BELEGT Die globale Datenlage ist eindeutig: Zwischen 1990 und 2021 sank die altersstandardisierte Suizidrate weltweit um rund 30 Prozent. Das zeigt die bislang umfassendste Auswertung der WHO-Mortalitätsdatenbank durch ein Forschungsteam um Soeun Kim und Selin Woo (Kyung Hee University, Seoul), veröffentlicht 2025 in Nature Mental Health.
Doch dieselbe Studie datiert den Endpunkt 2021 — mitten in der Pandemie. Und just in diesem Zeitraum zeigt sich ein Muster, das im 30-Jahres-Trend verschwindet, aber auf Länderebene deutlich hervortritt.
BELEGT Die WHO selbst meldet für 2021 weltweit rund 727.000 Suizide — ein Anstieg von 3,4 Prozent gegenüber 2019. Das steht in einer gewissen Spannung zum langfristigen Abwärtstrend derselben Datenbasis. Auf Länderebene wird der Grund sichtbar: ein wiederkehrendes Muster aus Rückgang im ersten Lockdown-Jahr, gefolgt von einem Anstieg in den beiden Folgejahren.
| Land | 2019/2020 | 2021 | 2022 | 2023/2024 |
|---|---|---|---|---|
| USA (CDC, Rate/100.000) | 13,5 (2020) | 14,0–14,1 (+4,1%, 20-Jahres-Hoch) | 14,2 (weiterer Anstieg) | 14,1 (2023) → 13,7 (2024) |
| Deutschland (Rate/100.000) | 7,83 (2020, historisches Tief) | — | leichter Anstieg | 12,3 international vergleichbar; 10.300 Fälle 2023 (+1,8% z. Vorjahr, +6,6% z. 10-Jahres-Schnitt) |
| Österreich (Rate/100.000) | Rückgang seit Jahrzehnten | 8,6 (einkommensstarke Ländergruppe, −32,1% seit 1990) | "leichter Knick" nach oben (Pandemie-Jahr) | 14,0 (2023); Männer 973 / Frauen 239 Fälle |
BELEGT Besonders markant: die USA. Nach einem Rückgang von 2018 bis 2020 (−5%) stieg die Rate 2021 so stark wie in keinem Einzeljahr der vorangegangenen zwei Jahrzehnte — auf ein 20-Jahres-Hoch, das erst 2023/2024 wieder leicht rückläufig wurde.
BELEGT Die Zahlen selbst: langfristiger globaler Rückgang, kurzfristiger Anstieg in mehreren einkommensstarken Ländern 2021/22, wieder rückläufig ab 2023/24.
OFFEN Die Kausalität. Die Nature-Mental-Health-Studie selbst benennt keine kausale Corona-Erklärung für die kurzfristigen Schwankungen. Unterschiedliche nationale Erfassungsdefinitionen und gesellschaftliche Melde-Bereitschaft können die Vergleichbarkeit zusätzlich verzerren, worauf die Studienautoren selbst hinweisen.
Warum kehrt sich ein 30 Jahre stabiler Abwärtstrend ausgerechnet in den Jahren 2021/22 in mehreren einkommensstarken Ländern gleichzeitig um — während er in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen im selben Zeitraum nicht in vergleichbarem Ausmaß auftritt?
Und: Was unterscheidet die Länder, in denen sich der Rebound zeigt, strukturell von jenen, in denen er ausbleibt?