BELEGT Mit einem Stiftungsvermögen von 37,6 Milliarden Pfund im Jahr 2025 ist der Wellcome Trust die viertreichste gemeinnützige Stiftung der Welt und laut Financial Times der größte nichtstaatliche Finanzierer wissenschaftlicher Forschung im Vereinigten Königreich. Anders als die bislang behandelten US-Stiftungen entstammt sein Vermögen nicht Öl, Stahl oder Software, sondern direkt der Pharmaindustrie – und sein prominentester Direktor der letzten Dekade wechselte 2023 in exakt jene internationale Gesundheitsbehörde, deren Politik der Trust zuvor mitfinanziert hatte.
BELEGT Henry Wellcome, in einer Blockhütte in Wisconsin geboren, arbeitete in den 1870er-Jahren als reisender Handelsvertreter für US-Pharmafirmen, bevor er 1880 mit dem Amerikaner Silas Burroughs in London die Firma Burroughs Wellcome & Co. gründete – eines von vier Unternehmen, die später in GlaxoSmithKline aufgingen. Das Unternehmen führte 1884 unter der Marke "Tabloid" als eine der ersten Firmen Medikamente in Tablettenform ein und etablierte Direktmarketing an Ärzte samt kostenloser Warenmuster. BELEGT Nach eigener Darstellung des Wellcome Trust profitierte das Wachstum des Geschäfts erheblich von indigenem medizinischem Wissen sowie von imperialer Politik und Handelsbeziehungen, die den Verkauf der Produkte in britisch kolonisierten Gebieten begünstigten – eine Einordnung, die der Trust in seiner eigenen historischen Aufarbeitung mittlerweile selbst vornimmt.
BELEGT 1924 bündelte Wellcome sein gesamtes Firmengeflecht in der Wellcome Foundation Ltd., deren Aktien vollständig in seiner Hand lagen. Als er 1936 starb, verfügte sein Testament, alle Unternehmensanteile in eine neue gemeinnützige Einrichtung zu übertragen – den Wellcome Trust, mit dem Auftrag, sämtliche Erträge der medizinischen Forschung zu widmen. 1986 verkaufte der Trust erstmals Anteile an die Börse, 1995 fusionierte das operative Geschäft mit Glaxo, das später in GlaxoSmithKline aufging – der Trust selbst blieb als reine Förderstiftung bestehen und legte die Erlöse breiter an.
BELEGT Unter der Leitung des Infektiologen Sir Jeremy Farrar, der den Trust von 2013 bis 2023 führte, verdoppelte sich das jährliche Ausgabenvolumen von 726 Millionen auf rund 1,6 Milliarden Pfund, während das Stiftungsvermögen von 15 auf 38 Milliarden Pfund wuchs. Farrar verlagerte den Förderschwerpunkt von reiner Grundlagenforschung hin zu globaler Gesundheitspolitik. BELEGT 2015 legte er mit Kollegen in einem Fachartikel die konzeptionelle Grundlage für einen globalen Impfstoff-Entwicklungsfonds, aus dem 2017 in Davos gemeinsam mit der Bill & Melinda Gates Foundation, den Regierungen Norwegens und Indiens sowie dem Weltwirtschaftsforum die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) hervorging.
BELEGT Während der Corona-Pandemie wurden Wellcome Trust und Bill & Melinda Gates Foundation zu zentralen Finanziers der globalen Impfstoffarchitektur. Eine Recherche von Politico dokumentierte, dass Gates Foundation, Gavi und Wellcome Trust seit Pandemiebeginn zusammen mehr als 1,4 Milliarden Dollar an die WHO gespendet haben – deutlich mehr als die meisten Mitgliedsstaaten, einschließlich der USA und der Europäischen Kommission. Wellcome und die Gates Foundation vergaben laut derselben Analyse 452 Millionen Dollar gemeinsam an dieselben 18 Organisationen, darunter mehrere Impfstoff-, Test- und Therapeutika-Hersteller. Im Januar 2022 sagten beide Stiftungen gemeinsam weitere 300 Millionen Dollar an CEPI zu.
EXTRAPOLATION Die Politico-Recherche fasste die strukturelle Beobachtung eines ehemaligen hochrangigen US-Gesundheitsbeamten zusammen: Man müsse sich bei der Gates Foundation "fast wie bei einem bedeutenden Land" in Bezug auf deren Spenden an globale Gesundheitsorganisationen verhalten. Diese Einordnung stammt von einem namentlich nicht genannten Insider und ist als dokumentierte Einschätzung, nicht als bewiesene Tatsache zu behandeln – sie beschreibt jedoch treffend das strukturelle Ungleichgewicht zwischen privater Stiftungsfinanzierung und öffentlicher Rechenschaftspflicht, das bereits im Gates-Foundation-Artikel dieser Serie behandelt wurde.
BELEGT Am 19. Februar 2020 unterzeichnete Farrar gemeinsam mit 26 weiteren Wissenschaftlern einen Brief im Fachjournal The Lancet, der erklärte, man verurteile "Verschwörungstheorien, die nahelegen, dass Covid-19 keinen natürlichen Ursprung habe" aufs Schärfste. BELEGT In seinem 2021 veröffentlichten Buch "Spike" schrieb Farrar selbst, er habe zum damaligen Zeitpunkt eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen Laborursprung des Virus für plausibel gehalten – manche Kollegen, mit denen er sprach, hätten diese Wahrscheinlichkeit sogar höher eingeschätzt.
BELEGT Der US-Kongressausschuss House Oversight Committee veröffentlichte 2022 eine E-Mail von Farrar an Anthony Fauci vom 1. Februar 2020, in der er "ernsthafte Bedenken" formulierte, Covid-19 könnte aus dem Wuhan Institute of Virology ausgetreten und teilweise gentechnisch verändert worden sein. Am selben Tag organisierte Farrar auf Bitten Faucis eine Telefonkonferenz mit Wissenschaftlern, aus der laut Kongressunterlagen und mehreren rekonstruierten E-Mail-Verläufen wenige Tage später sowohl der Lancet-Brief als auch der Entwurf des vielzitierten Fachartikels "The Proximal Origin of SARS-CoV-2" in Nature Medicine hervorgingen – jener Artikel, der öffentlich erklärte, kein laborbasiertes Szenario sei plausibel.
BELEGT Der zeitliche Ablauf – private Besorgnis per E-Mail am 1. Februar, Telefonkonferenz am selben Tag, öffentliche Zurückweisung jeder Laborursprungs-Debatte als "Verschwörungstheorie" wenige Tage später – ist durch Kongressunterlagen, freigegebene E-Mails und Farrars eigenes Buch dokumentiert. OFFEN Nicht abschließend belegt ist hingegen die von einzelnen Kommentatoren gezogene Schlussfolgerung einer koordinierten "Vertuschung" im strafrechtlichen Sinne oder eine externe Steuerung durch Dritte. Im Sinne des Beleg-vor-Motiv-Prinzips wird hier der dokumentierte Ablauf benannt, ohne den Beteiligten eine über die E-Mails hinausgehende Absicht zu unterstellen.
BELEGT Im Dezember 2022 gab die WHO bekannt, Farrar werde als Nachfolger von Soumya Swaminathan neuer Chefwissenschaftler der Organisation, mit Amtsantritt im zweiten Quartal 2023. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus begründete die Personalie mit Farrars Erfahrung "in allen relevanten Aspekten der Aufgabe". Der Wechsel folgt damit exakt dem in dieser Serie bereits beim Carnegie Endowment (William Burns → CIA-Direktor) beobachteten Muster: Wer eine nominell unabhängige, aber finanzstarke Institution mit engem Politikbezug leitet, wechselt anschließend in eine der höchsten Positionen genau jener internationalen Organisation, die von seiner vorherigen Institution mitfinanziert wurde.
EXTRAPOLATION Der Wellcome Trust verbindet in dieser Serie zwei zuvor getrennt beobachtete Muster: die globale Gesundheitsprogrammatik der Gates Foundation (Teil 4) und die Drehtür-Struktur des Carnegie Endowment (Teil 6) – mit dem Unterschied, dass hier die Verbindung zur WHO nicht über eine allgemeine außenpolitische Laufbahn, sondern über die konkrete, gemeinsame Finanzierung derselben Institution verläuft, in die anschließend gewechselt wird. Die Lancet-Kontroverse zeigt zudem ein Muster, das in dieser Serie bislang selten so unmittelbar dokumentiert war: die zeitgleiche Existenz einer privaten, deutlich vorsichtigeren wissenschaftlichen Einschätzung und einer öffentlichen, kategorischen Zurückweisung derselben Frage als "Verschwörungstheorie" – durch dieselbe Person, innerhalb weniger Tage.
Was bedeutet es für das Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen, wenn ein öffentlich als "Verschwörungstheorie" gebrandmarktes Szenario vom selben Absender wenige Tage zuvor privat als 50-prozentig wahrscheinlich eingestuft wurde? Und was sagt es über die Struktur globaler Gesundheitspolitik, wenn zwei private Stiftungen zusammen mehr an die WHO zahlen als die meisten Nationalstaaten – und der Wechsel zwischen Stiftungsspitze und WHO-Führungsebene zum wiederkehrenden Muster wird, nicht zur Ausnahme?