UCSF Industry Documents Library archiviert heute Millionen solcher Dokumente aus Tabak-, Zucker-, Chemie- und Lebensmittelindustrie.

Primärquelle — BELEGT UCSF Industry Documents Library: Archiv von Industriedokumenten aus Tabak-, Zucker-, und Lebensmittelindustrie. Öffentlich zugänglich: industrydocuments.ucsf.edu — Grundlage zahlreicher peer-reviewter Aufarbeitungen.

Die folgenden vier Fälle sind quellenbasiert dokumentiert. Sie werden einzeln dargestellt — mit Chronologie, belegten Akteuren und offenem Status wo immer Fragen ungeklärt bleiben.

II. Fall 1 — Transfette: Das herzgesunde Industriefett

Transfette / Industriell gehärtete Fette ca. 1910 – 2021
Empfehlung „Herzgesund", „cholesterinfrei", modern — das gesunde Gegenteil der Butter"
Zeitraum Werbung 1950er–1990er Jahre
Erste Gegenevidenz Frühe 1990er: Harvard-Ernährungsforscher Walter Willett — Studie an Zehntausenden Krankenschwestern. Befund: signifikant erhöhtes Herzinfarktrisiko durch Transfettkonsum
Regulatorische Reaktion Dänemark: Verbot 2003. EU: Grenzwert 2 g/100 g Fett ab 2. April 2021 (Verordnung EU 2019/649) — kein vollständiges Verbot, keine Kennzeichnungspflicht
Geschätzter Schaden WHO (2024): ca. 500.000 Todesfälle jährlich weltweit durch Transfettkonsum
Status BELEGT

Transfette entstehen, wenn ungesättigte Pflanzenfette industriell gehärtet werden — ein Verfahren, das Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde, um pflanzliche Öle haltbar und streichfähig zu machen. Das Resultat war billiger als Butter, länger haltbar und chemisch stabil. In den 1950er Jahren wurde Margarine — damals noch mit hohem Transfettanteil von bis zu 20 Prozent — aktiv als herzgesunde Alternative zur „arterienverstopfenden" tierischen Butter beworben.

Bereits in den frühen 1990er Jahren begann Walter Willett von der Harvard School of Public Health damit, die Langzeitwirkung von Transfetten systematisch zu untersuchen. Die Ergebnisse seiner Nurses' Health Study waren eindeutig: Wer viele Transfette konsumierte, hatte ein deutlich erhöhtes Herzinfarktrisiko. Transfette erhöhen das schädliche LDL-Cholesterin, senken das schützende HDL-Cholesterin und fördern systemische Entzündungen.

Quelle — BELEGT Willett WC et al.: „Intake of trans fatty acids and risk of coronary heart disease among women." The Lancet, 1993. — WHO: „REPLACE: Trans fat elimination" (2024). who.int — EU-Verordnung 2019/649 vom 24. April 2019: eur-lex.europa.eu

Dänemark war weltweit das erste Land mit einem faktischen Verbot industrieller Transfette — im Jahr 2003. Die Folge war dokumentiert: In den Jahren nach dem Verbot gingen kardiovaskuläre Todesfälle in Dänemark messbar zurück. Die EU benötigte weitere 18 Jahre, um einen Grenzwert — kein Verbot — einzuführen. Eine Kennzeichnungspflicht für Transfette existiert in Deutschland und der EU bis heute nicht.

Quelle — BELEGT Restrepo BJ, Rieger M.: „Denmark's policy on artificial trans fat and cardiovascular disease." American Journal of Preventive Medicine, 2016. — Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Transfette in Lebensmitteln, bzga.de

III. Fall 2 — Zucker: Die gekaufte Wissenschaft

Zucker / Sugar Research Foundation 1960er – heute
Empfehlung Zucker als kalorische Energie ohne Herzrisiko; Fett als eigentlicher Schuldiger
Finanzierung Sugar Research Foundation (heute: Sugar Association) zahlt 1961–1967 Harvard-Forschern 50.000 US-Dollar für „Projekt 226"
Ergebnis Projekt 226 Veröffentlichung im New England Journal of Medicine, 1967: Herzerkrankungen durch Fett, Rolle des Zuckers heruntergespielt
Aufdeckung 2016: Cristin Kearns, UCSF — Analyse von über 300 Archivdokumenten der Universitäten Harvard und Illinois. Veröffentlicht in JAMA Internal Medicine
Reaktion Harvard Schuldeingeständnis gegenüber University of California. Drei der damaligen Forscher sind verstorben.
Status BELEGT

In den 1950er Jahren begannen Wissenschaftler, einen Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Herzerkrankungen zu dokumentieren. Der britische Ernährungswissenschaftler John Yudkin sammelte Belege, die Zucker als wesentlichen Faktor für koronare Herzkrankheiten auswiesen. Gleichzeitig propagierte Ancel Keys, ein US-amerikanischer Ernährungswissenschaftler, eine Gegenhypothese: Das Herzinfarktrisiko stamme primär aus Fett. Keys' Sieben-Länder-Studie, die auf dem Titelblatt der New York Times erschien, wurde später kritisiert, weil von 22 untersuchten Ländern nur die sieben mit passenden Ergebnissen veröffentlicht wurden.

„Die Forscher hatten sich vom SRF bestechen lassen."

Analyse von Cristin Kearns et al., JAMA Internal Medicine, 2016 — nach Auswertung von über 300 Archivdokumenten

Die Sugar Research Foundation finanzierte unter dem internen Namen „Projekt 226" eine Übersichtsstudie, die 1967 im renommierten New England Journal of Medicine erschien. Die Studie schrieb Herzinfarkte überwiegend dem Fettkonsum zu und spielte die Rolle des Zuckers herunter. Dass die Forscher — darunter der spätere Harvard-Professor Mark Hegsted — für diese Schlussfolgerungen bezahlt worden waren, wurde in den Archivdokumenten erst 2016 nachgewiesen.

Primärquelle — BELEGT Kearns CE, Schmidt LA, Glantz SA: „Sugar Industry and Coronary Heart Disease Research." JAMA Internal Medicine, 2016. DOI: 10.1001/jamainternmed.2016.5394 — Originalarchivdokumente: industrydocuments.ucsf.edu

John Yudkin, der unabhängige Forscher, der schon in den 1960ern auf Zucker als Herzrisikofaktor hingewiesen hatte, wurde durch eine koordinierte Kampagne der Zuckerlobby systematisch diskreditiert. Er starb 1995 als weitgehend vergessener Wissenschaftler. Sein Buch „Pure, White and Deadly" von 1972 wurde erst nach seiner Rehabilitation durch die JAMA-Studie von 2016 wieder breit rezipiert.

IV. Fall 3 — Glyphosat: Die zurückgezogene Studie

Glyphosat / Roundup (Monsanto/Bayer) 1974 – heute
Offizielle Position BfR und EFSA: „Bei sachgemäßer Anwendung kein krebserregendes Risiko"
IARC 2015 Klassifizierung: „wahrscheinlich krebserregend für Menschen" (Gruppe 2A). Gleichzusetzen mit Schichtarbeit, rotem Fleisch und Emissionen aus Hochtemperatur-Bratprozessen
Schlüssel-Kontroverse BfR übernahm für seinen EU-Bewertungsbericht Teile aus Monsanto-eigenen Unterlagen — dokumentiert durch Plagiatsgutachten, publiziert durch Heinrich-Böll-Stiftung
Rückzug Schlüsselstudie Dezember 2025: Fachzeitschrift „Regulatory Toxicology and Pharmacology" zieht zentrale Unbedenklichkeitsstudie aus dem Jahr 2000 zurück — wegen schwerer ethischer Mängel und Monsanto-Verbindungen der Autoren
US-Klagen Bayer hat seit Monsanto-Übernahme 2018 rund 10 Milliarden US-Dollar für Vergleiche in Glyphosat-Klagen aufgewendet
Status Karzinogenität WISSENSCHAFTLICH OFFEN

Glyphosat ist der meistverkaufte Herbizidwirkstoff weltweit, ursprünglich entwickelt von Monsanto unter dem Markennamen Roundup. Seit 1974 zugelassen, wurde er in den Folgejahrzehnten zunehmend im Verbund mit gentechnisch veränderten, glyphosatresistenten Pflanzen verwendet — ein Geschäftsmodell, das beide Produkte wechselseitig abhängig machte.

Im März 2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der WHO, Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend für Menschen" ein — Gruppe 2A, die zweithöchste Risikokategorie. Zur selben Kategorie zählen unter anderem rotes Fleisch, Emissionen von Hochtemperaturprozessen und Schichtarbeit.

Primärquelle — BELEGT IARC Monograph 112 (2015): „Glyphosate." Volltext: monographs.iarc.who.int — BfR: FAQ vom 11. Dezember 2015 zur abweichenden Bewertung. bfr.bund.de

Gleichzeitig kamen BfR (Deutschland) und EFSA (EU) zu einem anderen Ergebnis: Bei sachgerechter Anwendung sei kein krebserregendes Risiko ableitbar. Die Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichte 2022 ein Plagiatsgutachten, demzufolge das BfR für seinen EU-Bewertungsbericht ganze Absätze und Bewertungen unabhängiger Studien aus Monsanto-eigenen Dokumenten übernommen habe — ohne Kennzeichnung als Industriequelle.

Quelle — BELEGT Heinrich-Böll-Stiftung: „Glyphosat-Zulassung: Copy & Paste der Behörden", Januar 2022. boell.de — Plagiatsgutachten: Ganze Absätze des BfR-Berichts stammen aus Monsanto-Unterlagen.

Im Dezember 2025 zog das Fachjournal „Regulatory Toxicology and Pharmacology" eine Schlüsselstudie aus dem Jahr 2000 zurück — nach 25 Jahren Zirkulation als zentrales Sicherheitsargument. Begründung des Verlags Elsevier: schwere ethische Mängel und nicht ordnungsgemäß offengelegte Verbindungen der Autoren zu Monsanto. Bayer wies die Kritik zurück.

Quelle — BELEGT Pharmazeutische Zeitung: „Umstrittene Glyphosat-Studie nach 25 Jahren zurückgezogen", Dezember 2025. pharmazeutische-zeitung.de — Deutsches Ärzteblatt: Gleiche Meldung, Dezember 2025. aerzteblatt.de

Die wissenschaftliche Frage der Karzinogenität bei üblicher Nahrungsexposition ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht abschließend beantwortet. Was dokumentiert ist: Eine zentrale Studie, auf die Zulassungsbehörden sich jahrelang stützten, wurde wegen Industrie-Verbindungen zurückgezogen. Die Behörde, die den EU-Bewertungsbericht verfasste, übernahm nachweislich Formulierungen aus Monsanto-Dokumenten.

V. Fall 4 — Aspartam: Möglicherweise krebserregend — und trotzdem zugelassen

Aspartam (E951) — Süßstoff 1981 – heute
Einsatz Light- und Zero-Getränke, Kaugummi, Joghurt, Vitamintabletten, Hustensaft, Zahnpasta
Zulassung EU Seit 1994 (RL 94/35/EG), bestätigt durch EFSA-Neubewertung 2013
IARC Juni 2023 Einstufung „möglicherweise krebserregend für Menschen" (Gruppe 2B) — auf Basis begrenzter Hinweise auf hepatozelluläres Karzinom (Leberkrebs)
JECFA Juli 2023 Gleichzeitig: WHO-Risikokomitee bestätigt bestehenden ADI-Wert (40 mg/kg Körpergewicht/Tag) — sieht keine überzeugenden Beweise für Krebsrisiko bei üblicher Aufnahme
Widerspruch IARC bewertet Gefahrenpotenzial. JECFA bewertet Risiko bei realer Exposition. Beide Aussagen sind methodisch verschieden — beide stammen von WHO-Unterorganisationen
Status EXTRAPOLATION bzgl. Langzeitwirkung BELEGT: IARC 2B-Einstufung

Aspartam ist seit über vier Jahrzehnten einer der meistverwendeten Süßstoffe weltweit. Im Juni 2023 stufte die IARC ihn in die Risikogruppe 2B ein — „möglicherweise krebserregend" — auf Basis begrenzter Hinweise auf hepatozelluläres Karzinom (Leberkrebs). Die Klassifizierung basiert auf der Stärke der Evidenz, nicht auf dem konkreten Risiko bei normaler Konsummenge.

Zur Einordnung: Gruppe 2B umfasst auch Kaffee (bis 2016 in Kalifornien), Aloe-vera-Extrakte und Pickles. Gruppe 1 (nachweislich krebserregend) umfasst Alkohol, verarbeitetes Fleisch und Tabak. Aspartam steht damit auf einer mittleren Warnstufe — aber es ist die erste offizielle WHO-Unterorganisation, die eine solche Einstufung vorgenommen hat, nachdem der Stoff jahrzehntelang als vollständig unbedenklich galt.

Primärquelle — BELEGT WHO/IARC: „Carcinogenicity of aspartame, methyleugenol, and isoeugenol." The Lancet Oncology, DOI: 10.1016/S1470-2045(23)00341-8, Juli 2023. — DKFZ Krebsinformationsdienst: Einordnung der IARC-Einstufung. krebsinformationsdienst.de

Gleichzeitig bestätigte das WHO-Risikokomitee JECFA den bestehenden ADI-Wert und sah keinen Anlass zur Änderung der Zulassung. Die WHO räumte offen ein, dass die Ergebnisse beider Ausschüsse nicht widerspruchsfrei sind und weitere Langzeitstudien erforderlich sind. Der Stoff ist weiterhin zugelassen. Verbrauchern ist es nicht möglich, ohne aktives Etikettenlesen zu erkennen, ob ein Produkt Aspartam enthält.

VI. Das Muster — strukturell betrachtet

Die vier Fälle weisen trotz unterschiedlicher Substanzen und Branchen dieselbe Grundstruktur auf. Diese Tabelle dokumentiert das Muster — ohne Motive zu unterstellen.

Schritt Transfette Zucker Glyphosat Aspartam
1. Einführung ~1910 Massenkonsum ab 1950ern 1974 1981 (EU: 1994)
2. Gesundheitsversprechen „Herzgesund, cholesterinfrei" „Kalorienquelle, kein Herzrisiko" „Sicher bei sachgerechter Anwendung" „Sicherer Zuckerersatz"
3. Erste Gegenevidenz Frühe 1990er (Willett/Harvard) 1960er (Yudkin) 2015 (IARC) 2023 (IARC)
4. Industrie-Reaktion Stillschweigende Neuformulierung Harvard-Studie finanziert, Yudkin diskreditiert BfR-Plagiat, Studie zurückgezogen Süßstoffindustrie kritisiert IARC-Methodik
5. Regulatorische Reaktion EU-Grenzwert 2021 (kein Verbot) WHO <5%-Empfehlung 2015 Weiterhin zugelassen (EU bis 2033) Weiterhin zugelassen
6. Verzögerung ~30 Jahre zwischen Willett-Studie und EU-Reaktion ~50 Jahre zwischen Yudkin und JAMA-Aufdeckung Bewertung offen seit 2015 Langzeitstudien fehlen laut WHO
Methodik-Hinweis Die Tabelle dokumentiert zeitliche Abläufe und belegte Ereignisse — keine Motive. Die Frage, warum Regulierung verzögert wurde, ist eine strukturelle, nicht eine personale. Industriefinanzierte Forschung ist in allen vier Fällen nachgewiesen oder dokumentiert. Kausalaussagen über Absicht werden nicht getroffen.

VII. Die Tabakstrategie als Referenzdokument

Für die Tabakindustrie existiert der stärkste Beleg für die systematische Unterdrückung und Verzögerung von Gesundheitsforschung. Interne Dokumente, die in US-Zivilprozessen publik wurden, belegten: Die Industrie wusste spätestens in den 1950er Jahren von der karzinogenen Wirkung des Rauchens und entwickelte intern eine Strategie, Zweifel an der Wissenschaft zu säen — lange vor dem öffentlichen Eingeständnis.

Der Wissenschaftshistoriker Robert Proctor prägte dafür den Begriff „Agnotologie" — die organisierte Produktion von Unwissenheit. Das Muster, das er für Tabak beschrieb, wurde in den Folgejahrzehnten in Peer-reviewed-Studien für die Zucker-, Transfett- und Pestizidbranche nachgewiesen.

Quelle — BELEGT Robert N. Proctor: „Golden Holocaust. Origins of the Cigarette Catastrophe and the Case for Abolition." University of California Press, 2012. — Oreskes N, Conway EM: „Merchants of Doubt." Bloomsbury Press, 2010 — dokumentiert dieselbe Strategie für Tabak, sauren Regen, Ozonloch.

VIII. Was dokumentiert ist — und was offen bleibt

Aussage Status
Transfette erhöhen das Herzinfarktrisiko und wurden jahrzehntelang als herzgesund vermarktet BELEGT
Sugar Research Foundation finanzierte 1961 Harvard-Forscher mit 50.000 USD für Projekt 226 BELEGT
BfR übernahm für EU-Glyphosat-Bericht Passagen aus Monsanto-Dokumenten BELEGT (Plagiatsgutachten)
Zentrale Glyphosat-Studie (2000) nach 25 Jahren wegen Monsanto-Verbindungen zurückgezogen BELEGT
IARC stuft Aspartam als „möglicherweise krebserregend" ein (Gruppe 2B) BELEGT
Langzeitwirkung von Aspartam bei üblicher Dosierung OFFEN — laut WHO weiterer Forschungsbedarf
Ob Verzögerungen auf koordinierte Industriestrategie zurückgehen EXTRAPOLATION — für Zucker nachgewiesen, für andere Fälle strukturell naheliegend, nicht vollständig belegt
Ob Regulierungsbehörden aktiv beeinflusst wurden EXTRAPOLATION — für BfR/Glyphosat dokumentiert, systematisch nicht nachgewiesen

John Yudkin hatte in den 1960er Jahren nachgewiesen, dass Zucker ein Herzrisikofaktor ist. Er wurde diskreditiert. Die Studie, die seine Arbeit in Fachkreisen widerlegte, war von der Zuckerindustrie bezahlt. Das wurde erst 2016 bekannt — 21 Jahre nach seinem Tod.

Walter Willett zeigte 1993 die Schädlichkeit von Transfetten. Die EU reagierte 2021 — mit einem Grenzwert, keinem Verbot, und ohne Kennzeichnungspflicht.

Eine Glyphosat-Studie, die als Sicherheitsbeleg für Zulassungsbehörden diente, wurde im Dezember 2025 wegen nicht offengelegter Monsanto-Verbindungen zurückgezogen.

Welche Substanzen, die heute als unbedenklich gelten, in zwanzig oder dreißig Jahren in einer ähnlichen Tabelle stehen werden — ist eine offene Frage.

Quellenverzeichnis

Peer-reviewed Primärstudien:

Willett WC et al.: „Intake of trans fatty acids and risk of coronary heart disease." The Lancet, 1993.
Kearns CE, Schmidt LA, Glantz SA: „Sugar Industry and Coronary Heart Disease Research." JAMA Internal Medicine, 2016. DOI: 10.1001/jamainternmed.2016.5394
IARC Monograph 112 (2015): Glyphosate. monographs.iarc.who.int
Riboli E et al.: „Carcinogenicity of aspartame." The Lancet Oncology, 2023. DOI: 10.1016/S1470-2045(23)00341-8

Behörden und Institutionen:

WHO: „REPLACE Trans fat elimination" (2024) — who.int
EU-Verordnung 2019/649 (Transfette-Grenzwert) — eur-lex.europa.eu
BfR: FAQ Glyphosat, Dezember 2015 — bfr.bund.de
DKFZ Krebsinformationsdienst: Aspartam-Einordnung — krebsinformationsdienst.de

Investigativ / Aufarbeitung:

Heinrich-Böll-Stiftung: „Glyphosat-Zulassung: Copy & Paste der Behörden", 2022 — boell.de
Pharmazeutische Zeitung: Rückzug Glyphosat-Studie, Dezember 2025 — pharmazeutische-zeitung.de
Deutsches Ärzteblatt: Zucker-Industrie und Harvard, September 2016 — aerzteblatt.de

Wissenschaftsgeschichte:

Robert N. Proctor: „Golden Holocaust." UC Press, 2012.
Oreskes N, Conway EM: „Merchants of Doubt." Bloomsbury, 2010.
UCSF Industry Documents Library: industrydocuments.ucsf.edu

Hinweis zur Methodik Alle Angaben basieren auf öffentlich zugänglichen Primärquellen, peer-reviewten Studien und dokumentiertem Fachjournalismus. Wo Kausalzusammenhänge nicht abschließend belegt sind, wird dies explizit als OFFEN oder EXTRAPOLATION gekennzeichnet. Motive werden nicht unterstellt. Strukturen werden dokumentiert.