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Pandora Papers: Der Anti-Korruptions-Kandidat und sein Offshore-Netzwerk

Kein anderes Land stellte mehr Politiker in den Pandora Papers als die Ukraine. Angeführt wird die Liste ausgerechnet von jenem Präsidenten, der mit dem Versprechen antrat, die Herrschaft der Oligarchen zu beenden.

BELEGT Am 3. Oktober 2021 veröffentlichte das ICIJ die "Pandora Papers" — einen 2,94 Terabyte umfassenden Datenschatz aus 14 verschiedenen Offshore-Dienstleistern, der die geheimen Vermögenswerte wohlhabender Eliten aus mehr als 200 Ländern und Territorien offenlegte. 11,9 Millionen Dokumente — damit der größte Leak in der Geschichte des ICIJ, noch vor den Panama Papers von 2016.

11,9 Mio.Dokumente
14Offshore-Dienstleister
336Politiker/Amtsträger identifiziert
91betroffene Länder

BELEGT Insgesamt deckte die Recherche die Finanzgeheimnisse von 35 amtierenden und ehemaligen Staats- und Regierungschefs auf, darunter der König von Jordanien, die Präsidenten der Ukraine, Kenias und Ecuadors, der tschechische Ministerpräsident und der frühere britische Premierminister Tony Blair.

1. Die ukrainische Sonderstellung

BELEGT Aus keinem anderen Land wurden mehr Politiker in den Pandora Papers genannt als aus der Ukraine — mit doppelt so vielen Amtsträgern wie das zweitplatzierte Land, Russland. Angeführt wird die ukrainische Liste ausgerechnet von Präsident Wolodymyr Selenskyj, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gerade dabei war, ein Anti-Oligarchen-Gesetz durchs Parlament zu bringen.

Wolodymyr Selenskyj
Präsident der Ukraine (seit Mai 2019)

BELEGT Nach dem Wechsel von Kolomoiskyjs Fernsehsender "1+1" gründeten Selenskyj und seine engsten Mitarbeiter — Borys und Serhij Schefir sowie Andrij Jakowlew — ab 2012 ein Geflecht von Offshore-Firmen, darunter die Firma "Maltex" auf den Britischen Jungferninseln. Diese hielt wiederum die Hälfte an der Produktionsfirma "SVT", die für "1+1" das TV-Format "Bring den Komiker zum Lachen" produzierte — jenes Format, aus dem später "Diener des Volkes" hervorging, die Sitcom, die Selenskyj zum Präsidenten machte.

BELEGT Wochen vor seinem Wahlsieg 2019 übertrug Selenskyj seinen Anteil an der auf den Britischen Jungferninseln registrierten Maltex Multicapital Corp. an seinen Geschäftspartner Serhij Schefir, der später zum engen Präsidentenberater wurde. Die Dokumente zeigen, dass Selenskyj Anteile an einer anonymen Offshore-Gesellschaft hielt — ebenso wie mehrere seiner Geschäftspartner, die inzwischen enge politische Verbündete sind.

Das Netzwerk im Detail
BELEGT Gemeinsam mit alten Freunden war Selenskyj Begünstigter mehrerer Offshore-Firmen mit Immobilien in London. Serhij Schefir, auf den Ende September 2021 ein Attentat verübt wurde und der als politischer Berater Selenskyjs arbeitet, besitzt laut den Papers zwei Wohnungen in einem teuren Londoner Stadtteil im Gesamtwert von rund 3,8 Millionen Pfund, erworben über eine der Offshore-Firmen. Auch Andrij Jakowlew soll eine Wohnung im Wert von rund 2 Millionen Pfund in London besitzen. Teil des Netzwerks soll außerdem Iwan Bakanow sein, ein weiterer Kindheitsfreund Selenskyjs, der zunächst die "Davegra Limited" hielt, die nominelle Muttergesellschaft von "Maltex".

2. Die Verbindung zu Kolomoiskyj

BELEGT Das Netzwerk entstand während Selenskyjs Zeit als TV-Produzent für den Sender "1+1", der bis 2016 dem Oligarchen Ihor Kolomoiskyj gehörte, dessen PrivatBank — die größte Bank der Ukraine — anschließend verstaatlicht wurde. Kolomoiskyj gilt als einer der einflussreichsten und umstrittensten ukrainischen Oligarchen.

OFFEN Bereits 2019 kursierten Gerüchte, wonach Selenskyjs Offshore-Firmen über Zypern zwischen 2012 und 2016 mehr als 40 Millionen US-Dollar von der PrivatBank erhalten hätten — verbreitet damals von einem Verbündeten des politischen Rivalen Petro Poroschenko. Die Pandora Papers bestätigen zwar den strukturellen Zusammenhang zwischen den genannten Firmen und Selenskyj, laut der Rechercheorganisation OCCRP gibt es aber keine Beweise dafür, dass die Millionensumme tatsächlich überwiesen wurde. Diese Unterscheidung ist entscheidend: Die Existenz des Firmengeflechts ist belegt, ein konkreter Mittelzufluss in dieser Höhe nicht.

OFFEN Auch zu angeblichen Dividendenzahlungen von rund 41 Millionen US-Dollar an eine der TV-Produktionsfirmen gibt es keine Nachweise: Weder die Einkommensdeklaration des Ehepaars Selenskyj für 2020 noch die Pandora Papers selbst enthalten Details darüber, ob und wie oft solche Zahlungen tatsächlich stattfanden. Die Firma, an die die Zahlungen angeblich fließen sollten, gehört seit 2019 ausschließlich Selenskyjs Ehefrau.

3. Was tatsächlich belegt ist

SachverhaltStatusAnmerkung
Gründung des Offshore-Geflechts ab 2012 (Maltex, Davegra u.a.)BELEGTVon ICIJ und Slidstvo.info direkt aus den Dokumenten rekonstruiert
Übertragung der Anteile vor Wahlsieg 2019BELEGTZeitlich präzise dokumentiert
Londoner Immobilienkäufe über Offshore-Firmen (Schefir, Jakowlew)BELEGTKonkrete Kaufsummen genannt
40-Mio.-USD-Überweisung von PrivatBank via Zypern (2012–2016)OFFENLaut OCCRP kein Nachweis für tatsächlichen Geldfluss
41-Mio.-USD-Dividendenzahlungen an TV-FirmaOFFENWeder in Steuererklärung noch in Papers dokumentiert

Die Struktur ist belegt. Der konkrete Geldfluss in Millionenhöhe ist es nicht. Genau in dieser Lücke bewegt sich seither die politische Auseinandersetzung.

4. Globaler Kontext: Kein Einzelfall

BELEGT Die Selenskyj-Enthüllung steht nicht isoliert. In Kenia versuchte laut einem Mozilla-Foundation-Bericht eine koordinierte Desinformationskampagne, Erkenntnisse über Offshore-Vermögen von Präsident Kenyatta unter dem Hashtag #phonyleaks zu diskreditieren. In Jordanien zensierte der Geheimdienst die Berichterstattung über die Immobilienimperien von König Abdullah II. Insgesamt setzten 336 Politiker aus 91 Ländern Offshore-Dienstleister ein — mehr als zwei Drittel der Firmen mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln.

EXTRAPOLATION Das wiederkehrende Muster: Aufdeckung führt selten zu Rechenschaft, sondern häufiger zu Abwehrreaktionen — Desinformationskampagnen, Zensur, oder schlicht Zeitablauf. Der ukrainische Fall unterscheidet sich dadurch, dass die Aufarbeitung durch den seit 2022 laufenden Krieg zusätzlich in den Hintergrund gerückt ist.

Weiterlesen: → Panama Papers: Der größte Leak und seine Bilanz → Artikel #9: "Zwei Seiten, eine Agenda?" → Die Anatomie des Finanzbetrugs → Florian Homm: Vom BVB-Retter zum FBI-Gesuchten

Offene Fragen

Quellen: ICIJ (icij.org/investigations/pandora-papers), Newsweek, Länder-Analysen/bpb.de (Ukraine-Analysen Nr. 256), Tagesanzeiger, Berliner Zeitung, Ukraine verstehen, Correctiv-Faktencheck, OCCRP. Alle Zitate im Text mit Quellenverweis gekennzeichnet.
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