dunkelfeld.report — Faktenchecker & Medienmacht · Teil 2

Presseagenturen — ihre Macht

Wer eine Meldung in Umlauf bringt, muss niemanden mehr bestechen — dpa, Gates, die SPD und die Geschichte der drei Weltagenturen
Beleg-vor-Motiv-Prinzip · Stand: Juli 2026 · Lesezeit ca. 10 Min. · Fortsetzung von „Gekaufte Journalisten?"

Im ersten Teil ging es um Einzelzahlungen an einzelne Journalisten. Doch die größere Hebelwirkung liegt woanders: bei den Nachrichtenagenturen, deren Meldungen von hunderten Redaktionen ungeprüft übernommen werden. Wer eine Agenturmeldung beeinflusst, beeinflusst nicht einen Artikel — sondern die Vorlage für hunderte. Genau hier zeigt sich ein Muster, das sich in Deutschland, den USA und Frankreich wiederholt: Keine der großen Agenturen ist wirklich unabhängig. Jede hängt an einem Staat, einer Partei oder einer einzelnen Familie.

BELEGT EXTRAPOLATION OFFEN

1. dpa — die deutsche Monopolagentur und ihr Fördergeld

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat in Deutschland eine faktische Monopolstellung: nahezu alle reichweitenstarken Medien greifen auf ihre Meldungen zurück. BELEGT Gleichzeitig erhält sie seit 2021 erhebliche Summen aus Bundesmitteln.

2,3 Mio. €
projektgebundene Förderung 2021–2024 (BKM + BMI)
1 Mio. €
„Jahr der Nachricht" (BMI) — ohne Ausschreibung vergeben

Träger des Millionenprojekts ist die dpa-Tochter UseTheNews gGmbH, 2020 gegründet gemeinsam mit der SPD-geführten Hamburger Behörde für Kultur und Medien. BELEGT Finanziert wird das Projekt unter anderem vom Bundesinnenministerium unter Nancy Faeser (SPD) sowie von der Madsack-Stiftung. BELEGT

Quellenlage
dpa bestreitet öffentlich, „staatsfinanziert" zu sein, räumt aber „projektgebundene Förderungen" ein (dpa.com/ueber-die-dpa/unabhaengigkeit). Der Journalist Norbert Häring wirft der dpa vor, EU-Zahlungen für die Faktencheck-Kooperation GADMO in ihren eigenen Transparenz-Angaben nicht zu erwähnen (multipolar-magazin.de, 07.04.2025). Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) hält die auftragslose Millionenvergabe für „rechtlich erklärungsbedürftig" (Bild-Zeitung / medium magazin, 2024). BELEGT

2. Das SPD-Netzwerk — verifiziert

Die Madsack-Mediengruppe (Redaktionsnetzwerk Deutschland/RND, u.a. Hannoversche Allgemeine, Leipziger Volkszeitung, Ostsee-Zeitung, seit 2024 auch die Sächsische Zeitung) beliefert über 60 Tageszeitungen mit überregionalen Inhalten, Reichweite: rund 6,8 Mio. Leser täglich. BELEGT

23,1 %
Kapitalanteil der SPD-Holding DDVG an Madsack (Kommanditbeteiligung)
40 %
Stimmrechtsanteil der SPD/DDVG bei Madsack (laut Gesellschaftsvertrag §10)

Die DDVG (Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft) steht zu 100 % im Eigentum der SPD und ist damit keine normale Medienbeteiligung, sondern eine Parteiholding. BELEGT Verifiziert über drei unabhängige Quellen: Wikipedia (mit Verweis auf DDVG-Geschäftsbericht 2024), Media Ownership Monitor Germany (Reporter ohne Grenzen / BILD-Stiftung) und die Bundestagsdebatte vom Dezember 2019 zu einem AfD-Gesetzentwurf, in der auch der CDU-Rechtspolitiker Ansgar Heveling die Zahlen 23 % Kapital / 40 % Stimmrecht bei Madsack sowie 40 % bei der DDV-Mediengruppe bestätigte — nur die Bewertung („kein beherrschender Einfluss") wird kontrovers diskutiert. BELEGT die Zahlen, OFFEN die Frage, ob 40 % Stimmrecht „beherrschenden Einfluss" bedeuten.

Die einordnende Stimme von 2000
Inge Wettig-Danielmeier, damalige SPD-Bundesschatzmeisterin

„Auch dort, wo wir 30 oder 40 Prozent haben, kann in der Regel nichts ohne uns passieren." BELEGT Zitiert nach taz/achgut, unwidersprochen im Raum stehend.

Die Verflechtung zieht sich weiter: UseTheNews (Kapitel 1) wurde mit einer SPD-geführten Behörde gegründet und von einer Madsack-Stiftung mitfinanziert. Die Doppelrolle der SPD — gleichzeitig Regierungspartei, Geldgeberin über Ministerien und Verlagsbeteiligte über die DDVG — ist strukturell einmalig unter den demokratischen Parteien Deutschlands. BELEGT als Struktur, OFFEN bleibt der Nachweis konkreter redaktioneller Einflussnahme im Einzelfall.

3. Bill Gates — der globale „Big Spender"

Der US-Journalist Tim Schwab wertete für die Columbia Journalism Review (CJR) rund 20.000 Förderungen der Gates-Stiftung aus und fand über 250 Mio. US-Dollar, die direkt oder indirekt an Nachrichtenmedien flossen. BELEGT — das ist derselbe Betrag, den Jeff Bezos 2013 für die Washington Post bezahlte.

EmpfängerBetrag (kumulativ)Zweck laut Förderbedingung
NPR17,5–24,6 Mio. $Globale Gesundheit & Bildung
The Guardian12,9 Mio. $Entwicklungsthemen
BBC Media Actionca. 53 Mio. $Gesundheitskommunikation
CNN3,6 Mio. $Geschlechtergerechtigkeit / Ärmste Länder
Der Spiegelim Grants-Register gelistetnicht öffentlich spezifiziert
Le Monde, FT, Al Jazeera u.a.diverseEntwicklungs-/Gesundheitsberichterstattung

Entscheidend ist die Förderlogik: Gates-Gelder sind fast nie allgemeine Unterstützung, sondern zweckgebunden auf Themen, an denen die Stiftung selbst finanziell und politisch beteiligt ist — Impfpolitik, Bildungsreform, globale Gesundheit. BELEGT (Seattle Times 2011, CJR 2020, Chronicle of Philanthropy). Die New York Times musste nach Recherchen Schwabs nachträglich Interessenkonflikte offenlegen, weil von Gates finanzierte Autoren unkritisch über die Stiftung selbst geschrieben hatten. BELEGT

„Wenn du als Journalist globale Gesundheit abdeckst, sollte die Gates-Stiftung eines deiner wichtigsten Kontroll-Ziele sein. Das geht aber nicht, wenn sie deine Redaktion finanziert." — Tim Schwab, CJR

4. Die drei Weltagenturen — ein gemeinsamer Ursprung

Was für dpa (SPD-Netzwerk) und Gates (private Stiftung) gilt, gilt auch für die beiden anderen der „großen drei" globalen Nachrichtenagenturen — und ihre Geschichte beginnt gemeinsam, nicht getrennt.

1835
Charles-Louis Havas gründet in Paris die Agentur Havas — die älteste Nachrichtenagentur der Welt, Vorläuferin der heutigen AFP. BELEGT
1849/1851
Zwei ehemalige Havas-Mitarbeiter gründen eigene Agenturen: Bernhard Wolff (Berlin, „Wolffs Telegraphisches Bureau" — Vorläufer der deutschen Nachrichtenagenturtradition, aus der 1949 die dpa hervorging) und Paul Julius Reuter (London, Reuters). BELEGT
1870er
Havas, Reuters und Wolff schließen die „Ring Combination" — ein Kartell, das die Nachrichtenmärkte der Welt vertraglich untereinander aufteilt. BELEGT
1944
Nach der Befreiung von Paris wird Havas zu Agence France-Presse (AFP) reorganisiert, mit Vermögenswerten des französischen Staates ausgestattet. BELEGT
2008
Die kanadische Thomson-Familie übernimmt Reuters über die Thomson Corporation; das „Founders Share"-Prinzip, das verhindern sollte, dass eine einzelne Partei mehr als 15 % hält, wird eigens dafür aufgehoben. BELEGT

AFP heute: ca. 40 % der Einnahmen vom französischen Staat

AFP ist die drittgrößte Nachrichtenagentur der Welt nach AP und Reuters. BELEGT Ihre Finanzierung ist gesetzlich geregelt (Loi 2015-433) und beruht laut eigenen und externen Angaben zu bis zu 40 % der Einnahmen auf Abonnements französischer Regierungsstellen. BELEGT Die EU-Kommission bestätigte 2014 nach einer Beschwerde des Konkurrenten dapd, dass diese Finanzierung als rechtmäßiger Ausgleich für „Aufgaben von allgemeinem Interesse" gilt. BELEGT Bereits 1981 beschrieb das Magazin New Internationalist AFP so:

„AFP ist die einzige der großen Agenturen, die von Subventionen ihrer Heimatregierung abhängt — deshalb gilt sie oft als Stimme der französischen Regierung."

Reuters heute: 66–72 % im Besitz einer einzigen kanadischen Familie

Reuters gehört seit der Fusion mit der Thomson Corporation (2008) mehrheitlich der Woodbridge Company, dem privaten Holding-Vehikel der Thomson-Familie — Stand 2025/26 zwischen 66,7 % und 72,5 % der Anteile. BELEGT Die redaktionelle Unabhängigkeit wird formal über die „Reuters Trust Principles" und eine „Founders Share" geschützt, die 2008 eigens gelockert wurde, um die Konzentration bei einer einzigen Familie überhaupt zu ermöglichen. BELEGT

AgenturStruktureller AnkerGrad der Abhängigkeit
dpa (Deutschland)Bundesregierung (Fördergelder) + SPD-Netzwerk (DDVG/Madsack)Fördergelder ca. 0,35 % des Umsatzes laut dpa; strukturelle Nähe über UseTheNews/Madsack-Stiftung
AFP (Frankreich)Französischer Staat, gesetzlich fixiertbis zu 40 % der Einnahmen
Reuters (UK/Kanada)Thomson-Familie über Woodbridge66–72 % der Anteile, Kontrollmehrheit
Gates-finanzierte Newsrooms (global)Bill & Melinda Gates Foundationprojekt-/themengebunden, >250 Mio. $ kumulativ

Das Muster ist in allen vier Fällen dasselbe: Keine der großen Nachrichtenquellen ist eigentümerlos oder staatsfern im umgangssprachlichen Sinne. Der Unterschied liegt nur darin, wer der Anker ist — eine Regierungspartei, ein Nationalstaat, eine Milliardärsstiftung oder eine einzelne Familie.

Offene Fragen

Wenn die drittgrößte Weltagentur zu 40 % vom französischen Staat lebt und die zweitgrößte einer einzigen kanadischen Familie gehört — was genau bedeutet dann „unabhängige Nachrichtenagentur" noch?

Macht es einen Unterschied, ob eine Agentur von einem Staat, einer Partei oder einer Milliardärsstiftung abhängt — oder ist die entscheidende Frage nur, wessen Themen dadurch bevorzugt in die Weltnachrichten gelangen?

Und: Wenn dieselbe Partei gleichzeitig regiert, Fördergelder vergibt und über eine Holding an der empfangenden Mediengruppe beteiligt ist — an welchem Punkt hört das auf, eine Randnotiz zu sein?

dunkelfeld.report — Serie „Faktenchecker & Medienmacht" · Teil 1: Gekaufte Journalisten? · siehe auch: Divide et Impera 2.0
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