DUNKELFELD.REPORT — INFRASTRUKTUR DER EINFLUSSNAHME, TEIL 6/9+

Carnegie Endowment for International Peace: Vom Weltfrieden zur Machtelite

Stand: Juli 2026 · Beleg-vor-Motiv-Prinzip
SERIE „INFRASTRUKTUR DER EINFLUSSNAHME" — Arabella · Rockefeller · Ford · Gates · Open Society · Carnegie Endowment · Koch-Netzwerk (folgt) · Synthese (folgt)

BELEGT Am 25. November 1910, seinem 75. Geburtstag, stiftete der schottisch-amerikanische Stahlmagnat Andrew Carnegie zehn Millionen Dollar in erstrangigen Hypothekenanleihen, um eine Institution zu schaffen, die "die Abschaffung des Krieges, des schändlichsten Flecks unserer Zivilisation" beschleunigen sollte. Über ein Jahrhundert später residiert der daraus entstandene Carnegie Endowment for International Peace (CEIP) an der Massachusetts Avenue in Washington, unterhält Ableger in Berlin, Brüssel, Beirut, Neu-Delhi und – bis 2022 – Moskau, und zählt zu den einflussreichsten außenpolitischen Denkfabriken der Welt. Zwischen der pazifistischen Gründungsidee und der heutigen Realität liegt eine Geschichte, die exemplarisch zeigt, wie aus einer philanthropischen Vision eine Drehscheibe zwischen Thinktank, Außenministerium und Geheimdienst werden kann – dokumentiert allein durch das, was die Beteiligten selbst über sich mitgeteilt haben.

1910: Die pazifistische Gründungsidee

BELEGT Carnegie beauftragte seine Treuhänder mit größtmöglichem Ermessen ("the widest discretion"), verfügte aber zugleich eine bemerkenswerte Klausel: Sollte der Weltfrieden je erreicht sein, sollte das Vermögen dem "nächst degradierendsten Übel der Menschheit" gewidmet werden. Erster Präsident wurde Elihu Root, Senator aus New York und ehemaliger Kriegs- und Außenminister, der für seine Arbeit 1912 den Friedensnobelpreis erhielt. Zu den Gründungstreuhändern zählten der Präsident der Harvard University, ein früherer US-Botschafter in Großbritannien und ein ehemaliger Außenminister.

BELEGT Die erste Belastungsprobe kam schneller als erwartet: Bei Kriegseintritt der USA 1917 erklärten die Carnegie-Treuhänder einstimmig, das wirksamste Mittel zur Förderung dauerhaften internationalen Friedens sei, den Krieg gegen die kaiserliche Regierung Deutschlands "bis zum endgültigen Sieg für die Demokratie" zu führen. Eine "Friedensstiftung", die den Kriegseintritt der eigenen Nation befürwortet – dieser strukturelle Widerspruch zwischen deklariertem Zweck und politischer Praxis zieht sich, wie zu zeigen sein wird, durch die gesamte Institutionsgeschichte.

QUELLE — HISTORISCHE EINORDNUNG

EXTRAPOLATION Der Historiker Inderjeet Parmar analysierte in einer 2000 erschienenen Studie, wie der Carnegie Endowment während des Zweiten Weltkriegs aktiv an der Mobilisierung der amerikanischen öffentlichen Meinung mitwirkte ("Engineering Consent"). Das ist eine akademische Interpretation, kein Selbstbekenntnis der Institution – wird hier aber als seriöse Forschungsquelle benannt, nicht als erwiesene Tatsache behandelt.

Die Ablegerfamilie: Vom Peterson Institute bis zur Migration Policy Institute

BELEGT Der Endowment fungierte im Lauf des 20. Jahrhunderts wiederholt als Keimzelle: Aus ihm gingen das Henry L. Stimson Center, das Institute for International Economics (heute Peterson Institute) sowie das Migration Policy Institute hervor – Letzteres 2000 unter acht Mathews als erste eigenständige Denkfabrik zum Thema internationale Migration gegründet. Die Struktur ähnelt der bei anderen Stiftungen dieser Serie beobachteten Praxis, aus einer Mutterorganisation heraus spezialisierte Tochterinstitute zu etablieren, die publizistisch und politisch eigenständig auftreten, aber personell und finanziell verflochten bleiben.

Finanzierung: Zwischen Pentagon, Big Tech und George Soros

BELEGT Der Endowment veröffentlichte für 2023 Einnahmen von 86,8 Millionen Dollar bei Ausgaben von 52,6 Millionen Dollar. Zu den offengelegten Großspendern jenes Jahres zählten mit jeweils über zwei Millionen Dollar die Pritzker Traubert Foundation, die Robert and Ardis James Foundation und die Russell Sage Foundation. Mit über einer Million Dollar waren die Carnegie Corporation of New York, die Ford Foundation, die MacArthur Foundation, die Stand Together Trust (Koch-nahes Vehikel) sowie – bemerkenswert im Kontext dieser Serie – 3.096.000 Dollar von George Soros' Open Society Foundations vertreten.

BELEGT Die Geberliste liest sich wie ein Who-is-who der in dieser Serie bereits behandelten Stiftungslandschaft plus Technologiekonzerne: Meta, Google, Microsoft, Amazon Web Services sowie die Gates Foundation, die Hewlett Foundation, die Packard Foundation und die Skoll Foundation unterstützten den Endowment 2023 finanziell – ergänzt um Rüstungsbezug in Form von Boeing als Geldgeber. Zusätzlich erhielt die Institution laut Recherchen des Center for International Policy seit 2019 3,8 Millionen Dollar von der US-Regierung, 620.000 Dollar von Pentagon-Auftragnehmern und mindestens 10,5 Millionen Dollar von ausländischen Regierungen.

EINORDNUNG — DEFENSE-FUNDING IM VERGLEICH

BELEGT Das Quincy Institute for Responsible Statecraft – finanziert unter anderem von Soros und dem Koch-Netzwerk gemeinsam – stellte 2024 in einer vergleichenden Studie fest, dass der Carnegie Endowment weniger als ein Prozent seiner Jahresfinanzierung von Rüstungskonzernen bezieht – deutlich weniger als die meisten Konkurrenz-Thinktanks in Washington, von denen laut derselben Studie 77 Prozent der untersuchten Institute Rüstungsgelder annehmen. Der Endowment ist damit finanziell weniger, aber keineswegs gar nicht mit der Rüstungsindustrie verflochten.

Die Drehtür: Von der Denkfabrik ins Präsidentenamt der CIA

BELEGT Die Personalgeschichte des Endowments liest sich wie ein Register hochrangiger US-Außen- und Sicherheitspolitik. William J. Burns, von 2015 bis 2021 Präsident des Carnegie Endowment, war zuvor 33 Jahre im diplomatischen Dienst tätig gewesen – als stellvertretender Außenminister, Botschafter in Russland und Jordanien sowie Unterstaatssekretär für politische Angelegenheiten. Nach seiner Zeit an der Spitze des Endowments wurde Burns 2021 als erster Berufsdiplomat in der Geschichte zum Direktor der CIA ernannt und leitete die Behörde bis Januar 2025.

BELEGT Sein Nachfolger als Endowment-Präsident, der frühere Verfassungsrichter Kaliforniens und Stanford-Professor Mariano-Florentino Cuéllar, übernahm das Amt am 1. November 2021. Burns' Vorgängerin, Jessica Mathews, kam ebenfalls aus dem Regierungsapparat, und Morton Abramowitz, siebter Präsident des Endowments ab 1991, war zuvor Außenministeriumsbeamter. Diese durchgängige Personalunion zwischen Spitzenpositionen im Außen- und Geheimdienstapparat und der Führung einer nominell unabhängigen Denkfabrik ist ein strukturelles Muster, das – im Sinne des Beleg-vor-Motiv-Prinzips – hier ausschließlich anhand öffentlich dokumentierter Lebensläufe beschrieben wird, ohne den Beteiligten Absichten zu unterstellen.

Moskau 1994–2022: Aufbau und erzwungene Schließung

BELEGT 1994 eröffnete der Endowment das Carnegie Moscow Center – nach eigener Darstellung die erste unabhängige Denkfabrik im postsowjetischen Russland und laut University of Pennsylvania Global Go To Think Tank Index 2014 die Nummer eins unter den Instituten Ost- und Mitteleuropas. Von 2006 bis 2008 leitete die spätere NATO-Vizegeneralsekretärin Rose Gottemoeller das Zentrum. BELEGT Im April 2022, unmittelbar nach Beginn der russischen Invasion der Ukraine, wurde das Zentrum auf Anordnung der russischen Regierung nach 28 Jahren zwangsweise geschlossen. Im April 2023 setzte Russlands Justizministerium den Endowment auf die Liste "ausländischer Agenten", im Juli 2024 stufte es die Organisation als "unerwünscht" ein.

Der CCP-Personalstreit 2022: Dokumentierte Fakten und offene Fragen

BELEGT Im August und September 2022 veröffentlichte die Daily Caller News Foundation (DCNF) eine mehrteilige Recherche, wonach der Carnegie Endowment während der Präsidentschaft von William Burns (2015–2021) mindestens 20 Experten beschäftigt habe, die die DCNF als Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas identifizierte – darunter Personen mit Verbindungen zu Institutionen, die laut Berichten der U.S.-China Economic and Security Review Commission als Fronten der United Front Work Department eingestuft werden. Die DCNF dokumentierte zudem, dass eine chinesischsprachige Pressemitteilung von 2010 die Parteifunktion eines neu eingestellten Tsinghua-Professors offenlegte, während die englischsprachige Version diese Information ausließ.

OFFEN Republikanische Kongressabgeordnete – darunter Mike Rogers als ranghöchstes Mitglied des House Armed Services Committee – forderten daraufhin, das Pentagon solle seine Finanzierung des Endowments bis zur Aufklärung aussetzen. Der Endowment reagierte öffentlich nicht auf die DCNF-Anfragen; nach Veröffentlichung der Recherchen verschwanden mehrere Expertenprofile von der Institutswebsite, ohne dass eine Begründung dafür bekannt wurde. Was hier als gesichert gelten kann, ist der Ablauf der Ereignisse selbst – die politische Bewertung ("Unterwanderung" versus "normale akademische Kooperation mit chinesischen Partnerinstitutionen") bleibt Gegenstand der öffentlichen Debatte und wird hier bewusst nicht vorweggenommen.

Der Fall Tellis: Klassifizierte Dokumente, Oktober 2025

BELEGT Im Oktober 2025 wurde Ashley J. Tellis, Inhaber des Tata-Lehrstuhls für strategische Angelegenheiten am Carnegie Endowment, verhaftet und vom US-Justizministerium wegen unrechtmäßigen Besitzes klassifizierter Verteidigungsinformationen angeklagt, nachdem Ermittler nach eigenen Angaben mehr als 1.000 Seiten eingestufter Dokumente in seinem Wohnhaus in Virginia gefunden hatten. Tellis hatte zuvor im Nationalen Sicherheitsrat unter George W. Bush sowie als Vertragspartner des Office of Net Assessment im Pentagon gedient – ein weiterer Beleg für die enge Verzahnung von Endowment-Personal mit dem sicherheitspolitischen Regierungsapparat. Seine Verteidigung bestreitet die Vorwürfe.

OFFEN — ABGRENZUNG Nicht zu verwechseln: Der Carnegie Endowment for International Peace ist rechtlich und organisatorisch getrennt von der Carnegie Corporation of New York (Bildungsförderung) und der historischen Carnegie Institution of Washington. Frühe eugenische Forschungsprogramme, die teils mit Carnegie-Mitteln finanziert wurden, sind der Carnegie Institution zuzuordnen, nicht dem hier behandelten außenpolitischen Endowment – die Trennung ist wichtig, um keine falschen institutionellen Zuschreibungen zu erzeugen.

Einordnung im Gesamtbild der Serie

EXTRAPOLATION Im Vergleich zu Arabella Advisors (finanzielle Verschleierungsarchitektur), Rockefeller und Ford (Gründungskapital aus Öl- und Automobilindustrie mit anschließender geopolitischer Programmatik) und der Gates Foundation (globale Gesundheitspolitik als Hebel) zeigt der Carnegie Endowment ein eigenes Muster: die direkte, offen ausgewiesene Personalunion zwischen Thinktank-Führung und den höchsten Ämtern der US-Außen- und Geheimdienstpolitik. Während bei anderen Stiftungen dieser Serie die Nähe zur Macht oft über Umwege – Beratungsverträge, Stiftungsräte, Politikfinanzierung – sichtbar wird, ist sie beim Carnegie Endowment strukturell eingebaut: Wer den Endowment leitet, leitet mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorher oder nachher auch das Außenministerium, den Sicherheitsrat oder die CIA.

Was folgt aus einer Institution, deren erklärter Gründungszweck die Abschaffung des Krieges war und deren Präsidenten regelmäßig zwischen Denkfabrik und Geheimdienstspitze wechseln? Ist das die notwendige Expertise einer globalisierten Außenpolitik – oder die Verschmelzung von unabhängiger Analyse und Staatsapparat, die genau jene "unabhängige, überparteiliche" Forschung untergräbt, die der Endowment für sich beansprucht? Und: Wenn selbst ein Institut mit vergleichsweise geringer Rüstungsfinanzierung so eng mit dem sicherheitspolitischen Establishment verwoben ist – was sagt das über die übrigen 27 der einflussreichsten US-Thinktanks, die laut Quincy-Institute-Studie zu 77 Prozent Rüstungsgelder erhalten?

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