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Serie: Zehn Jahre danach — Teil 3 von 7

Kinderarmut & Bildung

Der Siebte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung und die Anhörung im Bundestag, März 2026
Stand: Juli 2026 Lesedauer: ca. 8 Minuten

Am 27. März 2026 debattierte der Bundestag den Siebten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung („Lebenslagen in Deutschland"). Zuvor, am 23. März 2026, hatte der Ausschuss für Arbeit und Soziales eine Expertenanhörung dazu durchgeführt. Dieser Teil dokumentiert die dort vorgetragenen Fakten sowie unabhängige Bildungsdaten zur Einordnung.

01Die Anhörung: drei Stimmen

Bernd Siggelkow — Gründer & Vorsitzender der Kinderstiftung Arche
„Unsere Kinder merken schon früh, wie ihre Chancen sind."
Anhörung Ausschuss für Arbeit und Soziales, 23.3.2026

Siggelkow sagte laut Bundestagsprotokoll, Kinderarmut sei in den vergangenen Jahren in drei Gruppen gestiegen: bei Alleinerziehenden, bei Migranten und in Großfamilien. Zudem könnten 30 Prozent der 15-Jährigen „nicht richtig lesen und schreiben" — Deutschland habe „ein erhebliches Bildungsproblem".

Transparenzhinweis: Siggelkow kandidiert seit 2026 für die CDU im Berliner Abgeordnetenhaus (Wahlkreis Marzahn-Mitte, Wahl im September 2026). Das ändert nichts an der Korrektheit seines Zitats aus der Anhörung, gehört aber zur Einordnung, wer hier spricht. BELEGT

Prof. Dr. Marcel Fratzscher — Präsident DIW Berlin
Armut sei „vor allem weiblich". Es gebe „viel Verbesserungsbedarf" bei der Zielgenauigkeit sozialer Leistungen.
Anhörung Ausschuss für Arbeit und Soziales, 23.3.2026

Fratzscher verwies zudem auf eine im europäischen Vergleich „sehr besondere" Vermögensungleichheit: 30 Prozent der Menschen in Deutschland hätten gar kein Vermögen, was eine ungewöhnlich große Gruppe in Abhängigkeit vom Staat bringe.

Dr. Maximilian Stockhausen — Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln)
Eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung sei der beste Schutz vor Armut — aber auch Bildung habe erheblichen Einfluss.
Anhörung Ausschuss für Arbeit und Soziales, 23.3.2026
Quelle
Deutscher Bundestag, Textarchiv „Anhörung zum Armutsbericht: Wohnraum und Bildung im Fokus" (23.3.2026); Bundestags-Drucksache 21/3250, „Siebter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung — Lebenslagen in Deutschland" BELEGT

02Vermögen: die Zahlen dahinter

103.200 €
Median-Nettovermögen 2023
780.000 €
nötig für die vermögendsten 10% der Haushalte
30%
der Menschen ohne jedes Vermögen (Fratzscher/DIW)
4,6%
aller Erwachsenen mit hoher Überschuldungsintensität (2024)
Quelle
Siebter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, zitiert nach Bundestag.de (27.3.2026) BELEGT

Zur Einordnung: Der Rückgang überschuldeter Personen in den letzten Jahren ist laut Bericht teils methodisch bedingt — die Speicherfrist für Restschuldbefreiungen wurde von drei Jahren auf sechs Monate verkürzt, was die Statistik beeinflusst. BELEGT

03Die Bildungsfrage: unabhängige Prüfung

Siggelkows Aussage zur Lesekompetenz lässt sich mit dem IQB-Bildungstrend — einer von der Kultusministerkonferenz beauftragten, unabhängig durchgeführten Erhebung — gegenprüfen:

32,5%
verfehlen 2022 den Mindeststandard Lesen (MSA), Neuntklässler
+9 Pp.
Anstieg gegenüber 2015
34,4%
verfehlen Mindeststandard Zuhören (+16 Pp. seit 2015)
22,3%
verfehlen Mindeststandard Rechtschreibung (+9 Pp.)

Die von Siggelkow genannten „30 Prozent" liegen damit nahe am offiziell erhobenen Wert von 32,5 Prozent für das Fach Lesen. Der IQB-Bildungstrend 2024 (Fokus Mathematik/Naturwissenschaften) bestätigte den Negativtrend: 34 Prozent der Neuntklässler verfehlen die Mindeststandards in Mathematik — ein Rückgang von 24 Punkten gegenüber 2018, „vergleichbar mit dem Lernzuwachs eines halben Schuljahres".

Quelle
IQB-Bildungstrend 2022 (bildungsspiegel.de, 16.10.2023); IQB-Bildungstrend 2024 (Deutsches Schulportal, 16.10.2025) BELEGT

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) bezeichnete die IQB-Ergebnisse 2024 als „besorgniserregenden Befund" und forderte eine „nationale Kraftanstrengung" von Bund, Ländern und Kommunen gemeinsam mit Kitas, Schulen und Familien.

Regionale Unterschiede sind erheblich: In Bremen, dem Bundesland mit dem höchsten Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund, verfehlten 2022 bereits 46% der Neuntklässler den Lese-Mindeststandard (2015: 35,5%). Der IQB-Bericht selbst benennt diesen Zusammenhang, ohne ihn ursächlich weiter aufzuschlüsseln nach sozioökonomischem Hintergrund vs. Migrationshintergrund. OFFEN

04Was Anhörung und Bildungsstatistik gemeinsam zeigen

BefundQuelle
Kinderarmut steigt in drei identifizierten GruppenArche/Siggelkow, Bundestagsanhörung
Lesekompetenz sinkt bundesweit seit 2015 signifikantIQB-Bildungstrend, unabhängig von KMK beauftragt
Vermögensungleichheit im EU-Vergleich „sehr besonders"DIW/Fratzscher, Bundestagsanhörung
Regionale Unterschiede korrelieren mit Migrationsanteil, Kausalität nicht quantifiziertIQB-Bildungstrend, eigene Einordnung
Zwei unabhängige Quellen — eine kirchliche Kinderhilfsorganisation, ein staatlich beauftragtes Bildungsinstitut — kommen zu ähnlichen Zahlen. Was folgt daraus für die Priorität der nächsten zehn Jahre: mehr Sozialleistungen, mehr Bildungsinvestition, oder beides gleichzeitig?