Kaum eine Stiftung ist so stark von zwei gegensätzlichen Erzählungen überlagert wie die Open Society Foundations: Auf der einen Seite eine seit Jahrzehnten kursierende, oft klar antisemitisch grundierte Verschwörungsmythologie um George Soros als "Strippenzieher". Auf der anderen Seite eine reale, gut dokumentierte politische Finanzierungstätigkeit in dreistelliger Milliardenhöhe, die ganz unabhängig von jedem Mythos kritikwürdig ist. Dieser Artikel trennt beides konsequent.
George Soros wurde 1930 in Budapest als Jude geboren und überlebte 1944/45 die deutsche Besatzung Ungarns, bei der über 500.000 ungarische Juden ermordet wurden — seine Familie überlebte mithilfe gefälschter Identitätspapiere. 1947 floh er vor der kommunistischen Machtübernahme nach London, studierte an der London School of Economics bei Karl Popper, dessen Werk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" später der Stiftung ihren Namen gab.
Seinen finanziellen Aufstieg verdankt Soros vor allem seinem Hedgefonds Quantum Fund — bekannt wurde er 1992 durch spekulative Wetten gegen das britische Pfund am "Schwarzen Mittwoch", die ihm rund eine Milliarde Dollar Gewinn einbrachten und ihm den Beinamen "der Mann, der die Bank von England brach" eintrugen. Diese Episode ist einer der wenigen Fälle, in denen Kritik an Soros nicht auf Verschwörungsmythen, sondern auf einer real dokumentierten, wenn auch umstrittenen Finanzmarkttransaktion beruht.
1979 begann Soros' Philanthropie mit Stipendien für schwarze Studierende im Apartheid-Südafrika. Am 28. Mai 1984 unterzeichnete er den Gründungsvertrag der Soros Foundation/Budapest — der Auftakt eines Netzwerks, das in den Folgejahren in zahlreichen Ländern des ehemaligen Ostblocks entstand, um den Übergang vom Staatssozialismus zu unterstützen.
BELEGT Eine 2017 veröffentlichte wissenschaftliche Studie belegt, dass ein Soros-Stipendienprogramm für über 28.000 Wissenschaftler in den postsowjetischen Nachfolgestaaten die Publikationstätigkeit signifikant erhöhte und langfristig positive Effekte auf den dortigen Wissenschaftssektor hatte — ein Beispiel für messbaren, unstrittigen Nutzen der Stiftungsarbeit.
Soros' Finanzierung pro-demokratischer Programme in Georgien wurde von georgischen Nationalisten als entscheidend für den Erfolg der "Rosenrevolution" 2003 angesehen — Soros selbst bezeichnete diese Darstellung seiner Rolle jedoch als "stark übertrieben". Alexander Lomaia, damals Vorstand der georgischen Open-Society-Stiftung, wurde später georgischer Sicherheitsratssekretär — ein Beispiel für den in dieser Serie wiederholt dokumentierten Wechsel zwischen Stiftungsführung und Regierungsämtern.
EXTRAPOLATION Die genaue kausale Gewichtung von OSF-Finanzierung gegenüber anderen Faktoren (innenpolitische Dynamik, weitere ausländische Akteure) bei den "Farbrevolutionen" in Georgien und der Ukraine ist historisch umstritten und sollte nicht monokausal dargestellt werden.
Ab Mitte der 2010er-Jahre finanzierte Soros gezielt Wahlkampagnen für Bezirksstaatsanwälte (District Attorneys) in mehreren großen US-Städten, die sich für Strafrechtsreformen (Kautionsreform, Entkriminalisierung) einsetzten. Mehrere dieser Kandidaten wurden gewählt. Diese Aktivität ist öffentlich dokumentiert und unstrittig — die Bewertung der Ergebnisse dieser Reformen (Kriminalitätsstatistiken, öffentliche Ordnung) ist dagegen politisch und wissenschaftlich kontrovers.
OFFEN Kausale Zurechnung von Kriminalitätsentwicklungen einzelner Städte allein auf DA-Politik ist methodisch komplex und wird hier bewusst nicht bewertet — das würde den Rahmen dieses Stiftungsporträts sprengen und gehört in ein eigenes, kriminologisch sauber belegtes Dossier.
Neben seriöser struktureller Kritik kursieren im Netz Texte, die reale Fakten (DA-Finanzierung, Ukraine-Engagement) mit unbelegten Behauptungen vermischen — etwa dass Protestbewegungen wie "Indivisible" direkt "bezahlte Demonstranten" einsetzten, oder dass ein durchgängiger, jahrzehntelanger "Marxist-Agenda"-Plan hinter allen Aktivitäten stehe. Solche Texte nutzen oft dieselbe Argumentationsstruktur wie ältere antisemitische Verschwörungserzählungen über jüdische Finanziers, ohne dies offen zu benennen.
VT-WIDERLEGT Die Behauptung, Demonstranten würden direkt für ihre Teilnahme an Protesten bezahlt, ist durch keine belastbare Quelle gedeckt — dokumentiert sind Organisationszuschüsse für Logistik, nicht individuelle Bezahlung von Teilnehmern.
BELEGT Die Finanzierung von Organisationen wie Indivisible durch Soros-nahe und Arabella-verwaltete Fonds ist dagegen dokumentiert (siehe Teil 1 dieser Serie zu Arabella Advisors) und muss von der unbelegten Zusatzbehauptung sauber getrennt werden.
Umgekehrt gilt: Nicht jede Kritik an Soros' politischer Finanzierungstätigkeit ist automatisch antisemitisch motiviert. Soros selbst und sein Sohn Alex haben öffentlich gemacht, dass die jüdische Familiengeschichte ein zentraler Antrieb der Stiftungsarbeit ist. Kritik an konkreten, dokumentierten Finanzierungsentscheidungen (etwa DA-Wahlkämpfe oder Ukraine-Engagement) ist legitime politische Debatte. Erst wenn Kritik auf pauschale "jüdische Weltverschwörung"-Tropen zurückgreift — etwa durch Andeutungen einer geheimen, alles steuernden Strippenzieher-Rolle ohne konkrete Belege — wechselt sie in antisemitisches Territorium.
Im Dezember 2022 wählte der Stiftungsvorstand Alexander Soros (geb. 1985, promovierter Historiker, UC Berkeley) zum Vorstandsvorsitzenden. Im Juni 2023 übergab George Soros offiziell die Kontrolle über sein Vermögen und die Stiftung an seinen Sohn. Kurz darauf kündigte Alex Soros einen Stellenabbau von mindestens 40 Prozent der rund 800 internationalen Mitarbeitenden sowie "signifikante Änderungen" am Organisationsmodell an.
Im September 2025 wies ein Justizministeriums-Vertreter Staatsanwälte an, Ermittlungen gegen die Open Society Foundations vorzubereiten. Die Stiftung bezeichnete dies über ihren Sprecher als politisch motiviert. Zeitgleich verlieh Präsident Biden Soros 2025 die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der USA — ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich dieselbe Person parteipolitisch bewertet wird.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1944/45 | Überleben der deutschen Besatzung Ungarns |
| 1979 | Erste Stipendien für schwarze Südafrikaner |
| 1984 | Gründung Soros Foundation/Budapest |
| 1992 | "Schwarzer Mittwoch" — Milliardengewinn gegen das Pfund |
| 2003 | Rosenrevolution Georgien — OSF-Rolle umstritten |
| 2015–21 | DA-Wahlkampf-Finanzierung in US-Großstädten |
| 2017 | Soros überträgt $18 Mrd. an die Stiftung |
| 2022 | Alex Soros wird Vorstandsvorsitzender |
| 2023 | Vollständige Kontrollübergabe, 40% Stellenabbau |
| 2025 | DOJ-Ermittlungsdruck unter Trump-Administration; Presidential Medal of Freedom |
Open Society Foundations zeigt idealtypisch, warum das Beleg-vor-Motiv-Prinzip nötig ist: Es gibt hier dokumentierte, kritikwürdige politische Einflussnahme — und eine parallel existierende, oft antisemitisch grundierte Mythologie, die diese reale Kritik diskreditiert, sobald man beides vermischt. Wer beides sauber trennt, macht seriöse Kritik erst möglich.
Damit ist der US-Block der Serie abgeschlossen. Weiter geht es mit Carnegie Endowment, Koch-Netzwerk und den europäischen Stiftungen (Wellcome Trust, INGKA/IKEA, King Baudouin) — in einem neuen Chat, siehe Übergabe-Zusammenfassung.