Jahre Verluste, staatliche Förderung, Pandemie als Auslöser, Milliarden-Vorabkaufverträge mit Haftungsausschluss — und danach wieder Verluste. Ist dieses Modell eine Blaupause? Und wenn ja: Wer schreibt das nächste Kapitel?
Der Vergleich kam auf im Kontext des Vertical-Farming-Sektors: Fast zwei Milliarden Dollar Wagniskapital vernichtet, vierzehn Insolvenzen — und dennoch die Erwartung, dass das Kapital einen Weg zurück findet. Jemand bemerkte: Hat mit BioNTech auch geklappt.
Der Vergleich ist präziser als er zunächst klingt. Er beschreibt ein strukturelles Muster, das dokumentierbar ist — und das über BioNTech und Vertical Farming hinausgeht.
BioNTech wurde 2008 von Ugur Sahin und Özlem Türeci in Mainz gegründet — mit dem Ziel, Krebstherapien auf mRNA-Basis zu entwickeln. Das Startkapital von 150 Millionen Euro stammte von den Milliardären Andreas und Thomas Strüngmann, die ihren Generika-Konzern Hexal 2005 an Novartis verkauft hatten. BELEGT
Bis zum Börsengang im Oktober 2019 hatte BioNTech insgesamt 1,3 Milliarden Dollar an privatem Investorenkapital eingeworben — und in zweieinhalb Jahren vor dem Börsengang 225 Millionen Euro Verlust geschrieben. BELEGT Kein fertiges Produkt, kein Umsatz aus Verkäufen, keine Profitabilität.
Das ist kein Versagen — das ist das Standardmodell der Biotechnologie-Industrie. Lange Entwicklungszeiten, hohes Scheitern-Risiko, kein Cashflow bis zur Zulassung. Investoren halten durch, weil das Patent am Ende alles entscheidet.
Am 11. Januar 2020 veröffentlichten chinesische Wissenschaftler den genetischen Code von SARS-CoV-2. BioNTech hatte nach eigenen Angaben innerhalb weniger Stunden einen ersten Impfstoffentwurf. BELEGT Die jahrelange mRNA-Forschung war die Voraussetzung — der Auslöser kam von außen.
Startkapital 150 Mio. € Strüngmann-Familie. Ziel: Krebstherapien auf mRNA-Basis.
Insgesamt 1,3 Mrd. $ privates Kapital eingeworben. Kein fertiges Produkt auf dem Markt.
BioNTech entwirft mRNA-Impfstoff innerhalb von Stunden. Partnerschaft mit Pfizer.
EU-Kommission unterzeichnet Liefervertrag über 200 Mio. Dosen noch vor EMA-Zulassung. Mitgliedstaaten übernehmen vollständige Haftung für Impfschäden. BELEGT
Größter EU-Beschaffungsvertrag der Geschichte. Von der Leyen handelt ihn persönlich aus — der Europäische Rechnungshof spricht von „Vorverhandlungen" ohne regulären Ausschreibungsprozess.
Pfizer/BioNTech erzielen Rekordgewinne. Ab 2023 sinkt COVID-Nachfrage. Produktionsstandorte Marburg und Idar-Oberstein werden bis 2027 geschlossen.
Gründerpaar Sahin/Türeci kündigt Abgang bis Ende 2026 an und startet drittes Unternehmen — mit mRNA-Technologielizenzen von BioNTech, staatlicher Förderung wahrscheinlich.
Was lässt sich ohne Spekulation feststellen?
1. Privatkapital trägt das Verlustrisiko — jahrelang, ohne staatliche Absicherung. Wagniskapitalgeber finanzieren die Entwicklungsphase.
2. Exogener Auslöser — ein Ereignis von außen (Pandemie, Klimaereignis, geopolitische Krise) macht die Technologie zur staatlichen Priorität.
3. Staat als Großabnehmer — mit Vorabkaufverträgen, Abnahmegarantien, Haftungsübernahmen. Das private Risiko wird sozialisiert, der Gewinn bleibt privat.
4. Exit und Reset — nach dem Boom Rückzug, Schließung staatlich geförderter Standorte, neues Startup mit den Technologierechten. Zyklus beginnt neu.
Alle vier Schritte sind bei BioNTech dokumentiert. BELEGT Der vierte Schritt — neues Unternehmen mit mRNA-Technologielizenzen — ist im März 2026 angekündigt worden.
Der EU-Vorabkaufvertrag mit Pfizer/BioNTech enthält in Punkt I.12 eine Klausel, die erst durch ungeschwärzte Versionen öffentlich wurde: BELEGT Die Mitgliedstaaten verpflichten sich zur vollständigen Haftungsübernahme und Entschädigung der Hersteller für Todesfälle, körperliche Schäden, mentale und emotionale Schäden, Behinderungen sowie wirtschaftliche Verluste im Zusammenhang mit Impffolgen.
Derselbe Vertrag bestätigt, laut ungeschwärzter Version, dass „Langzeit-Wirkungen und Wirksamkeit des Impfstoffs nicht bekannt sind und nicht bekannte Nebenwirkungen auftreten können." BELEGT (Quelle: Parlamentarische Anfrage EU-Parlament E-001495/2025)
Das Muster ist übertragbar — aber noch nicht eingetreten. EXTRAPOLATION
Die EU-Kommission arbeitet seit 2022 an der „Sustainable Food Systems"-Verordnung. Ob vertikale Landwirtschaft darin als förderungswürdige Kategorie definiert wird, ist noch nicht entschieden. OFFEN
Was fehlt, ist der exogene Auslöser. Bei BioNTech war es die Pandemie — ein Ereignis, das niemand geplant hat. Bei Vertical Farming wären denkbare Auslöser: eine mehrstufige europäische Dürre mit Versorgungsengpässen bei Frischgemüse, ein geopolitischer Lieferkettenbruch, oder ein regulatorischer Rahmen, der Indoor-Produktion explizit bevorzugt. Keiner dieser Auslöser ist derzeit eingetreten. OFFEN
Das BioNTech-Modell zeigt: Milliarden Verluste müssen kein Scheitern sein — sie können die Voraussetzung für den nächsten Auftritt sein, wenn der richtige Auslöser kommt. Wer dann die Technologie, die Patente und die Infrastruktur hält, hält die Verhandlungsposition.
Ob das Muster sich wiederholt, wer es wiederholt und mit welcher Technologie — das ist heute offen.