Vertical Farming versprach eine Entkopplung von Boden, Klima und Lieferkette. Milliarden flossen — SoftBank, Bezos, Goldman Sachs. Dann kam die Realität: 14 Insolvenzen in zwei Jahren, fast zwei Milliarden Wagniskapital vernichtet. Was bleibt, und wer kontrolliert es?
Keine Erde, kein Wetter, keine Jahreszeiten — und damit keine der klassischen Abhängigkeiten der Landwirtschaft von Boden, Wasserverfügbarkeit oder geopolitischen Lieferketten. Das war das Versprechen. Zwischen 2018 und 2022 floss globales Wagniskapital in die sogenannte vertikale Landwirtschaft wie in kaum einen anderen Agrarsektor zuvor.
Das Ergebnis bis Mitte 2025: BELEGT Fast zwei Milliarden US-Dollar Wagniskapital vernichtet. Vierzehn Unternehmen insolvent. Und dennoch wächst der Gesamtmarkt — denn die Technologie funktioniert, nur nicht mit dem Playbook, das die Investoren entworfen hatten.
Das Versprechen war präzise formuliert: Nahrungsmittelanbau auf bis zu zehnfachem Ertrag pro Fläche, 95 Prozent weniger Wasserverbrauch, ohne Pestizide, unabhängig von Klima und Transportwegen, direkt in Städten. Für Investoren, die zugleich in den Rückgang verfügbarer Ackerflächen und in den Klimawandel als Renditerisiko investierten, klang das wie eine strukturelle Antwort.
Die Investorenliste liest sich wie ein Querschnitt globaler Kapitalkonzentration: BELEGT
Das Grundproblem der vertikalen Landwirtschaft ist keine Frage der Technologie — es ist eine Frage der Physik und der Wirtschaftlichkeit. Sonnenlicht ist kostenlos. LED-Licht ist es nicht.
Beleuchtung macht in einer vollständig geschlossenen Vertical Farm über 50 Prozent des gesamten Energieverbrauchs aus und bis zu 40 Prozent der Produktionskosten. BELEGT Die durchschnittliche Vertical Farm verbraucht laut einer Branchenerhebung 38,8 Kilowattstunden Energie pro Kilogramm produzierter Nahrung — genug, um 17 Waschmaschinenladungen zu betreiben. Eine hydroponische Salat-Produktion in Arizona verbrauchte in einer Studie 82-mal mehr Energie pro Kilogramm als der konventionelle Anbau in der Region. BELEGT
| Faktor | Vertical Farm | Konventionell (Freiland) | Bewertung |
|---|---|---|---|
| Energiebedarf/kg | 10–38,8 kWh | 0,5–2 kWh (je nach Kultur) | EXTRAPOLATION Faktor 10–80× |
| Wasserverbrauch | –95 % ggü. Freiland | Referenzwert | BELEGT |
| Flächenertrag | Bis 10× höher | Referenzwert | BELEGT (bei Blattgemüse) |
| CO₂-Bilanz | Höher bei Strommix fossil | Niedriger bei Freiland-Anbau | BELEGT (Studie NL 2022) |
| Anwendbare Kulturen | Blattgemüse, Kräuter, Microgreens | Alle Kulturen inkl. Getreide, Wurzeln | BELEGT |
| Stromkosten-Anteil | 40–70% der Produktionskosten | < 5% | BELEGT |
Eine niederländische Studie aus 2022 verglich die Treibhausgasemissionen konventioneller Freilandbetriebe mit einer vertikalen Farm: Solange der verwendete Strom aus fossilen Quellen stammt, produzieren Indoor-Farms deutlich höhere CO₂-Emissionen. BELEGT Die Rechnung ändert sich nur bei vollständiger Versorgung mit erneuerbaren Energien — was in keiner der insolventen Firmen realisiert wurde.
Der Zusammenbruch der ersten Welle hat den Sektor nicht gestoppt — er hat ihn neu sortiert. Der globale Markt für Vertical Farming wurde 2025 auf 8,5 Milliarden US-Dollar geschätzt und wird laut Branchenprognosen bis 2034 auf rund 70 Milliarden US-Dollar wachsen. BELEGT EXTRAPOLATION (Marktprognosen sind keine primären Fakten, sondern Modellrechnungen.)
Die Kapitallogik dahinter ist unabhängig vom operativen Erfolg einzelner Unternehmen. Wer die Technologieplattform, die Patente auf KI-gestützte Wachstumssteuerung, die Daten über optimale Lichtspektren und Nährstoffkonfigurationen oder die Lieferantenbeziehungen zu LED-Herstellern kontrolliert, kontrolliert einen zukünftigen Schlüsselprozess der Nahrungsmittelproduktion — unabhängig davon, ob das jeweilige Start-up überlebt. EXTRAPOLATION
SoftBank investierte in Plenty 200 Mio. $ (2017) und folgte mit weiteren Runden bis zu einem Gesamtengagement, das zum Chapter-11-Antrag März 2025 führte. SoftBank war gleichzeitig Großaktionär bei WeWork (Insolvenz 2023), Uber (Börsengang unter Ausgabepreis) und zahlreichen weiteren Plattformunternehmen, die nie profitabel waren.
Das Muster: Massive Kapitalzufuhr erzeugt Marktbereinigung (Wettbewerber werden verdrängt), Technologiekonsolidierung (überlebende Patente werden aufgekauft), und Infrastrukturaufbau auf Kosten der ersten Investoren — der Nutzen entsteht für die zweite und dritte Investitionsrunde. EXTRAPOLATION
Vertikale Landwirtschaft löst eine Abhängigkeit — von Boden, Klima, Wasser, Transportwegen — und schafft gleichzeitig neue. BELEGT
Erstens: Energieabhängigkeit. Eine Vertical Farm, die mit Netzstrom betrieben wird, ist vollständig von der Energieinfrastruktur abhängig. Ein Stromausfall von 48 Stunden vernichtet eine gesamte Ernte. Konventionelle Landwirtschaft ist resilient gegenüber kurzfristigen Energieausfällen — eine Vertical Farm nicht.
Zweitens: Technologieabhängigkeit. Die Steuerungssysteme für Licht, Nährstofflösungen, Klimatisierung und Erntezeitpunkte werden von spezialisierten Anbietern geliefert. Wer die Plattform kontrolliert, kontrolliert den Betrieb. OFFEN Unter welchen Vertragsbedingungen Softwarelizenzen für Betriebssysteme vertikaler Farmen vergeben werden und ob proprietäre Systeme den Wechsel zu anderen Anbietern technisch ermöglichen, ist öffentlich nicht dokumentiert.
Drittens: Sortenbeschränkung. Vertikale Farmen sind wirtschaftlich derzeit auf Blattgemüse, Kräuter und Microgreens beschränkt. Grundnahrungsmittel — Getreide, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Wurzelgemüse — lassen sich nicht wirtschaftlich vertikal anbauen. BELEGT Eine Technologie, die Salat und Basilikum produziert, ersetzt keine Ackerflächen für Weizen oder Mais.
Nach der Insolvenzwelle 2023–2025 lässt sich ein Muster bei den Überlebenden erkennen. BELEGT
Spread Co. (Japan): Über 200 vertikale Farmen in Betrieb, 30.000 Salatköpfe täglich aus einer einzigen hochautomatisierten Anlage. Staatlich gefördert, auf den Inlandsmarkt ausgerichtet, ohne Venture-Capital-Druckstrukturen. Infarm (Berlin): Nach massivem Schrumpfen auf Kernmärkte fokussiert. Der deutsche Staat beteiligte sich über die KfW an der Rettungsfinanzierung. AeroFarms: Nach 2023er-Insolvenz kurzzeitig profitabel im Microgreens-Segment — aber 2025 endgültig geschlossen, weil der Konzern trotz Farm-Profitabilität keinen positiven Gesamt-Cashflow erzielen konnte.
Die Überlebensbedingungen sind dokumentierbar: Fokus auf hochpreisige Nischenkulturen (Microgreens, Kräuter, Babyleaf), staatliche Förderung oder strategische Einbindung in Retailer-Netzwerke, keine renditegetriebenen VC-Zeitpläne. BELEGT
Die Insolvenzwelle hat die Investorenbasis nicht vertrieben — sie hat sie verändert. Staatsfonds aus dem Nahen Osten (Abu Dhabi ADQ, Saudi-Arabien) investieren gezielt in vertikale Farmen als Instrument der nationalen Ernährungssicherheit in Wüstenregionen. BELEGT Die Logik ist eine andere als bei SoftBank: Nicht Rendite, sondern Versorgungsunabhängigkeit.
Walmart, das nach Plenties Insolvenz seinen investierten Betrag verlor, ist gleichzeitig Einzelhändler für die Produkte, die vertikale Farmen liefern. OFFEN Ob Walmart nach dem Insolvenzprozess Technologie-Assets oder Lieferkettenpositionen aus der Masse von Plenty übernommen hat, ist öffentlich nicht dokumentiert.
Fast zwei Milliarden Dollar Wagniskapital sind in eine Technologie geflossen, die funktioniert — aber nicht bei den Skalierungsgeschwindigkeiten und Renditeprofilen, die Investoren erwarteten. BELEGT Welche Technologiepatente, Betriebsdaten und Lieferantenverträge im Insolvenzprozess an wen übergegangen sind, ist öffentlich nicht vollständig dokumentiert. OFFEN
Vertical Farming ist kein Ersatz für konventionelle Landwirtschaft — das ist physikalisch dokumentiert. Es ist ein Ergänzungssystem für spezifische Kulturen, spezifische Standorte und spezifische Versorgungslogiken. BELEGT Ob dieser Sektor eine weitere Konzentrationswelle — diesmal durch staatliche Akteure und strategische Retailer — erlebt, oder ob er in kleineren, dezentralen Strukturen überlebt: OFFEN
Das Kapital ist nicht verschwunden — es hat die Adresse gewechselt. Staatsfonds aus dem Nahen Osten, Retailer mit Lieferketten-Interessen und Technologiekonzerne mit KI-Plattform-Ambitionen stehen bereit für die zweite Runde. Wer am Ende die Saatgut-unabhängigen, bodenunabhängigen, wetter-unabhängigen Anbausysteme der Zukunft kontrolliert, ist heute noch nicht entschieden.
Oder doch schon?