DUNKELFELD.REPORT — INFRASTRUKTUR DER EINFLUSSNAHME, TEIL 10/9+

INGKA/IKEA: Die Stiftung als Steuerarchitektur

Stand: Juli 2026 · Beleg-vor-Motiv-Prinzip
SERIE „INFRASTRUKTUR DER EINFLUSSNAHME" — Arabella · Rockefeller · Ford · Gates · Open Society · Carnegie Endowment · Koch-Netzwerk · Clinton Foundation · Wellcome Trust · INGKA/IKEA · Synthese (folgt)

EXTRAPOLATION Diese Serie hat bislang Stiftungen behandelt, deren zentrale Funktion – ob wohltätig, politisch oder geopolitisch – zumindest nach außen im Vordergrund stand. Die Stichting INGKA Foundation ist ein anderer Fall: Hier ist die Stiftungsform selbst primär ein Instrument der Unternehmenskontrolle, und die Wohltätigkeit war jahrzehntelang, nach eigener Aussage des Gründers, ein Nebeneffekt. The Economist brachte es 2006 in einem vielzitierten Satz auf den Punkt: Die IKEA-Stiftungsstruktur mache das Unternehmen "immun gegen eine Übernahme, minimiere Steuern und Offenlegung, belohne die Gründerfamilie Kamprad großzügig" – und die daraus entstandene Stiftung sei zugleich "eine der am wenigsten großzügigen" der Welt gewesen.

1982: Die Übertragung – aus Erbschaftssteuergründen

BELEGT IKEA-Gründer Ingvar Kamprad gründete die Stichting INGKA Foundation 1982 gemeinsam mit seiner Unternehmensanwältin Linnea Walsh in Leiden, Niederlande. Kamprad selbst erklärte gegenüber den Machern einer schwedischen Dokumentation, Steuereffizienz sei "ein natürlicher Bestandteil der Niedrigkosten-Kultur des Unternehmens". Hintergrund war die 1982 in Schweden sehr hohe Erbschaftssteuer auf große Vermögen sowie die zusätzliche Steuer auf den Aktienverkauf, der zur Begleichung dieser Erbschaftssteuer nötig gewesen wäre. Die Stiftung übernahm die vollständige, unwiderrufliche Schenkung von Kamprads Firmenanteilen und fungiert seither zugleich als Übernahmeschutz für IKEA.

Die doppelte, eigentlich dreifache Stiftungsarchitektur

BELEGT Die Struktur besteht aus mehreren rechtlich getrennten, aber koordinierten Ebenen: Die niederländische Stichting INGKA Foundation besitzt zu 100 Prozent die INGKA Holding B.V., die wiederum die Ingka Group kontrolliert – mit rund 400 Filialen in 31 Ländern und 87,8 Prozent des weltweiten IKEA-Einzelhandelsumsatzes (Geschäftsjahr 2024). Getrennt davon liegen Markenname, Konzept und geistiges Eigentum bei Inter IKEA Systems B.V., das über die Interogo Foundation in Liechtenstein kontrolliert wird – deren Existenz erst 2011 durch schwedische investigative Recherchen öffentlich bekannt wurde. Jede IKEA-Filiale weltweit, einschließlich der von der Ingka Group selbst betriebenen, zahlt an Inter IKEA Systems eine Franchise-Gebühr von drei Prozent des Umsatzes. Eine dritte Ebene, die Ikano Group (Finanzdienstleistungen, Versicherungen, Immobilien), gehört direkt den drei Söhnen Kamprads und residiert in Luxemburg.

EINORDNUNG — GELDFLUSS

BELEGT Der Copenhagen-Business-School-Ökonom Steen Thomsen dokumentierte, dass Kamprad die in Liechtenstein akkumulierten Reserven selbst als "Sparschwein" bezeichnete. Geld fließt damit in eine klare Richtung: Kunden zahlen an die Filialen, die Filialen geben drei Prozent als Markengebühr an das niederländisch-liechtensteinische Geflecht ab – eine Struktur, die laut einer 2016 veröffentlichten Analyse von Grünen-Europaabgeordneten ("IKEA: Flat Pack Tax Avoidance") zwischen 2009 und 2014 rund eine Milliarde Euro an vermiedenen Steuern in EU-Staaten zur Folge gehabt habe. Diese Zahl stammt von einer politisch positionierten Quelle (Grüne/EFA-Fraktion) und wird entsprechend als deren Berechnung, nicht als unabhängig verifizierter Fakt gekennzeichnet.

"Die reichste und zugleich am wenigsten großzügige Wohltätigkeitsorganisation der Welt"

BELEGT The Economist bezifferte das Vermögen der Stiftung 2006 auf 36 Milliarden Dollar – zu diesem Zeitpunkt die wertvollste Wohltätigkeitsstiftung der Welt, während die tatsächliche jährliche Ausschüttung sich auf gut eine Million Euro an das schwedische Lund-Institut beschränkte. Der damalige Stiftungszweck – "Innovation im Bereich Architektur- und Interior-Design zu fördern" – ließ Ausschüttungen in dieser Größenordnung rechtlich durchaus zu, ohne dass eine Verpflichtung zu umfangreicherer Wohltätigkeit bestand. Nach Veröffentlichung des Economist-Artikels focht Kamprad selbst vor niederländischen Gerichten eine Erweiterung des Stiftungszwecks an, um einen Teil des Vermögens Kindern in Entwicklungsländern zuzuwenden – ein seltener Fall, in dem öffentliche Kritik eine Stiftung zur eigenständigen Zweckänderung bewegte.

Kamprads Vergangenheit: Dokumentiert durch die eigenen Briefe der Beteiligten

BELEGT 1994 wurden nach dem Tod des schwedischen Faschistenführers Per Engdahl dessen private Briefe veröffentlicht und enthüllten, dass der 16-jährige Kamprad 1942 der pro-faschistischen "Nysvenska Rörelsen" Engdahls beigetreten war und dort bis mindestens September 1945 aktiv blieb; die Freundschaft zu Engdahl bestand nach übereinstimmenden Quellen bis in die frühen 1950er-Jahre fort. Kamprad bezeichnete diese Zeit in einem Brief an die damals 25.000 IKEA-Mitarbeiter als "den größten Fehler meines Lebens". BELEGT Ein 2011 erschienenes, auf mehr als 500 Briefen und Behördendokumenten basierendes Buch der schwedischen Journalistin Elisabeth Åsbrink dokumentierte zusätzlich, dass der schwedische Sicherheitsdienst bereits 1943 – im Gründungsjahr von IKEA – eine Akte über den 17-jährigen Kamprad unter dem Stichwort "Nazi" anlegte, sowie eine Mitgliedsnummer in der offen antisemitischen Gruppierung Svensk Socialistisk Samling. In einem von Åsbrink dokumentierten Interview soll Kamprad noch 2010 erklärt haben, Engdahl sei "ein großer Mensch, und das werde ich behaupten, solange ich lebe" – eine Aussage, die neben seiner öffentlichen Distanzierung von 1994 steht, ohne dass beide Aussagen sich gegenseitig auflösen.

2018–heute: Klimafinanzierung und die Rückkehr in diese Serie

BELEGT 2018 verschob die IKEA Foundation ihren Förderschwerpunkt von Kinderarmut auf nachhaltige Lebensgrundlagen und Klimaschutz. 2021 kündigte die Stiftung gemeinsam mit der Rockefeller Foundation eine zehn Milliarden Dollar schwere Investitionsinitiative für saubere Energie in Entwicklungsländern an, der sich später ein 500-Millionen-Dollar-Beitrag des Bezos-Fonds anschloss. Diese Kooperation schließt den Kreis zu Teil 2 dieser Serie: Zwei strukturell sehr unterschiedliche Stiftungen – die eine aus Öleinnahmen, die andere aus einer Steuervermeidungsarchitektur entstanden – finden sich in derselben globalen Klimafinanzierungs-Infrastruktur wieder.

Einordnung im Gesamtbild der Serie

EXTRAPOLATION INGKA/IKEA zeigt ein in dieser Serie bislang einzigartiges Muster: Die Stiftungsform wird hier primär zur Unternehmenskontrolle und Steueroptimierung genutzt, mit der Wohltätigkeit als nachträglich verstärktem, aber ursprünglich sekundärem Element – dokumentiert durch Kamprads eigene Aussage zur "Niedrigkosten-Kultur" und durch das jahrzehntelange Missverhältnis zwischen Stiftungsvermögen und Ausschüttungshöhe. Anders als bei Arabella (Teil 1), wo Verschleierung politischen Geldflüssen dient, dient sie hier der Abschirmung unternehmerischen Vermögens vor Steuern und Übernahmen – ein drittes Verschleierungsmotiv neben "politischer Einfluss" und "geopolitische Programmatik", das diese Serie bislang noch nicht in dieser Reinform gezeigt hat.

Was unterscheidet eine Stiftung, deren Kernzweck die Kontrolle eines Wirtschaftsimperiums ist und die nebenbei wohltätig wird, von einer Stiftung, deren Kernzweck die Wohltätigkeit ist? Und ist es einem einzelnen Land wie den Niederlanden – dessen laxe Stiftungsaufsicht laut mehreren Rechtsanalysen bewusst gewählt wurde – überhaupt zuzumuten, globale Konzernstrukturen dieser Größenordnung im Alleingang zu beaufsichtigen?

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