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Dokumentation · Fakten · Quellen
Stand: Juli 2026
Strukturanalyse · Informationskrieg & Bevölkerungssteuerung

Teile und HerrscheVom COIN-Handbuch zur Corona-Kommunikation

Zwei öffentlich zugängliche Dokumente, ein gemeinsames Prinzip: Die unentschlossene Bevölkerung ist das eigentliche Schlachtfeld. Was US-Militärdoktrin für Aufstandsgebiete beschreibt, taucht in der Kommunikationsstrategie eines deutschen Ministeriums während der Corona-Pandemie in erstaunlich ähnlicher Form wieder auf.

1. Das Handbuch: Bevölkerung als umkämpftes Zentrum

BELEGT Das US-Feldhandbuch FM 3-24 "Counterinsurgency" (Dezember 2006, überarbeitet 2014) ist die zentrale, öffentlich zugängliche Doktrin der US-Armee und des Marine Corps zur Aufstandsbekämpfung. Es entstand, weil die US-Streitkräfte beim Einmarsch in den Irak 2003 keine aktuelle Doktrin für diese Art von Konflikt mehr besaßen — das letzte Mal war Vietnam das Referenzfeld gewesen.

2006
Veröffentlichung FM 3-24
472
Seiten Doktrin
9
"Paradoxien" der Aufstandsbekämpfung
1963
Vorläufer FM 31-22 (Vietnam-Ära)

Die Kernthese des Handbuchs: Ein Aufstand wird nicht auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern im Kampf um die "unentschlossene Bevölkerung". Wer ihre Unterstützung gewinnt — durch Legitimität, Versorgung, Sicherheit — gewinnt den Konflikt. Zentrales Werkzeug dabei: Information Operations, im Handbuch selbst als die Verbindungslinie beschrieben, die alle anderen Maßnahmen zusammenhält. Nicht nur die Botschaft zählt, sondern auch, wer sie überbringt.

"Sometimes the More You Protect Your Force, the Less Secure You May Be." — FM 3-24, Kapitel 1: Paradoxes of Counterinsurgency Operations

Strategisch verfolgt die Doktrin ein klares Ziel: Aufständische von der Bevölkerung isolieren, die Legitimität der bestehenden Ordnung stärken, "Hearts and Minds" gewinnen. Der Vorläufer FM 31-22 von 1963 ist reine Kalter-Kriegs-Prävention: Aufstandsverhütung, Ausbildung einheimischer Kräfte, ideologische Frühwarnung.

Warum ist das öffentlich?

BELEGT Nicht trotz, sondern wegen seiner Funktion: Militärdoktrin muss an tausende Offiziere, Militärakademien und verbündete Streitkräfte verteilt werden können — Geheimhaltung wäre für das eigene Ausbildungssystem kontraproduktiv. Dokumentierter Nebeneffekt: FM 3-24 tauchte nachweislich auch in gegnerischen Lagern im Irak auf. Die breite Verbreitung war einkalkuliert, nicht nur toleriert.

Primärquelle

FM 3-24 MCWP 3-33.5, "Insurgencies and Countering Insurgencies", Mai 2014

FM 31-22, "US Army Counterinsurgency Forces", 1963

2. Das Papier: "Schockwirkung" in Berlin, März 2020

BELEGT Im März 2020 beauftragte das Bundesinnenministerium unter Horst Seehofer Wissenschaftler mehrerer Institute mit der Ausarbeitung eines internen, ursprünglich als "VS – Nur für den Dienstgebrauch" eingestuften Strategiepapiers: "Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen". Es wurde am 1. April 2020 durch das Portal FragDenStaat veröffentlicht, später auch vom BMI selbst online gestellt.

18.–22. März 2020
17-seitiges Papier verfasst, an Ministerien und Bundeskanzleramt verteilt.
1. April 2020
Veröffentlichung durch FragDenStaat, nachdem Medien nur auszugsweise zitiert hatten.
Juni 2020
RKI per Gerichtsbeschluss zur Herausgabe von Mailverkehr mit dem Ministerium verpflichtet.
20. Mai 2020
BMI stellt eine Version des Papiers offiziell auf eigener Website bereit.

Das Papier empfiehlt explizit, eine "Schockwirkung" zu erzielen. Wörtlich heißt es, Kindern solle vermittelt werden, dass sie durch eigene Unachtsamkeit (etwa vergessenes Händewaschen) am qualvollen Erstickungstod eines Elternteils schuld sein könnten.

"Wenn sie dann ihre Eltern anstecken, und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein […], ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann." — BMI-Strategiepapier, März 2020
Primärquelle

Strategiepapier "Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen", Bundesinnenministerium, März 2020

Bundestags-Drucksache 19/20301 — Regierungsantwort zum Papier

3. Die Spaltung: Gehorsame gegen Querdenker

EXTRAPOLATION Das Strategiepapier selbst benennt keine Spaltung der Bevölkerung in Lager. Was es belegt beschreibt, ist eine gezielte Angst-Kommunikationsstrategie. Die Deutung, dass daraus eine gesellschaftliche Spaltung in "Gehorsame" und "Ungehorsame" hervorging, ist eine spätere, weit verbreitete Interpretation von Kommentatoren und Wissenschaftlern — kein Bestandteil des Dokuments selbst.

Diese Interpretation stützt sich auf einen belegbaren, empirischen Befund: Die öffentliche Wahrnehmung der Corona-Proteste ("Querdenken") war 2020 tatsächlich stark polarisiert — Medien beschrieben Teilnehmer als "Mischung aus Corona-Zweiflern, Verschwörungsideologen, Reichsbürgern und Rechtsextremen", während gleichzeitig ein relevanter Bevölkerungsanteil (rund 20 Prozent laut Umfragedaten 2020) Verständnis für die Proteste äußerte.

EbeneStatus
"Schockwirkung"-Empfehlung im BMI-PapierBELEGT
Mediale Polarisierung rund um "Querdenken"BELEGT
Bewusste Spaltungsstrategie als RegierungszielOFFEN
Direkte Verbindung BMI-Papier → COIN-DoktrinOFFEN

4. Die strukturelle Parallele

EXTRAPOLATION Auffällig ist die gemeinsame Denklogik, nicht ein dokumentierter Kopiervorgang: In beiden Fällen wird die Bevölkerung als zu gewinnendes, nicht als zu informierendes Subjekt behandelt. Information Operations in FM 3-24 zielen darauf, Legitimität und Zustimmung zu erzeugen. Die "Schockwirkung"-Strategie des BMI verfolgt strukturell dasselbe Ziel — nur gegenüber der eigenen Bevölkerung statt gegenüber einer fremden.

Ist das Konvergenz — zwei unabhängige Antworten auf dieselbe Frage, wie man große Gruppen von Menschen zu koordiniertem Verhalten bewegt? Oder Kontinuität — eine Denkschule, die sich von der Aufstandsbekämpfung im Ausland in die Krisenkommunikation im Inland verschoben hat?

Das Papier ist geschrieben. Die Frage steht offen.

Weiterführend
Nächster Teil: Die Bevölkerung als Ressource — Vom Panikpapier zum Grünbuch ZMZ →
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