SERIE — Wer kontrolliert, was wir essen?  |  Teil 7 von 11

Das Mercosur-Abkommen

Rindfleisch gegen Autos — und was mit Substanzen geschieht, die hier verboten sind

DUNKELFELD.REPORT  ·  Zuletzt aktualisiert: Juni 2026  ·  Primärquellen: EU-Kommission, EU-Parlament, EFFAT, WWF/Trase Amazon Footprint Report 2025, Germanwatch/AbL, Bundesregierung

25 Jahre Verhandlung — die Chronologie

Das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay gilt als das größte, das die EU jemals abgeschlossen hat. BELEGT

1991
Gründung des Mercosur (Mercado Común del Sur) als Wirtschaftsgemeinschaft.
1999
Offizielle Aufnahme der Verhandlungen zwischen EU und Mercosur.
Juni 2019
Grundsatzeinigung auf Handelskapitel; Einigung am brasilianischen Regenwald-Streit zunächst gescheitert.
6. Dezember 2024
Politische Einigung auf Partnerschaftsabkommen beim Mercosur-Gipfel.
9. Januar 2026
EU-Rat stimmt mit qualifizierter Mehrheit zu — gegen die Stimmen Frankreichs, Polens, Ungarns, Irlands und Österreichs; Belgien enthält sich.
17. Januar 2026
Unterzeichnung in Asunción (Paraguay) durch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die Mercosur-Präsidenten.
21. Januar 2026
EU-Parlament beschließt, das Abkommen vor Ratifizierung durch den Europäischen Gerichtshof prüfen zu lassen.
1. Mai 2026
Vorläufiges Inkrafttreten des Handelskapitels (Interim-Handelsabkommen). Das vollständige Partnerschaftsabkommen erfordert noch die Ratifizierung aller EU-Mitgliedstaaten.
PRIMÄRQUELLE
Wikipedia-Artikel mit ausführlicher Chronologie und Ratifizierungsstand (laufend aktualisiert): de.wikipedia.org/wiki/Freihandelsabkommen_EU-Mercosur
Bundesregierung zum vorläufigen Inkrafttreten (01.05.2026): bundesregierung.de — Mercosur Launch

Was das Abkommen konkret vorsieht

Kernstück ist der schrittweise Abbau von Zöllen auf über 90 Prozent aller Handelsgüter. BELEGT Die EU-Kommission gibt an, dadurch würden europäische Unternehmen jährlich mehr als vier Milliarden Euro an Zollgebühren einsparen.

700 Mio.
Menschen in der entstehenden Freihandelszone
91 %
EU-Exporte in Mercosur künftig zollfrei
93 %
Mercosur-Exporte in die EU künftig zollfrei oder begünstigt
111 Mrd. €
Handelsvolumen EU–Mercosur 2024

Die Logik des Tausches ist deutlich: Die EU exportiert Industrieprodukte — Fahrzeuge (auf die Mercosur derzeit bis zu 35 % Zoll erhebt), Maschinen, Chemikalien, Pharmazeutika. Der Mercosur exportiert Agrarprodukte — Rindfleisch, Geflügel, Soja, Zucker, Kaffee. BELEGT

„Grob gesagt geht es um Rindfleisch gegen Autos." — taz, 17. Januar 2026

Importquoten für Agrarprodukte

Für sogenannte „sensible" Agrarprodukte sieht das Abkommen Quoten vor — Mengen, bis zu denen reduzierte oder Nullzölle gelten. Darüber hinaus greifen wieder höhere Tarife. BELEGT

Produkt Quote (Endmenge) Zollsatz in der Quote Anteil EU-Produktion
Rindfleisch 99.000 t/Jahr 7,5 % ca. 1,5 %
Geflügelfleisch 180.000 t/Jahr 0 % (zollfrei) ca. 1,3 %
Zucker 180.000 t + 10.000 t Industrie 0 % (zollfrei) ca. 1,1 %
Honig 45.000 t/Jahr 0 % (zollfrei) ca. 10 % des EU-Verbrauchs
Reis 60.000 t/Jahr reduziert
Ethanol (Chemie) 450.000 t/Jahr 0 % (zollfrei)

Die 99.000 Tonnen Rindfleisch entsprechen der höchsten Marktöffnungsquote, die die EU je einem Handelspartner gewährt hat. BELEGT Bei den Rindfleischimporten handelt es sich überwiegend um sogenannte „Edelteile" — was bedeutet, dass wertmäßig deutlich mehr als 1,5 Prozent des EU-Marktes betroffen sein könnten.

PRIMÄRQUELLEN
EU-Kommission FAQ zum Partnerschaftsabkommen: germany.representation.ec.europa.eu
Bundesministerium für Landwirtschaft FAQ (BMLEH, Stand Mai 2026): bmleh.de
Germanwatch / AbL Factsheet Agrarhandel: germanwatch.org (PDF)

Was das Abkommen für EU-Landwirte bedeutet

Europäische Bauernverbände und Gewerkschaften sehen das Abkommen als strukturelle Wettbewerbsverzerrung. BELEGT

Der Deutsche Bauernverband (DBV) erklärte offiziell, das Agrarkapitel begünstige eindeutig die Mercosur-Erzeuger und bringe negative Markteffekte bei Rindfleisch, Geflügel, Zucker und Ethanol. DBV-Präsident Joachim Rukwied: Zukünftig würden Lebensmittel importiert, die mit deutlich niedrigeren Tierwohl-, Umwelt- und Sozialstandards erzeugt wurden. BELEGT

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) dokumentierte: Geflügelfleischimporte aus Mercosur-Staaten machen bereits rund ein Drittel der gesamten EU-Geflügelimporte aus — sowohl mengen- als auch wertmäßig. Die geplante Zusatzquote von 180.000 Tonnen würde diesen Druck weiter erhöhen. BELEGT

„Heimische Landwirte werden zu Tode kontrolliert, müssen jeden bürokratischen Wahnsinn ertragen — und gleichzeitig öffnet man die Schleusen für unkontrolliertes, sogar wissentlich gesundheitsgefährdendes Billigfleisch aus Übersee." — FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz, Mai 2026 (im Kontext österreichischer Kontrollfunde von Antibiotika-belastetem Rindfleisch aus Brasilien, März 2026)

Der Europäische Gewerkschaftsverband für Lebensmittel, Landwirtschaft und Tourismus (EFFAT) dokumentierte: Über 30 in Brasilien für Zuckerrohr zugelassene Wirkstoffe sind in der EU für Zuckerrüben verboten. Für Mais sind 52 Prozent der in Brasilien zugelassenen Wirkstoffe in der EU nicht zugelassen. BELEGT

PRIMÄRQUELLE
EFFAT — Gemeinsame Erklärung europäischer Agrar- und Arbeitsverbände (Copa-Cogeca, ZDG, AVEC, CEFS u.a.), November 2025: effat.org
Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Januar 2026: dgs-magazin.de / ZDG

Der Doppelstandard: Was hier verboten ist, wird dort gespritzt — und kommt zurück

Das Freihandelsabkommen enthält eine strukturelle Asymmetrie, die in der öffentlichen Debatte selten explizit benannt wird. BELEGT

Die Heinrich-Böll-Stiftung dokumentierte: Von den zehn meistverkauften Pestiziden in Brasilien im Jahr 2021 sind vier in der EU verboten. Bayer-Vorstandsvorsitzender Hermann J. Strenger formulierte das zugrundeliegende Prinzip bereits 1988 ohne Umschweife: „In der Tat haben wir zum Beispiel in Brasilien nicht Gesetze wie in der Bundesrepublik." BELEGT

Das Mercosur-Abkommen erleichtert nun den Handel mit Erzeugnissen, die unter Einsatz dieser Substanzen produziert wurden. Die EU-Kommission verweist darauf, dass für alle Importe in die EU das EU-Recht bezüglich Rückstandshöchstgehalten gelte. BELEGT Das Europäische Parlament wies in seiner Prüfungsentscheidung vom 21. Januar 2026 auf einen Mangel an Kontrollen auf Pestizidrückständen bei Importen hin. BELEGT

„In Bezug auf die gefährlichsten Pestizide, die in der EU verboten sind, wird die Kommission einen Grundsatz festlegen, wonach solche Pestizidrückstände nicht über eingeführte Erzeugnisse in die EU zurückgelassen werden dürfen. Konkrete Maßnahmen: Einleitung einer Folgenabschätzung, deren erster Teil bis Sommer 2026 abgeschlossen sein soll." — EU-Kommission, Vertretung in Deutschland, FAQ zum Partnerschaftsabkommen EU-Mercosur

Das Abkommen ist seit dem 1. Mai 2026 vorläufig in Kraft. Die Folgenabschätzung zu Pestizidrückständen soll laut EU-Kommission bis Sommer 2026 abgeschlossen sein. BELEGT

PRIMÄRQUELLEN
Heinrich-Böll-Stiftung — Pestizide: Brasilien (2024): boell.de
Kooperation Brasilien e.V. — Doppelstandards Pestizide (Bayer/BASF-Daten, 2022): kooperation-brasilien.org
Misereor — Broschüre „Gefährliche Pestizide von Bayer und BASF" (PDF): misereor.de (PDF)
EU-Kommission zu Pestizidrückständen und geplanter Folgenabschätzung: germany.representation.ec.europa.eu

Der Regenwald: Was die Zahlen zeigen

Das Abkommen öffnet den EU-Markt primär für Produkte, deren Erzeugung kausal mit der Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes verknüpft ist. BELEGT

78 %
Amazonas-Entwaldung durch Rinderhaltung verursacht (Amazon Footprint Report 2025, WWF/Trase/Chalmers/SEI)
8,6 Mio. ha
Wald im Amazonas zerstört 2018–2022 — Fläche größer als Österreich
238 Mio.
Rinder auf brasilianischen Weiden 2024 (FAOSTAT)
14 %
Deutschen Entwaldungs-Fußabdrucks liegt im Amazonas (2020–2022)

Der Amazon Footprint Report 2025 — erstellt von WWF, Trase der Chalmers University of Technology und dem Stockholm Environment Institute, vorgestellt bei der COP30 in Belém im November 2025 — dokumentiert: Zwischen 2018 und 2022 wurden im Amazonasgebiet 8,6 Millionen Hektar Wald für die Ausweitung landwirtschaftlicher Produktion zerstört. Das entspricht 36 Prozent der weltweiten Entwaldung in diesem Zeitraum. Mit einem Anteil von 78 Prozent ist die Rinderhaltung der unangefochtene Haupttreiber. BELEGT

Die EU-Kommission selbst räumte ein, dass das Freihandelsabkommen die globalen Treibhausgasemissionen nicht verringern, sondern erhöhen würde. Eine juristische Analyse im Auftrag von Umweltorganisationen kam zu dem Schluss, das Abkommen sei mit dem EU-Klimagesetz unvereinbar. Auf dieser Grundlage beschloss das EU-Parlament am 21. Januar 2026, eine Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof einzuleiten. BELEGT

Das Abkommen verpflichtet die Vertragsparteien zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens als „essential element". Dieser Passus ist Teil des Partnerschaftsabkommens, nicht des vorläufig in Kraft getretenen Interim-Handelsabkommens. BELEGT

Parallel zum Mercosur-Abkommen trat im Juni 2023 die EU-Verordnung über entwaldungsfreie Produkte (EUDR) in Kraft — für mittlere und große Unternehmen gültig ab Dezember 2025. Sie verpflichtet Unternehmen zum Nachweis, dass Produkte wie Rindfleisch, Soja, Kakao und Kaffee nicht zur Waldumwandlung beigetragen haben. Die Vereinbarkeit der Mercosur-Handelsströme mit der EUDR ist nach Einschätzung von Umweltverbänden ungeklärt, da eine vollständige Rückverfolgbarkeit bei Rindfleischimporten aus Brasilien nicht gesichert ist. EXTRAPOLATION

PRIMÄRQUELLEN
Amazon Footprint Report 2025 (WWF/Trase/Chalmers/SEI, November 2025): wwf.de — Zusammenfassung mit Kerndaten
FAOSTAT — Rinderbestand Brasilien 2024: faostat.fao.org
EU-Parlament — Beschluss zur EuGH-Prüfung, 21. Januar 2026 (über bpb): bpb.de — Hintergrund aktuell
EU-Verordnung entwaldungsfreie Produkte (EUDR), ABl. EU L 150 vom 9.6.2023: eur-lex.europa.eu — VO (EU) 2023/1115

Was die EU-Kommission erklärt

Die offizielle Begründung der EU-Kommission für das Abkommen umfasst mehrere Dimensionen, die im öffentlichen Diskurs weniger präsent sind als die Landwirtschaftsdebatte. BELEGT

Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte nach der Unterzeichnung, 25 Jahre Verhandlung seien „zu lang" gewesen. Das Abkommen sei „fair und ausgewogen". BELEGT Die Bundesregierung sicherte gleichzeitig zu, es gebe keine Rechtsverletzung — das EU-Parlament hat unabhängig davon die EuGH-Prüfung eingeleitet.

Was dokumentiert ist — und was nicht

Die Struktur des Abkommens ist öffentlich dokumentiert. Primärquellen — Vertragstext, Anhänge, Zollabbautabellen — wurden von der EU-Kommission am 3. September 2025 veröffentlicht. BELEGT

Was nicht vollständig geklärt ist: die tatsächliche Rückverfolgbarkeit von Rindfleischimporten in Bezug auf Entwaldung. EU-Audits der Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (DG SANTE) deckten Mängel bei brasilianischen Kontrollsystemen auf — unter anderem bei der Überwachung der Vogelgrippe und fehlender vollständiger Rückverfolgbarkeit. BELEGT

Im März 2026 wurden laut österreichischen Parlamentsprotokollen in europäischen Supermärkten brasilianisches Rindfleisch mit Antibiotika-Belastung vorgefunden. Die zuständigen Behörden haben nach Angaben der österreichischen Bundesregierung entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Die vollständige Dokumentation dieser Vorgänge ist öffentlich noch nicht abgeschlossen. OFFEN

PRIMÄRQUELLEN
EU-Kommission — Vertragstext und Anhänge zum Interim-Handelsabkommen (September 2025): policy.trade.ec.europa.eu
EFFAT zu DG-SANTE-Audits Brasilien (November 2025): effat.org
FPÖ-Parlamentsanfrage / Schnedlitz-Erklärung zu Antibiotikafunden (Mai 2026): fpoe.at — Mai 2026

Das Abkommen ist seit dem 1. Mai 2026 vorläufig in Kraft. Die Zollquoten für Rindfleisch, Geflügel, Honig und Zucker steigen über fünf Jahre schrittweise bis 2031 an. Die Folgenabschätzung zu Pestizidrückständen, angekündigt von der EU-Kommission für Sommer 2026, steht noch aus. Die Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof auf Antrag des EU-Parlaments ist im Gange.

Welche Kontrollkapazitäten bestehen, um zu prüfen, ob 99.000 Tonnen Rindfleisch pro Jahr nicht aus entwaldeten Gebieten stammen — bei dokumentiert fehlender Rückverfolgbarkeit? Wie verhält sich das Interim-Handelsabkommen zur EUDR, die genau diese Rückverfolgung für Rindfleisch verlangt? Wenn EU-Konzerne in der EU verbotene Pestizide nach Brasilien exportieren dürfen und die daraus entstehenden Erzeugnisse wieder importiert werden — welcher Rechtsnorm wird in diesem Kreislauf tatsächlich entsprochen?

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