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Die kontrollierte Ernte

Vertical Farming versprach eine Entkopplung von Boden, Klima und Lieferkette. Milliarden flossen — SoftBank, Bezos, Goldman Sachs. Dann kam die Realität: 14 Insolvenzen in zwei Jahren, fast zwei Milliarden Wagniskapital vernichtet. Was bleibt, und wer kontrolliert es?

Bonus-Artikel · Juni 2026 · Quellen: Unternehmensberichte, TechCrunch, Vertical Farm Daily, Fortune Business Insights

Keine Erde, kein Wetter, keine Jahreszeiten — und damit keine der klassischen Abhängigkeiten der Landwirtschaft von Boden, Wasserverfügbarkeit oder geopolitischen Lieferketten. Das war das Versprechen. Zwischen 2018 und 2022 floss globales Wagniskapital in die sogenannte vertikale Landwirtschaft wie in kaum einen anderen Agrarsektor zuvor.

Das Ergebnis bis Mitte 2025: BELEGT Fast zwei Milliarden US-Dollar Wagniskapital vernichtet. Vierzehn Unternehmen insolvent. Und dennoch wächst der Gesamtmarkt — denn die Technologie funktioniert, nur nicht mit dem Playbook, das die Investoren entworfen hatten.

~2 Mrd.$ VC vernichtet 2023–2025
14 Insolvenzen bis Mitte 2025
8,5 Mrd.$ Globaler Markt 2025
~70 Mrd.$ Marktprognose 2034

Die Investoren und das Versprechen

Das Versprechen war präzise formuliert: Nahrungsmittelanbau auf bis zu zehnfachem Ertrag pro Fläche, 95 Prozent weniger Wasserverbrauch, ohne Pestizide, unabhängig von Klima und Transportwegen, direkt in Städten. Für Investoren, die zugleich in den Rückgang verfügbarer Ackerflächen und in den Klimawandel als Renditerisiko investierten, klang das wie eine strukturelle Antwort.

Die Investorenliste liest sich wie ein Querschnitt globaler Kapitalkonzentration: BELEGT

Plenty Unlimited
940 Mio. $
Investoren: SoftBank Vision Fund, Walmart, Jeff Bezos (Bezos Expeditions), Eric Schmidt. Letzter bekannter Wert: 1,9 Mrd. $ (Januar 2022)
▸ Insolvenz März 2025 (Chapter 11)
Bowery Farming
700 Mio. $
Investoren: First Round Capital, Google Ventures, Temasek, Fidelity (320 Mio. $ Series C, 2021). Fidelity schrieb Wert um über 99 % ab.
▸ Betrieb eingestellt November 2024
AeroFarms
300+ Mio. $
Pionier der Branche, Newark NJ, gegründet 2004. Nach Insolvenz 2023 restrukturiert — letztes Werk Virginia Dezember 2025 geschlossen, 173 Entlassungen.
▸ Endgültig geschlossen Dez. 2025
AppHarvest
700+ Mio. $
2021 mit 1-Mrd.-$-Bewertung an Börse gegangen. Investoren u.a. Martha Stewart, AON.
▸ Chapter 11 2023, vollständig liquidiert
Infarm (DE/NL)
600+ Mio. $
Berliner Startup, modulare Farmen in Supermärkten und Lagerhäusern. Massiver Stellenabbau 2023, internationale Standorte aufgegeben.
▸ Stark geschrumpft, Kernbetrieb weiter
AeroFarms (nach Restrukturierung)
~70%
Marktanteil Microgreens-Segment nach Fokussierung — zeigt: Nischenstrategie funktioniert, Skalierungsstrategie nicht.
▸ Zeitweise profitabel, dann doch geschlossen
Primärquellen TechCrunch, 24.03.2025: „Plenty files for bankruptcy after raising nearly $1B" — Investoren SoftBank, Walmart, Bezos Expeditions bestätigt via PitchBook Series-E-Daten (Jan. 2022, $400 Mio., $1,9 Mrd. Bewertung). Axios, 05.11.2024: „Bowery Farming is ceasing operations." Vertical Farm Daily, 18.12.2025: AeroFarms letztes Werk geschlossen. iGrow News 2025: 14 Insolvenzen bis Mitte 2025 dokumentiert.

Das strukturelle Problem: Strom ersetzt Sonne

Das Grundproblem der vertikalen Landwirtschaft ist keine Frage der Technologie — es ist eine Frage der Physik und der Wirtschaftlichkeit. Sonnenlicht ist kostenlos. LED-Licht ist es nicht.

Beleuchtung macht in einer vollständig geschlossenen Vertical Farm über 50 Prozent des gesamten Energieverbrauchs aus und bis zu 40 Prozent der Produktionskosten. BELEGT Die durchschnittliche Vertical Farm verbraucht laut einer Branchenerhebung 38,8 Kilowattstunden Energie pro Kilogramm produzierter Nahrung — genug, um 17 Waschmaschinenladungen zu betreiben. Eine hydroponische Salat-Produktion in Arizona verbrauchte in einer Studie 82-mal mehr Energie pro Kilogramm als der konventionelle Anbau in der Region. BELEGT

Faktor Vertical Farm Konventionell (Freiland) Bewertung
Energiebedarf/kg 10–38,8 kWh 0,5–2 kWh (je nach Kultur) EXTRAPOLATION Faktor 10–80×
Wasserverbrauch –95 % ggü. Freiland Referenzwert BELEGT
Flächenertrag Bis 10× höher Referenzwert BELEGT (bei Blattgemüse)
CO₂-Bilanz Höher bei Strommix fossil Niedriger bei Freiland-Anbau BELEGT (Studie NL 2022)
Anwendbare Kulturen Blattgemüse, Kräuter, Microgreens Alle Kulturen inkl. Getreide, Wurzeln BELEGT
Stromkosten-Anteil 40–70% der Produktionskosten < 5% BELEGT
Primärquellen Heinrich-Böll-Stiftung, „Vertical Farming: Revolution oder Illusion?" (09.01.2024): Hydroponische Salatstudie Arizona (82×), CO₂-Vergleich NL 2022. CubicFarms CEO Dave Dinesen, zit. in agfundernews (2022): 38,8 kWh/kg Durchschnitt. Agrarheute, 13.09.2022: Stromkosten bis 70% der Gesamtkosten.

Eine niederländische Studie aus 2022 verglich die Treibhausgasemissionen konventioneller Freilandbetriebe mit einer vertikalen Farm: Solange der verwendete Strom aus fossilen Quellen stammt, produzieren Indoor-Farms deutlich höhere CO₂-Emissionen. BELEGT Die Rechnung ändert sich nur bei vollständiger Versorgung mit erneuerbaren Energien — was in keiner der insolventen Firmen realisiert wurde.

Warum das Kapital trotzdem fließt

Der Zusammenbruch der ersten Welle hat den Sektor nicht gestoppt — er hat ihn neu sortiert. Der globale Markt für Vertical Farming wurde 2025 auf 8,5 Milliarden US-Dollar geschätzt und wird laut Branchenprognosen bis 2034 auf rund 70 Milliarden US-Dollar wachsen. BELEGT EXTRAPOLATION (Marktprognosen sind keine primären Fakten, sondern Modellrechnungen.)

Die Kapitallogik dahinter ist unabhängig vom operativen Erfolg einzelner Unternehmen. Wer die Technologieplattform, die Patente auf KI-gestützte Wachstumssteuerung, die Daten über optimale Lichtspektren und Nährstoffkonfigurationen oder die Lieferantenbeziehungen zu LED-Herstellern kontrolliert, kontrolliert einen zukünftigen Schlüsselprozess der Nahrungsmittelproduktion — unabhängig davon, ob das jeweilige Start-up überlebt. EXTRAPOLATION

Das VC-Muster: Verlust als Investition

SoftBank investierte in Plenty 200 Mio. $ (2017) und folgte mit weiteren Runden bis zu einem Gesamtengagement, das zum Chapter-11-Antrag März 2025 führte. SoftBank war gleichzeitig Großaktionär bei WeWork (Insolvenz 2023), Uber (Börsengang unter Ausgabepreis) und zahlreichen weiteren Plattformunternehmen, die nie profitabel waren.

Das Muster: Massive Kapitalzufuhr erzeugt Marktbereinigung (Wettbewerber werden verdrängt), Technologiekonsolidierung (überlebende Patente werden aufgekauft), und Infrastrukturaufbau auf Kosten der ersten Investoren — der Nutzen entsteht für die zweite und dritte Investitionsrunde. EXTRAPOLATION

Die andere Abhängigkeit

Vertikale Landwirtschaft löst eine Abhängigkeit — von Boden, Klima, Wasser, Transportwegen — und schafft gleichzeitig neue. BELEGT

Erstens: Energieabhängigkeit. Eine Vertical Farm, die mit Netzstrom betrieben wird, ist vollständig von der Energieinfrastruktur abhängig. Ein Stromausfall von 48 Stunden vernichtet eine gesamte Ernte. Konventionelle Landwirtschaft ist resilient gegenüber kurzfristigen Energieausfällen — eine Vertical Farm nicht.

Zweitens: Technologieabhängigkeit. Die Steuerungssysteme für Licht, Nährstofflösungen, Klimatisierung und Erntezeitpunkte werden von spezialisierten Anbietern geliefert. Wer die Plattform kontrolliert, kontrolliert den Betrieb. OFFEN Unter welchen Vertragsbedingungen Softwarelizenzen für Betriebssysteme vertikaler Farmen vergeben werden und ob proprietäre Systeme den Wechsel zu anderen Anbietern technisch ermöglichen, ist öffentlich nicht dokumentiert.

Drittens: Sortenbeschränkung. Vertikale Farmen sind wirtschaftlich derzeit auf Blattgemüse, Kräuter und Microgreens beschränkt. Grundnahrungsmittel — Getreide, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Wurzelgemüse — lassen sich nicht wirtschaftlich vertikal anbauen. BELEGT Eine Technologie, die Salat und Basilikum produziert, ersetzt keine Ackerflächen für Weizen oder Mais.

„Die durchschnittliche Indoor-Farm verbraucht 38,8 Kilowattstunden Energie, um ein Kilogramm Lebensmittel zu produzieren — das ist genug Strom, um 17 Ladungen Wäsche zu waschen." — Dave Dinesen, CEO CubicFarms, zit. in agfundernews 2022

Wer überlebt — und mit welcher Struktur

Nach der Insolvenzwelle 2023–2025 lässt sich ein Muster bei den Überlebenden erkennen. BELEGT

Spread Co. (Japan): Über 200 vertikale Farmen in Betrieb, 30.000 Salatköpfe täglich aus einer einzigen hochautomatisierten Anlage. Staatlich gefördert, auf den Inlandsmarkt ausgerichtet, ohne Venture-Capital-Druckstrukturen. Infarm (Berlin): Nach massivem Schrumpfen auf Kernmärkte fokussiert. Der deutsche Staat beteiligte sich über die KfW an der Rettungsfinanzierung. AeroFarms: Nach 2023er-Insolvenz kurzzeitig profitabel im Microgreens-Segment — aber 2025 endgültig geschlossen, weil der Konzern trotz Farm-Profitabilität keinen positiven Gesamt-Cashflow erzielen konnte.

Die Überlebensbedingungen sind dokumentierbar: Fokus auf hochpreisige Nischenkulturen (Microgreens, Kräuter, Babyleaf), staatliche Förderung oder strategische Einbindung in Retailer-Netzwerke, keine renditegetriebenen VC-Zeitpläne. BELEGT

Wer als nächstes investiert

Die Insolvenzwelle hat die Investorenbasis nicht vertrieben — sie hat sie verändert. Staatsfonds aus dem Nahen Osten (Abu Dhabi ADQ, Saudi-Arabien) investieren gezielt in vertikale Farmen als Instrument der nationalen Ernährungssicherheit in Wüstenregionen. BELEGT Die Logik ist eine andere als bei SoftBank: Nicht Rendite, sondern Versorgungsunabhängigkeit.

Walmart, das nach Plenties Insolvenz seinen investierten Betrag verlor, ist gleichzeitig Einzelhändler für die Produkte, die vertikale Farmen liefern. OFFEN Ob Walmart nach dem Insolvenzprozess Technologie-Assets oder Lieferkettenpositionen aus der Masse von Plenty übernommen hat, ist öffentlich nicht dokumentiert.

Primärquelle Fortune Business Insights, Vertical Farming Market Report 2025: Marktgröße 2025: 8,52 Mrd. USD; Prognose 2034: 70,89 Mrd. USD. ADQ Abu Dhabi, Pressemitteilung März 2024: Kooperation mit ZERO (IT) für vertikale Farmanlage. Fraunhofer-Institut: 78 % der vertikalen Farmen nutzen bereits erneuerbare Energien (Erhebung 2023).

Was offen bleibt

Fast zwei Milliarden Dollar Wagniskapital sind in eine Technologie geflossen, die funktioniert — aber nicht bei den Skalierungsgeschwindigkeiten und Renditeprofilen, die Investoren erwarteten. BELEGT Welche Technologiepatente, Betriebsdaten und Lieferantenverträge im Insolvenzprozess an wen übergegangen sind, ist öffentlich nicht vollständig dokumentiert. OFFEN

Vertical Farming ist kein Ersatz für konventionelle Landwirtschaft — das ist physikalisch dokumentiert. Es ist ein Ergänzungssystem für spezifische Kulturen, spezifische Standorte und spezifische Versorgungslogiken. BELEGT Ob dieser Sektor eine weitere Konzentrationswelle — diesmal durch staatliche Akteure und strategische Retailer — erlebt, oder ob er in kleineren, dezentralen Strukturen überlebt: OFFEN

Das Kapital ist nicht verschwunden — es hat die Adresse gewechselt. Staatsfonds aus dem Nahen Osten, Retailer mit Lieferketten-Interessen und Technologiekonzerne mit KI-Plattform-Ambitionen stehen bereit für die zweite Runde. Wer am Ende die Saatgut-unabhängigen, bodenunabhängigen, wetter-unabhängigen Anbausysteme der Zukunft kontrolliert, ist heute noch nicht entschieden.

Oder doch schon?

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