210 Milliarden Euro russischer Staatsreserven liegen seit 2022 in Europa fest. Ein Überblick über Zahlen, Blockaden und den Machtpoker zwischen Brüssel, Moskau und Washington.
Seit Februar 2022 sind russische Zentralbankreserven in der EU eingefroren — der größte Teil davon beim belgischen Zentralverwahrer Euroclear. Bis heute ist ungeklärt, was mit dem Geld geschehen soll. Dieser Artikel dokumentiert die Fakten, ohne die Frage zu beantworten, wer am Ende zahlt.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine froren die EU, die USA und weitere Staaten internationale Währungsreserven der russischen Zentralbank ein. Der weitaus größte Teil liegt in Europa — konzentriert bei einem einzigen Finanzdienstleister.
Wichtig für die rechtliche Einordnung BELEGT: Das Geld bleibt formal russisches Eigentum. Eine Enteignung hat bislang nicht stattgefunden — die EU nutzt bislang lediglich die daraus entstehenden Zinserträge und Kapitalgewinne, hält das Kapital selbst aber unangetastet und auf unbestimmte Zeit blockiert.
Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen brachte die Idee eines "Reparationsdarlehens" ins Spiel: bis zu 140–210 Mrd. Euro, abgesichert durch die eingefrorenen russischen Reserven, sollen der Ukraine als Kredit zur Verfügung gestellt werden — rückzahlbar nur dann, wenn Russland nach Kriegsende Reparationen leistet.
Dagegen stellte sich vor allem Belgien. Regierungschef Bart De Wever forderte BELEGT rechtsverbindliche, bedingungslose, unwiderrufliche, gesamtschuldnerische Garantien aller EU-Staaten für sämtliche Risiken — Schiedsgerichtskosten, Zinsen, entgangene Investitionen, Folgen für die Kreditwürdigkeit der russischen Zentralbank — sowie vollständigen Schutz der bei Euroclear verwahrten Vermögenswerte vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen Moskaus.
Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach sich gegen eine direkte Konfiszierung aus und verwies auf die Bindung an internationales Recht.
Nach langem Ringen einigte sich die EU im Dezember 2025 nicht auf das große Reparationsdarlehen, sondern auf eine Zwischenlösung.
Entscheidend ist die Konstruktion des Rückzahlungsrisikos BELEGT: Der Kredit soll erst zurückgezahlt werden, wenn Russland die Ukraine nach Kriegsende für die verursachten Schäden entschädigt hat. Gelingt das nicht, müssen die EU-Länder oder die Ukraine selbst dafür einstehen — nicht Russland. Das Risiko liegt also, unabhängig vom Kriegsausgang, am Ende bei Europa.
Parallel zur europäischen Debatte brachte die US-Regierung eigene Pläne ins Spiel — mit einer bemerkenswerten Volte.
BELEGT Ein der Ukraine vorgelegter Friedensplan-Entwurf schlug vor, die eingefrorenen Vermögenswerte freizugeben und in eine von Washington verwaltete Investitionsplattform umzuwandeln — was implizierte, dass Russland nicht nur von Reparationszahlungen verschont bliebe, sondern von der Verwaltung sogar wirtschaftlich profitieren könnte. Berichten zufolge enthielt eine frühere Fassung sogar eine Klausel, die russische Vermögenswerte explizit zu kommerziellen Vorteilen sowohl für Washington als auch für Moskau genutzt hätte — diese Passage wurde erst nach hochrangigen US-ukrainischen Gesprächen in Genf gestrichen.
Das Wall Street Journal berichtete zusätzlich, der Plan sehe vor, 200 Mrd. Dollar der eingefrorenen Vermögenswerte für Projekte in der Ukraine zu nutzen — darunter ein neues Rechenzentrum, versorgt vom derzeit russisch besetzten Kernkraftwerk Saporischschja. Ein nicht namentlich genannter europäischer Vertreter verglich die vorgeschlagenen Energiegeschäfte zwischen Russland und den USA mit einer "wirtschaftlichen Version der Konferenz von Jalta 1945".
Laut Politico, gestützt auf vier EU-Beamte, drängten Vertreter der Trump-Regierung europäische Regierungen — insbesondere ihnen wohlgesonnene — dazu, den EU-Plan zur Nutzung der 210 Mrd. Euro für die Ukraine abzulehnen. Als Folge dieser Einflusskampagne sollen sich Italien, Bulgarien, Malta und Tschechien der Gruppe der abweichenden Länder angeschlossen haben.
Ein Prinzip dieser Dokumentation ist, Positionen möglichst in den eigenen Worten der Beteiligten stehen zu lassen.
Festzuhalten bleibt BELEGT: Das Geld ist eingefroren, nicht enteignet. Die EU finanziert die Ukraine vorerst über eigene Schulden, nicht über russisches Kapital. Die USA haben zeitweise versucht, das europäische Vorhaben zu verhindern und gleichzeitig eigene Zugriffsmodelle vorgeschlagen. Belgien hält den Schlüssel in der Hand, weil der Großteil des Geldes auf seinem Staatsgebiet liegt.
Was juristisch daraus folgt — und warum sich mehrere Gerichte gleichzeitig für zuständig erklären, ohne dass eine übergeordnete Instanz das auflösen kann — behandelt Teil 2 dieser Dokumentation.
Wer trägt am Ende tatsächlich die Kosten, wenn Russland — wie von Putin bereits angekündigt — keine Reparationen anerkennt?
Was ändert sich bei der ersten vorgesehenen Überprüfung der Vermögenssperre Ende 2026?
Welche Rolle spielt es, dass Belgien selbst jährlich Steuereinnahmen aus den Erträgen des eingefrorenen Vermögens erzielt — während es gleichzeitig als größter Blockierer auftritt?