Das stille Imperium
Wenn Brot im Supermarktregal liegt, denkt niemand an ein Unternehmen namens Louis Dreyfus. Wenn Sojaöl in der Pfanne brutzelt, denkt niemand an Cargill. Und doch führt der Weg vom Feld zum Teller in den meisten Fällen durch die Hände von vier Konzernen, die zusammen so viel Getreide, Ölsaaten und Eiweißfrüchte bewegen wie kaum eine andere Gruppe von Unternehmen weltweit. Branchenintern nennt man sie das „ABCD-Quartett": Archer-Daniels-Midland, Bunge, Cargill, Dreyfus.
Sie alle wurden zwischen 1818 und 1902 gegründet — größtenteils als Familienunternehmen, drei davon stehen bis heute unter dem Einfluss ihrer Gründerfamilien. BELEGT Sie besitzen keine Ackerflächen im nennenswerten Umfang. Sie besitzen etwas Mächtigeres: die Infrastruktur dazwischen — Silos, Häfen, Hochseeschiffe, Eisenbahnen, Ölmühlen, Raffinerien. BELEGT
Wie groß ist „groß"?
Die genaue Zahl variiert je nach Quelle und Rohstoff erheblich — und genau diese Unschärfe ist Teil des Problems: Die Konzerne sind größtenteils nicht börsennotiert oder legen ihre Handelsvolumina nicht offen. OFFEN Verlässliche, unabhängig geprüfte Marktanteilszahlen existieren kaum. Was existiert, sind Schätzungen aus wissenschaftlichen Studien, NGO-Berichten und einer 2023 im Auftrag des Agrarausschusses des EU-Parlaments erstellten Untersuchung.
Andere Quellen — etwa die Oxfam-Studie „Cereal Secrets" oder landwirtschaftliche Fachverbände — nennen für den reinen Getreidehandel Anteile von bis zu 90 Prozent. Die Zahlen widersprechen sich nicht zwangsläufig: Sie messen unterschiedliche Dinge (Gesamt-Agrarrohstoffhandel vs. reiner Getreidehandel, unterschiedliche Zeiträume, unterschiedliche Länder). Was sich durch alle Quellen zieht, ist die strukturelle Grundaussage: eine Handvoll Unternehmen kontrolliert einen unverhältnismäßig großen Teil eines Marktes, von dem die Ernährung von Milliarden Menschen abhängt. BELEGT
Die Fusion, die den Markt neu ordnete
Im Juni 2023 kündigten Bunge und Viterra ihre Fusion an — ein Zusammenschluss im Volumen von rund 34 Milliarden US-Dollar. BELEGT Es dauerte über zwei Jahre und mehrere kartellrechtliche Prüfungen, bis der Deal am 2. Juli 2025 endgültig abgeschlossen wurde.
Bunge und Viterra (Tochterunternehmen der Schweizer Glencore-Gruppe) geben Fusionspläne bekannt. BELEGT
Die EU-Kommission genehmigt die Fusion — unter Auflagen: Bunge und Viterra müssen das gesamte Ölsaatengeschäft von Viterra in Ungarn und Polen sowie zugehörige Logistikanlagen verkaufen, um Wettbewerbsbedenken bei Raps und Sonnenblumenkernen in Mitteleuropa auszuräumen. BELEGT
Chinas Kartellbehörde erteilt als letzte große Regulierungsinstanz ihre Zustimmung. BELEGT
Die Fusion wird offiziell vollzogen. Glencore erhält 900 Millionen US-Dollar in bar sowie einen Anteil von 16,4 Prozent am fusionierten Unternehmen. Bunge steigt mit geschätzt über 100 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz zur Nummer zwei hinter Cargill auf — vor ADM. BELEGT
Die kanadische Wettbewerbsbehörde und der Verband landwirtschaftlicher Erzeuger von Saskatchewan (APAS) hatten vor der Fusion Bedenken geäußert, dass sich die Marktmacht bei Getreide- und Rapsankäufen in Westkanada weiter konzentrieren könnte. BELEGT Ob und wie sich diese Sorge nach Vollzug der Fusion konkret bestätigt hat, ist bislang nicht unabhängig ausgewertet. OFFEN
Umsatzvergleich: Die neuen Größenordnungen
| Konzern | Jahresumsatz (ca.) | Position im Ranking |
|---|---|---|
| Cargill | 160 Mrd. USD (2024) | 1 |
| Bunge (nach Viterra-Fusion) | über 100 Mrd. USD | 2 |
| ADM | ca. 85 Mrd. USD (2024) | 3 |
| Louis Dreyfus | nicht öffentlich beziffert | – |
Quelle: Unternehmensangaben, zitiert bei topagrar.com und ORF. Cargill ist als Privatunternehmen nicht zur vollständigen Offenlegung verpflichtet — Umsatzzahlen basieren teils auf Selbstauskunft. OFFEN
Mehr als Handel: die vertikale Kette
Was die ABCD-Konzerne von reinen Rohstoffhändlern unterscheidet, ist ihre vertikale Integration. Sie verkaufen Saatgut und Dünger an Landwirte, kaufen deren Ernte auf, lagern sie in eigenen Silos, verschiffen sie über eigene oder gecharterte Hochseeflotten, verarbeiten sie in eigenen Ölmühlen zu Nahrungsmitteln, Tierfutter oder Biokraftstoff weiter — und sind zunehmend auch im Finanzhandel mit Agrarrohstoff-Derivaten aktiv. BELEGT Ein Landwirt, der Saatgut von einem dieser Konzerne bezieht, kann am Ende der Kette an denselben Konzern verkaufen, der wiederum an einen Verarbeiter verkauft, der ebenfalls zu einem der vier gehören kann.
Warnung aus Brüssel
Die eingangs erwähnte Studie für den Agrarausschuss des EU-Parlaments beschränkt sich nicht auf Marktanteilsschätzungen. Sie warnt explizit davor, dass die Rohstoffhändler ihre Marktposition und ihre detaillierten Kenntnisse über Angebot und Nachfrage für exzessive Spekulationen missbrauchen könnten — zulasten von Landwirten und Verbrauchern. Die Studie empfiehlt der Politik, mehr Markttransparenz zu schaffen, und regt an, eine Übergewinnsteuer zu prüfen. BELEGT
Die Reaktionen deutscher Abgeordneter auf die Studie fielen gemischt aus. BELEGT Eine konkrete regulatorische Konsequenz — etwa eine tatsächlich eingeführte Übergewinnsteuer auf Agrarhandelsgewinne — ist bislang nicht dokumentiert. OFFEN
Was das für den nächsten Teil bedeutet
Wer Getreide handelt, braucht Saatgut, das angebaut wird. Und hier beginnt eine zweite, noch stärker konzentrierte Ebene der Kontrolle: Patente auf genetisches Material, das am Anfang jeder Ernte steht — bevor ein Landwirt überhaupt einen Vertrag mit einem der Handelskonzerne unterschreibt. Davon handelt Teil 2 dieser Serie.
- Teil 1 — Das stille Imperium (ABCD-Quartett, Marktkonzentration)
- Teil 2 — Saatgut und Patente
- Teil 3 — Das Höfesterben
- Teil 4 — Insekten als Nahrung
- Teil 5 — Laborfleisch
- Teil 6 — Wasser als Ware
- Teil 7 — Mercosur
- Teil 8 — Konzerne & Handel
- Teil 9 — Gentechnik ohne Kennzeichnung
- Teil 10 — Skandale: Gestern gesund, heute gefährlich
- Teil 11 — Wer taucht überall auf? (Abschluss)
- Bonus 1 — Vertical Farming
- Bonus 2 — Das BioNTech-Prinzip
- Bonus 3 — Stress als Nährstoff
Vier Familienunternehmen, gegründet im 19. Jahrhundert, kontrollieren heute einen Markt, von dem die Welternährung abhängt — ohne dass die meisten Verbraucher ihre Namen je gehört haben. Ist das ein Naturgesetz freier Märkte, oder das Ergebnis von 150 Jahren ungestörter Konsolidierung? Und was bedeutet es, wenn eine Studie des EU-Parlaments selbst vor Marktmachtmissbrauch warnt — ohne dass daraus bislang Konsequenzen gefolgt sind?