Kein Produkt in der EU zugelassen — erste Anträge laufen, fötales Kälberserum ungeklärt, Investoren und Institutionen in Position
Kultiviertes Fleisch, auch bezeichnet als Laborfleisch, In-vitro-Fleisch oder zellbasiertes Fleisch, sind Nahrungsmittel, die Zellen tierischen Ursprungs enthalten, die in einem Bioreaktor künstlich vermehrt wurden. BELEGT
Der Herstellungsprozess, dokumentiert im Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages (2024): Aus einem Nutztier werden in einer Biopsie Muskelstammzellen entnommen. Diese werden in einem Bioreaktor unter Zugabe von Nährmedien, Wachstumsfaktoren und anderen Substanzen massenhaft vermehrt. Die dabei entstehenden dünnen Fleischschichten werden dann weiterverarbeitet. BELEGT
Ein zentrales, in der öffentlichen Debatte selten explizit benanntes Problem: Für die Zellkultur wird bisher üblicherweise fötales Kälberserum (FKS) benötigt. Es wird aus dem Blut bis zu drei Monate alter ungeborener Kälber mittels Herzpunktion gewonnen. BELEGT
Forschende und Unternehmen suchen nach einem tierfreien Ersatz. Eine vollständig FKS-freie Massenproduktion ist Stand 2026 industriell noch nicht etabliert. OFFEN Die Bundestagsrecherche hält fest: „Chemische oder biologische Prozesshilfsstoffe können Gegenstand der Risikobewertung sein, wenn sie teils im Produkt verbleiben."
In der EU ist kein Produkt aus kultiviertem Fleisch für den menschlichen Verzehr zugelassen. Stand Juni 2026 laufen erste Zulassungsanträge. BELEGT
| Land / Region | Status | Details |
|---|---|---|
| Singapur | Zugelassen seit 2020 | Weltweit erste Zulassung — kultiviertes Hühnerfleisch (Good Meat) |
| USA | Zugelassen seit Juni 2023 | USDA-Zulassung für Good Meat und Upside Foods (Hühnerfleisch). Mehrere US-Bundesstaaten haben inzwischen Verbote erlassen: Florida, Alabama, Mississippi, Montana, Indiana u.a. |
| Großbritannien | Teilweise | Juli 2024: Erste Zulassung für kultiviertes Hühnerfleisch — für Tiernahrung (Meatly) |
| Australien / Neuseeland | Zugelassen 2025/26 | FSANZ: Keine gesundheitlichen Bedenken nach Prüfung. Kennzeichnung „zellkultiviert" vorgeschrieben. |
| EU | Nicht zugelassen | Erste Anträge seit 2023/2024/2025 in Vorverfahren oder Prüfung bei EFSA. Kein Produkt verkaufsgenehmigt. |
| Italien | Verboten | Nationales Verbot für Herstellung und Vermarktung. Österreich und Frankreich forderten 2024 EU-weite Folgenabschätzung vor jeder Zulassung. |
Der Sektor kultiviertes Fleisch wird primär durch Risikokapital finanziert. Europäische Unternehmen in diesem Bereich sammelten in den ersten drei Quartalen 2023 insgesamt 124,9 Millionen US-Dollar ein — mehr als im gesamten Jahr 2022. 2024 sanken die Investitionen in kultiviertes Fleisch in Europa um 59 Prozent auf 48 Millionen Euro, während Präzisionsfermentation und Biomassefermentation wuchsen. BELEGT
Das Good Food Institute ist ein gemeinnütziger Think Tank mit Sitz in den USA und europäischen Büros (GFI Europe). Es bezeichnet sich selbst als Interessenvertreter für pflanzliche und kultivierte Fleischalternativen — gegenüber Wissenschaft, Regulierungsbehörden und Investoren. BELEGT
Das GFI tritt in EU-Zulassungsverfahren öffentlich als Kommentator auf. Seth Roberts, Policy Manager beim GFI Europe, erklärte zum Cultivated-B-Antrag: „Die Verfügbarkeit von kultiviertem Fleisch in Europa würde einen Paradigmenwechsel für den Sektor bedeuten." BELEGT
Das GFI vergibt Forschungsstipendien an Universitäten, kaufte 2024 Zelllinien des insolventen Start-ups SCiFi Foods auf und stellt diese Forschungseinrichtungen zur Verfügung. Das GFI finanziert sich nach eigenen Angaben durch Spenden; eine vollständige öffentliche Auflistung der Geldgeber ist auf der GFI-Website nicht aufgeführt. OFFEN
Bill Gates ist persönlich oder über seinen Investitionsfonds Breakthrough Energy Ventures in mehrere Unternehmen für alternative Proteine investiert, darunter Beyond Meat, Impossible Foods und Memphis Meats (heute Upside Foods). BELEGT Diese Beteiligungen wurden von MIT Technology Review in einem Interview mit Gates im Februar 2021 veröffentlicht.
Gates ergänzte in demselben Interview: „You can get used to the taste difference, and the claim is they're going to make it taste even better over time. Eventually, that green premium is modest enough that you can sort of change the behaviour of people or use regulation to totally shift the demand." BELEGT
In seinem 2021 erschienenen Buch „How to Avoid a Climate Disaster" schrieb Gates, pflanzliches und kultiviertes Fleisch könne konventionelles Fleisch in vielen Situationen ersetzen, ohne Treibhausgase zu erzeugen. Im selben Buch hält er fest, dass er Investor in mehrere der von ihm erwähnten Unternehmen ist. BELEGT
2022 relativierte Gates seine Empfehlung: Auf Menschen einzureden, sie sollten aufhören Fleisch zu essen, sei „zu schwierig" und nicht realistisch als zentrale Strategie. BELEGT
Österreich, Frankreich und Italien forderten im Januar 2024 in einer gemeinsamen Erklärung eine EU-weite Folgenabschätzung für strategische Autonomie und Ernährungssouveränität vor jeder Zulassung von kultiviertem Fleisch. BELEGT Der EU-Agrarministerrat diskutierte das Thema im Januar 2024. Italien erließ ein nationales Verbot.
Die EFSA-Leitlinien von 2024 verlangen für Zulassungsanträge kultivierter Fleischprodukte: BELEGT
Das GFI Europe warnte 2025 vor einem „Brain Drain": Biotech-Talente und Kapital würden zunehmend in die USA, nach Singapur oder nach Großbritannien abwandern, weil die EU-Zulassung zu lange dauere. BELEGT
In der EU ist kein kultiviertes Fleischprodukt für den menschlichen Verzehr zugelassen. Drei Unternehmen haben erste Verfahren eingeleitet. Das EFSA-Verfahren ist eines der strengsten weltweit — und zugleich politisch umstritten. Mehrere Mitgliedstaaten fordern Moratorien, ein Mitgliedstaat hat ein Verbot erlassen. Gleichzeitig werben Branchenverbände und Think Tanks intensiv für Zulassungsbeschleunigung.
Was geschieht mit Zelllinien und Nährmedien-IP, wenn wenige Unternehmen die Grundtechnologien kontrollieren? Welche Produzenten profitieren, wenn konventionelle Tierhaltung durch kultivierte Fleischproduktion ersetzt wird — und welche verlieren? Wie verhält sich die Klimabilanz kultivierter Fleischprodukte bei Massenproduktion mit nicht-erneuerbarer Energie? Und: Wer haftet, wenn Risikobewertungen auf Basis von Unternehmensdata nicht vollständig unabhängig nachgeprüft werden können?