BELEGT Am Jahresende 2025 verwaltete Novo Holdings, die Investmentgesellschaft der Novo Nordisk Foundation, Vermögenswerte von 694 Milliarden dänischen Kronen (rund 93 Milliarden Euro) – womit die Stiftung nach mehreren Kennzahlen die vermögendste philanthropische Stiftung der Welt ist, noch vor Gates und Wellcome. Ihr Vermögen wuchs in den vergangenen Jahren fast im Gleichschritt mit dem Erfolg zweier Medikamente: Ozempic und Wegovy. Dieser Artikel zeigt, wie direkt der Zusammenhang zwischen umstrittener Pharma-Preispolitik und wachsender globaler "Wohltätigkeit" hier tatsächlich ist – dokumentiert durch die Stiftung selbst und durch akademische Governance-Forschung, nicht durch Spekulation.
BELEGT Die Geschichte beginnt 1922, als der Physiologe und Nobelpreisträger August Krogh mit seiner Frau Marie aus Nordamerika die Lizenz zur Insulinherstellung nach Skandinavien mitbrachte – im Gegenzug versprach er, Gewinne aus dem Insulinverkauf der Gesellschaft in Form wissenschaftlicher und humanitärer Unterstützung zurückzugeben. Aus einem frühen Zerwürfnis zwischen Kroghs Mitstreiter Hans Christian Hagedorn und den Ingenieuren Harald und Thorvald Pedersen entstanden zwei rivalisierende Firmen: Nordisk Insulinlaboratorium (1923, ab 1926 unter Stiftungseigentum) und das abtrünnig gegründete Novo Terapeutisk Laboratorium (1925). Erst 1989 fusionierten beide zu Novo Nordisk A/S, wobei die zugehörigen Stiftungsstrukturen zur heutigen Novo Nordisk Foundation verschmolzen.
BELEGT Über ihre 100-prozentige Tochter Novo Holdings hält die Stiftung rund 28,1 Prozent des Aktienkapitals von Novo Nordisk, aber 77,3 Prozent der Stimmrechte – ermöglicht durch nicht börsennotierte A-Aktien mit dem Zehnfachen des Stimmrechts einer B-Aktie. Laut Stiftungssatzung dürfen diese A-Aktien nicht veräußert werden; die Stiftung ist sogar verpflichtet, ihre Kontrollmehrheit dauerhaft zu erhalten. Diese Konstruktion – eigentümerlose Stiftung als unveräußerliche Mehrheitsaktionärin eines börsennotierten Weltkonzerns – teilt die Stiftung mit vergleichbaren Modellen wie der Carlsberg-Stiftung oder der Bertelsmann Stiftung, ist im internationalen Maßstab aber selten in dieser Größenordnung.
BELEGT Der Governance-Forscher Steen Thomsen von der Copenhagen Business School, der eine nach der Stiftung benannte Professur innehat, formulierte gegenüber dem Fachportal Devex den Kernmechanismus unverblümt: "Das ist das Geniale an Stiftungsunternehmen – die sozialen Zuwendungen wachsen mit ziemlich genau derselben Rate wie der Umsatz." Die Zahlen bestätigen das: Die jährlichen Zuwendungen der Stiftung stiegen von 3,9 Milliarden dänischen Kronen (2018) auf 10,1 Milliarden Kronen (2024) – ein Wachstum, das zeitlich exakt mit dem globalen Boom von Ozempic und Wegovy zusammenfällt, den beiden Semaglutid-Präparaten, die inzwischen rund 69 Prozent des Konzernumsatzes ausmachen.
BELEGT Sowohl der scheidende US-Präsident Biden als auch Senator Bernie Sanders bezeichneten die US-Preispolitik von Novo Nordisk für Ozempic und Wegovy öffentlich als "gierig" ("greedy") und forderten Preistransparenz. EXTRAPOLATION Diese Kritik richtete sich gegen das Unternehmen Novo Nordisk A/S, nicht direkt gegen die Stiftung – strukturell speist jedoch genau die kritisierte Preispolitik über die Dividenden- und Kursentwicklung das wachsende Stiftungsvermögen, aus dem wiederum die international wahrgenommene Wohltätigkeit finanziert wird. Beide Sachverhalte sind Teil desselben ökonomischen Kreislaufs, auch wenn sie öffentlich meist getrennt diskutiert werden.
BELEGT Innerhalb Dänemarks ist die Stiftung längst einer der größten Einzelgeldgeber wissenschaftlicher Forschung – laut University Post zählt sie zu den größten Spendern allein der Universität Kopenhagen. EXTRAPOLATION Nach Darstellung der englischsprachigen Wikipedia-Dokumentation wird diese Konzentration in der dänischen Wissenschaftslandschaft kontrovers diskutiert: Kritiker sehen die Gefahr, dass die enormen Fördersummen andere Finanzierungsquellen "überschatten" und Forschungsressourcen sich auf Themenfelder konzentrieren könnten, die eng mit den Prioritäten der Stiftung übereinstimmen – eine strukturelle Abhängigkeitsfrage, die in ähnlicher Form bereits bei der Gates Foundation (Teil 4 dieser Serie) und dem Koch-Netzwerk (Teil 7) auftrat, hier jedoch auf nationaler statt institutioneller Ebene.
BELEGT Zu Jahresbeginn 2026 vergab die Stiftung ihre bislang größte Einzelspende – bis zu 860 Millionen Dollar an das BioInnovation Institute in Dänemark. Laut Devex-Recherche erklärte Direktorin für globale Entwicklung Rikke Johannessen, man habe sich "systematischer" einer internationalen Ausrichtung zugewandt; der Zeitpunkt fällt zusammen mit angekündigten Plänen der Bill & Melinda Gates Foundation, ihre Aktivitäten bis 2045 einzustellen. EXTRAPOLATION Branchenbeobachter deuten dies als bewussten Versuch der Novo Nordisk Foundation, in die durch den Rückzug von Gates entstehende Lücke globaler Gesundheitsfinanzierung vorzustoßen – eine Einschätzung, die nahelegt, dass sich das in dieser Serie wiederholt beobachtete Muster konzentrierter privater Gesundheitsfinanzierung nicht auflöst, sondern lediglich den Träger wechselt.
EXTRAPOLATION Die Novo Nordisk Foundation zeigt in Reinform, was bei anderen Stiftungen dieser Serie oft nur indirekt sichtbar wurde: den direkten mechanischen Zusammenhang zwischen kommerziellem Erfolg – hier: umstrittener Medikamentenpreise – und wachsender globaler philanthropischer Reichweite. Anders als bei Gates oder Wellcome, wo das Stiftungsvermögen historisch bereits vorhanden war und verwaltet wird, wächst hier das Vermögen strukturell mit jedem verkauften Ozempic-Rezept mit. Das macht die Stiftung nicht per se illegitim, aber es verknüpft zwei Debatten, die öffentlich fast immer getrennt geführt werden: die über faire Arzneimittelpreise und die über die Rolle privater Milliardenstiftungen in der globalen Gesundheitspolitik.
Was bedeutet es für die Legitimität einer "Wohltätigkeit", wenn ihr Wachstum unmittelbar an Preise gekoppelt ist, die gewählte Regierungschefs und Senatoren öffentlich als überhöht kritisieren? Und was passiert mit der globalen Gesundheitsfinanzierung, wenn eine einzelne Stiftung explizit in die Lücke vorstößt, die eine andere, noch größere Stiftung beim eigenen Rückzug hinterlässt – ändert sich dabei etwas Grundsätzliches, oder wandert die Machtkonzentration nur von Seattle nach Kopenhagen?