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Serie: Zehn Jahre danach — Teil 1 von 7

Die Zitate

Was Politiker 2015 und 2017 über den Wandel Deutschlands sagten — im Wortlaut
Stand: Juli 2026 Lesedauer: ca. 9 Minuten

Zwischen 2015 und 2017 äußerten sich mehrere europäische Politiker öffentlich zum erwarteten gesellschaftlichen Wandel durch Migration. Dieser Artikel dokumentiert die Aussagen im Wortlaut, mit Datum, Anlass und Quelle — ohne Interpretation der Motive. Die weiteren Teile der Serie stellen diesen Aussagen die verfügbaren Zahlen zu Geburtenrate, Bildung, Sicherheit und Wohnraum gegenüber.

01Katrin Göring-Eckardt: "Es wird bunter werden"

Die damalige Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen äußerte sich im November 2015 bei zwei unterschiedlichen Anlässen in ähnlicher Weise zum erwarteten Wandel Deutschlands durch die Migrationsbewegung des Jahres 2015.

  • 8. November 2015 — EKD-Synode, Bremen
    "Durch die Flüchtlinge wird Deutschland religiöser, bunter, vielfältiger und jünger."
    Katrin Göring-Eckardt, Aussprache zum EKD-Ratsbericht
  • 20. November 2015 — Bundesdelegiertenkonferenz, Halle
    "Es wird jünger werden. Ja, wie großartig ist das denn? [...] Es wird bunter werden. Ja, wie wunderbar ist das! [...] Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich sag' euch eins: Ich freu' mich drauf."
    Katrin Göring-Eckardt, Rede vor der Grünen-Bundesdelegiertenkonferenz
  • Quelle
    idea.de (9.11.2015), "Flüchtlinge machen Deutschland religiöser, vielfältiger und jünger"; Wortlautdokumentation der Rede vom 20.11.2015, mehrfach von Medien und Politikerin selbst zitiert. BELEGT

    Die Formulierung "Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich darauf" wurde in den Folgejahren zum meistzitierten Satz Göring-Eckardts. Sie hat die Aussage seither mehrfach öffentlich bekräftigt und ihre Kritiker zurückgewiesen.

    "Ob wir wollen oder nicht: Zukunft kommt. Deshalb sage ich auch heute: Unser Land wird sich ändern. Freue ich mich? Ja, die Veränderung gemeinsam anzupacken, damit unser Land stärker wird, darauf freue ich mich."
    Katrin Göring-Eckardt, Gastbeitrag t-online, September 2023
    "Sobald über Migration oder Islamismus diskutiert wird, passiert eins immer wieder: Zwei Sätze aus 2015 werden aus dem Zusammenhang gerissen für Hetze gegen mich und – schlimmer – für Pauschalkritik an Geflüchteten missbraucht."
    Katrin Göring-Eckardt, X (vormals Twitter), Juni 2024
    Quelle
    t-online.de (22.9.2023); X-Post @GoeringEckardt (7.6.2024) BELEGT

    02Karl Lagerfeld: "Millionen ihrer schlimmsten Feinde"

    Der Modeschöpfer Karl Lagerfeld äußerte sich am 11. November 2017 in der französischen Fernsehsendung "Vivement Dimanche" (Moderator: Thierry Ardisson) zur Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

    "Wir können nicht, selbst wenn Jahrzehnte zwischen den beiden Ereignissen liegen, Millionen Juden töten und Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen."
    Karl Lagerfeld, "Vivement Dimanche", 11. November 2017

    Lagerfeld kündigte die Aussage selbst als "etwas Schreckliches" an, bevor er sie traf. Im Anschluss erzählte er eine Anekdote über einen jungen syrischen Geflüchteten, der laut Lagerfeld gegenüber seiner Gastgeberin geäußert habe, die "beste Erfindung Deutschlands" sei der Holocaust gewesen — woraufhin die Gastgeberin ihn vor die Tür gesetzt habe. Die Aussage löste in Frankreich und Deutschland Kritik aus; große Teile der Presse bezeichneten sie als "unfassbare Aussage".

    Quelle
    Tagesspiegel (11.11.2017), "Lagerfeld teilt gegen Merkel aus"; Cicero Online, "Antisemitismus – Der Skandal, der keiner ist" BELEGT

    OFFEN: Ob die von Lagerfeld geschilderte Anekdote sich genau so zugetragen hat, ist nicht unabhängig verifizierbar — sie basiert allein auf seiner eigenen Darstellung im Interview. OFFEN

    03Alexander Van der Bellen: "Wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen"

    Der österreichische Bundespräsident äußerte sich am 25. April 2017 bei einer Podiumsdiskussion im Haus der Europäischen Union in Wien (ausgestrahlt im ORF-"Report") zur Kopftuchdebatte.

    "Es ist das Recht der Frau, sich zu kleiden, wie auch immer sie möchte. [...] Im Übrigen nicht nur die muslimische Frau, jede Frau kann ein Kopftuch tragen. Und wenn das so weitergeht bei dieser tatsächlich um sich greifenden Islamophobie, wird noch der Tag kommen, wo wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen. Alle, als Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun."
    Alexander Van der Bellen, ORF "Report", 25. April 2017

    Van der Bellen begründete die Aussage mit einem historischen Vergleich: Nicht-jüdische Dänen hätten während der deutschen Besatzung angeblich aus Solidarität den Davidstern getragen, um jüdische Mitbürger vor Deportation zu schützen. (Historiker bewerten diese konkrete Davidstern-Erzählung überwiegend als Legende — die dänische Judenrettung 1943 erfolgte auf anderem Weg, durch Flucht nach Schweden. OFFEN)

    Im Oktober 2022, im Kontext der Proteste nach dem Tod von Mahsa Amini im Iran, bekräftigte Van der Bellen die Aussage im Interview mit Puls24 und stellte klar, dass sie "die Männer genauso" betreffe.

    Quelle
    derStandard.at (26.4.2017); heute.at (5.10.2022), "So erklärt Van der Bellen seinen Kopftuch-Sager" BELEGT

    04Kontext: Die Verschleierungs-Gesetzeslage im europäischen Vergleich

    Van der Bellens Aussage fiel in einem Land, das zum Zeitpunkt seiner Äußerung noch kein generelles Verschleierungsverbot hatte — dieses trat erst wenige Monate später in Kraft. Der folgende Überblick zeigt die Rechtslage zur Vollverschleierung in ausgewählten europäischen Ländern (Stand 2026):

    LandRegelungSeit
    FrankreichGenerelles Verbot im öffentlichen Raum2011
    BelgienGenerelles Verbot im öffentlichen Raum2011
    ÖsterreichGenerelles Verbot ("Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz")2017
    DänemarkGenerelles Verbot im öffentlichen Raum2018
    NorwegenVerbot an Schulen und Hochschulen2018
    NiederlandeBereichsspezifisch (ÖPNV, Ämter, Schulen, Kliniken)2019
    SchweizGenerelles Verbot (Volksabstimmung)2021
    DeutschlandNur Teilverbote: Bundesgesetz für Beamte/Dienstausübung (2017); Bayern für Schulen/Ämter (2017); einzelne Länder für Schulen (u.a. Baden-Württemberg 2020). Kein generelles Verbot im öffentlichen Raum.—
    Quelle
    Wissenschaftliche Dienste des Bundestages, WD 2 - 094/17; wko.at, "Verbot Gesichtsverhüllung" (Stand 2017); Statista-Infografik "Hier sind Burkas verboten" BELEGT

    Die Debatte ist in Deutschland nicht abgeschlossen: Im Februar 2026 beschloss der CDU-Parteitag auf Antrag der CDU-Frauen (Vorsitzende: Nina Warken) einstimmig die Forderung nach einem generellen Verbot von Niqab und Burka mit der Begründung, Vollverschleierung "verhindere Integration" und schaffe "Parallelstrukturen". Die Vorsitzende der SPD-Frauen, Carmen Wegge, lehnte dies ab: Frauen dürften nicht "bevormundet" werden.

    Quelle
    EMMA, "Kommt das Burka-Verbot?", 13./23. Februar 2026 BELEGT
    Wenn zehn europäische Nachbarländer eine Frage seit teils 15 Jahren gesetzlich geregelt haben und Deutschland noch immer über den ersten Schritt diskutiert — ist das Zurückhaltung, Gründlichkeit, oder etwas anderes?
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