SERIE — Wer kontrolliert, was wir essen?  |  Teil 5 von 11

Laborfleisch

Kein Produkt in der EU zugelassen — erste Anträge laufen, fötales Kälberserum ungeklärt, Investoren und Institutionen in Position

DUNKELFELD.REPORT  ·  Juni 2026  ·  Primärquellen: Wissenschaftlicher Dienst Bundestag (2024), EFSA, EUR-Lex, MIT Technology Review, Bill Gates „How to Avoid a Climate Disaster" (2021), GFI State of the Industry Report 2024

Was kultiviertes Fleisch ist — und wie es hergestellt wird

Kultiviertes Fleisch, auch bezeichnet als Laborfleisch, In-vitro-Fleisch oder zellbasiertes Fleisch, sind Nahrungsmittel, die Zellen tierischen Ursprungs enthalten, die in einem Bioreaktor künstlich vermehrt wurden. BELEGT

Der Herstellungsprozess, dokumentiert im Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages (2024): Aus einem Nutztier werden in einer Biopsie Muskelstammzellen entnommen. Diese werden in einem Bioreaktor unter Zugabe von Nährmedien, Wachstumsfaktoren und anderen Substanzen massenhaft vermehrt. Die dabei entstehenden dünnen Fleischschichten werden dann weiterverarbeitet. BELEGT

Das Problem des Nährmediums

Ein zentrales, in der öffentlichen Debatte selten explizit benanntes Problem: Für die Zellkultur wird bisher üblicherweise fötales Kälberserum (FKS) benötigt. Es wird aus dem Blut bis zu drei Monate alter ungeborener Kälber mittels Herzpunktion gewonnen. BELEGT

Forschende und Unternehmen suchen nach einem tierfreien Ersatz. Eine vollständig FKS-freie Massenproduktion ist Stand 2026 industriell noch nicht etabliert. OFFEN Die Bundestagsrecherche hält fest: „Chemische oder biologische Prozesshilfsstoffe können Gegenstand der Risikobewertung sein, wenn sie teils im Produkt verbleiben."

PRIMÄRQUELLE
Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages — „Fleisch aus Zellkultur" (WD 8, Dezember 2024): bundestag.de (PDF)
EFSA — Scientific Colloquium 27: Cell Culture-derived Foods (2024): efsa.europa.eu
EFSA — Aktualisierte Leitlinien Novel Food (Oktober 2024, gültig ab Februar 2025): efsa.onlinelibrary.wiley.com

Wo kultiviertes Fleisch zugelassen ist — und wo nicht

In der EU ist kein Produkt aus kultiviertem Fleisch für den menschlichen Verzehr zugelassen. Stand Juni 2026 laufen erste Zulassungsanträge. BELEGT

Land / Region Status Details
Singapur Zugelassen seit 2020 Weltweit erste Zulassung — kultiviertes Hühnerfleisch (Good Meat)
USA Zugelassen seit Juni 2023 USDA-Zulassung für Good Meat und Upside Foods (Hühnerfleisch). Mehrere US-Bundesstaaten haben inzwischen Verbote erlassen: Florida, Alabama, Mississippi, Montana, Indiana u.a.
Großbritannien Teilweise Juli 2024: Erste Zulassung für kultiviertes Hühnerfleisch — für Tiernahrung (Meatly)
Australien / Neuseeland Zugelassen 2025/26 FSANZ: Keine gesundheitlichen Bedenken nach Prüfung. Kennzeichnung „zellkultiviert" vorgeschrieben.
EU Nicht zugelassen Erste Anträge seit 2023/2024/2025 in Vorverfahren oder Prüfung bei EFSA. Kein Produkt verkaufsgenehmigt.
Italien Verboten Nationales Verbot für Herstellung und Vermarktung. Österreich und Frankreich forderten 2024 EU-weite Folgenabschätzung vor jeder Zulassung.

Der Stand in der EU: Erste Anträge, kein Grünes Licht

September 2023
The Cultivated B (Heidelberg, Tochter von Infamily Foods / Bärchenwurst-Hersteller) nimmt als weltweit erstes Unternehmen Gespräche mit der EFSA über die Zulassung eines Hybrid-Hotdogs auf (Kombination aus veganen Zutaten und kultiviertem Schweinefleisch aus Bioreaktor). EFSA-Vorverfahren eingeleitet.
Juli 2024
Gourmey (Frankreich) stellt ersten formellen Zulassungsantrag bei der EFSA — für kultivierte Entenleber.
Oktober 2024
EFSA veröffentlicht aktualisierte Leitlinien für Novel-Food-Anträge mit spezifischen Anforderungen für zellbasierte Lebensmittel. Gültig ab Februar 2025. Die Leitlinien verlangen u.a.: Nachweis der genetischen Stabilität der Zellen über den gesamten Produktionsprozess; Sicherheitsbewertung des Spendertiers; Charakterisierung aller Nährmedienbestandteile.
Dezember 2024
EFSA bestätigt: Antrag von Gourmey (Entenleber) läuft. Eignungsprüfung, ob Mindestanforderungen für eine Bewertung erfüllt sind.
Januar 2025
Mosa Meat (Niederlande, eines der ersten Start-ups für kultiviertes Rindfleisch) reicht Antrag in der EU ein — für kultiviertes Fett als Zutat für pflanzliche Fleischersatzprodukte (Burger-Pattys, Fleischbällchen).
Stand Juni 2026
Kein Zulassungsverfahren in der EU abgeschlossen. Das EFSA-Verfahren dauert nach Einreichung des vollständigen Dossiers mindestens 9 Monate für die Risikobewertung — historisch oft mehrere Jahre gesamt.
PRIMÄRQUELLEN
Wissenschaftlicher Dienst Bundestag — EU-Zulassungsverfahren kultiviertes Fleisch (Dezember 2024): bundestag.de (PDF)
Bioökonomie.de — Erstantrag The Cultivated B / EFSA: biooekonomie.de (englisch)
Top Agrar — Globaler Überblick Zulassungsstatus (Stand März 2026): topagrar.com

Wer investiert — und was das Good Food Institute ist

Der Sektor kultiviertes Fleisch wird primär durch Risikokapital finanziert. Europäische Unternehmen in diesem Bereich sammelten in den ersten drei Quartalen 2023 insgesamt 124,9 Millionen US-Dollar ein — mehr als im gesamten Jahr 2022. 2024 sanken die Investitionen in kultiviertes Fleisch in Europa um 59 Prozent auf 48 Millionen Euro, während Präzisionsfermentation und Biomassefermentation wuchsen. BELEGT

470 Mio. €
Gesamtinvestitionen alternative Proteine Europa 2024 (GFI State of Industry Report)
48 Mio. €
davon: kultiviertes Fleisch Europa 2024 (−59 % vs. 2023)
134 Mio. €
Investitionen alternative Proteine Deutschland 2024 (Rekord)
60 Mio. €
Staatliche Förderung Niederlande für Ökosystem kultiviertes Fleisch

Das Good Food Institute (GFI)

Das Good Food Institute ist ein gemeinnütziger Think Tank mit Sitz in den USA und europäischen Büros (GFI Europe). Es bezeichnet sich selbst als Interessenvertreter für pflanzliche und kultivierte Fleischalternativen — gegenüber Wissenschaft, Regulierungsbehörden und Investoren. BELEGT

Das GFI tritt in EU-Zulassungsverfahren öffentlich als Kommentator auf. Seth Roberts, Policy Manager beim GFI Europe, erklärte zum Cultivated-B-Antrag: „Die Verfügbarkeit von kultiviertem Fleisch in Europa würde einen Paradigmenwechsel für den Sektor bedeuten." BELEGT

Das GFI vergibt Forschungsstipendien an Universitäten, kaufte 2024 Zelllinien des insolventen Start-ups SCiFi Foods auf und stellt diese Forschungseinrichtungen zur Verfügung. Das GFI finanziert sich nach eigenen Angaben durch Spenden; eine vollständige öffentliche Auflistung der Geldgeber ist auf der GFI-Website nicht aufgeführt. OFFEN

PRIMÄRQUELLEN
GFI State of the Industry Reports 2024 (alternative Proteine Europa): gfi.org
GFI Europe — „A Taste of Tomorrow" (Systemiq, Februar 2024): wirtschaftliches Potenzial alternative Proteine Deutschland 2045: gfieurope.org
GFI-Erwerb SCiFi-Foods-Zelllinien (vegconomist, Oktober 2025): vegconomist.de

Bill Gates: Investor und Buchautor

Bill Gates ist persönlich oder über seinen Investitionsfonds Breakthrough Energy Ventures in mehrere Unternehmen für alternative Proteine investiert, darunter Beyond Meat, Impossible Foods und Memphis Meats (heute Upside Foods). BELEGT Diese Beteiligungen wurden von MIT Technology Review in einem Interview mit Gates im Februar 2021 veröffentlicht.

„Rich nations should move to 100% synthetic beef." — Bill Gates, MIT Technology Review, Februar 2021

Gates ergänzte in demselben Interview: „You can get used to the taste difference, and the claim is they're going to make it taste even better over time. Eventually, that green premium is modest enough that you can sort of change the behaviour of people or use regulation to totally shift the demand." BELEGT

In seinem 2021 erschienenen Buch „How to Avoid a Climate Disaster" schrieb Gates, pflanzliches und kultiviertes Fleisch könne konventionelles Fleisch in vielen Situationen ersetzen, ohne Treibhausgase zu erzeugen. Im selben Buch hält er fest, dass er Investor in mehrere der von ihm erwähnten Unternehmen ist. BELEGT

2022 relativierte Gates seine Empfehlung: Auf Menschen einzureden, sie sollten aufhören Fleisch zu essen, sei „zu schwierig" und nicht realistisch als zentrale Strategie. BELEGT

PRIMÄRQUELLEN
MIT Technology Review — Interview mit Bill Gates (Februar 2021): technologyreview.com
Gates, Bill — „How to Avoid a Climate Disaster", 2021 (Investorenangaben Kapitel alternative Proteine)
Fortune — Gates relativiert Empfehlung (September 2022): fortune.com
Euronews — Übersicht Gates' Positionen zu synthetischem Fleisch (September 2023): euronews.com

Politischer Widerstand in der EU — und offene Sachfragen

Österreich, Frankreich und Italien forderten im Januar 2024 in einer gemeinsamen Erklärung eine EU-weite Folgenabschätzung für strategische Autonomie und Ernährungssouveränität vor jeder Zulassung von kultiviertem Fleisch. BELEGT Der EU-Agrarministerrat diskutierte das Thema im Januar 2024. Italien erließ ein nationales Verbot.

Die EFSA-Leitlinien von 2024 verlangen für Zulassungsanträge kultivierter Fleischprodukte: BELEGT

Offene technische Fragen (Stand 2026):
Fötales Kälberserum: Für Massenproduktion aktuell noch keine vollständig etablierte Alternative. Was gelangt als Rückstand ins Endprodukt? Die EFSA verlangt diese Klärung. OFFEN

Energiebedarf: Bioreaktoren benötigen erhebliche Energiemengen. Die Klimabilanz kultivierter Fleischprodukte im Vergleich zu konventionellem Fleisch ist nach vorliegender Forschung nicht eindeutig. OFFEN

Skalierbarkeit: Die Produktion im Labormaßstab ist belegt. Massenproduktion zu wettbewerbsfähigen Preisen ist industriell noch nicht nachgewiesen. OFFEN

Das GFI Europe warnte 2025 vor einem „Brain Drain": Biotech-Talente und Kapital würden zunehmend in die USA, nach Singapur oder nach Großbritannien abwandern, weil die EU-Zulassung zu lange dauere. BELEGT

PRIMÄRQUELLEN
Wissenschaftlicher Dienst Bundestag — Zulassungsanforderungen EFSA 2024: bundestag.de (PDF)
Top Agrar — Österreich/Frankreich/Italien-Forderung Januar 2024: topagrar.com

In der EU ist kein kultiviertes Fleischprodukt für den menschlichen Verzehr zugelassen. Drei Unternehmen haben erste Verfahren eingeleitet. Das EFSA-Verfahren ist eines der strengsten weltweit — und zugleich politisch umstritten. Mehrere Mitgliedstaaten fordern Moratorien, ein Mitgliedstaat hat ein Verbot erlassen. Gleichzeitig werben Branchenverbände und Think Tanks intensiv für Zulassungsbeschleunigung.

Was geschieht mit Zelllinien und Nährmedien-IP, wenn wenige Unternehmen die Grundtechnologien kontrollieren? Welche Produzenten profitieren, wenn konventionelle Tierhaltung durch kultivierte Fleischproduktion ersetzt wird — und welche verlieren? Wie verhält sich die Klimabilanz kultivierter Fleischprodukte bei Massenproduktion mit nicht-erneuerbarer Energie? Und: Wer haftet, wenn Risikobewertungen auf Basis von Unternehmensdata nicht vollständig unabhängig nachgeprüft werden können?

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