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Das Brooklyn Project: Epsteins Netzwerk im Licht der Milliardärs-Unsterblichkeit

Ein 2007 erstmals erwähntes Projekt verband KI-Forschung, Genetik und Bewusstseinsforschung. Um zu verstehen, wie plausibel das ist, lohnt der Blick auf ein Milliardärsmuster, das heute offen zutage liegt.

In den 2025/26 veröffentlichten Epstein-E-Mails taucht wiederholt ein Begriff auf, der in der öffentlichen Berichterstattung bislang kaum Beachtung fand: "The Brooklyn Project". Er erscheint erstmals 2007 in einer Korrespondenz aus dem Umfeld des MIT. Was tatsächlich dokumentiert ist – und was Interpretation einzelner Rechercheure – lässt sich nur trennen, wenn man beides sauber auseinanderhält.

Was in den E-Mails steht

Der Begriff "The Brooklyn Project" taucht laut mehreren unabhängigen Auswertungen der freigegebenen Epstein-Akten erstmals 2007 in einer E-Mail zwischen dem KI-Pionier Marvin Minsky, dem MIT-Informatiker Hal Abelson und dem MIT-Professor Gerald Sussman auf. In einem angehängten Projektentwurf wird das Vorhaben als sechsjähriges Programm beschrieben, das eine "groß angelegte allgemeine Intelligenz" auf Basis von Minskys Theorie aus "The Society of Mind" entwickeln sollte.

Belegt Autoren des Projektentwurfs waren laut den ausgewerteten E-Mails Hal Abelson, Marvin Minsky und Gerald Sussman. Abelson sollte demnach als Projektdirektor fungieren.

In späteren E-Mails, unter anderem von KI-Forscher Ben Goertzel, wird das Vorhaben explizit mit dem historischen Manhattan Project verglichen – jenem US-Regierungsprogramm, das während des Zweiten Weltkriegs die erste Atombombe entwickelte. Goertzel, der sich selbst als Außenseiter der akademischen KI-Szene positionierte, schrieb Epstein demnach von einem eigenen Zehnjahresplan: einer KI auf Erwachsenen-Niveau, die sich selbst verbessern und langfristig "das Problem der Sterblichkeit lösen" könnte.

Extrapolation Der Vergleich mit dem Manhattan Project stammt von Goertzel selbst und ist als rhetorische Zuspitzung zu werten, nicht als Beleg dafür, dass ein derart koordiniertes, staatsähnliches Programm tatsächlich existierte. Dass Goertzel sein eigenes Vorhaben so groß auflud, sagt zunächst mehr über seine Selbstdarstellung als über die tatsächliche Struktur des Netzwerks aus.

Die beteiligten Personen

Über die Jahre tauchen in der Korrespondenz rund um das Brooklyn Project mehrere internationale bekannte Namen aus KI-Forschung, Genetik und Kognitionswissenschaft auf:

Marvin Minsky †2016
KI-Pionier, Mitbegründer des MIT AI Laboratory, Autor von "The Society of Mind"
Hal Abelson
MIT-Informatiker, Mitbegründer von Creative Commons
Gerald Sussman
MIT-Professor für Elektrotechnik und Informatik
Ben Goertzel
KI-Forscher, Verfechter eines eigenen "AGI Manhattan Project"-Ansatzes
George Church
Harvard-Genetiker, Personal Genome Project, CRISPR-Forschung (von Epstein mitfinanziert)
Joscha Bach
Kognitionswissenschaftler, ehem. MIT Media Lab (Finanzierung teils über Epstein)

Epsteins eigenes Interesse an Lebensverlängerung ist unabhängig vom Brooklyn Project dokumentiert: Er finanzierte Churchs Genomforschung, ließ eigene Stammzellen zur Anwendung von Anti-Aging-Verfahren aufbereiten und erwog laut E-Mails, NSA-Codebrecher für ein Genom-Entschlüsselungsprojekt zu rekrutieren.

Warum die Grundthese nicht abwegig ist

Eine zentrale Frage bei der Bewertung des Brooklyn Project ist, ob die Vorstellung – ultrareiche Financiers investieren gezielt in Projekte zur Überwindung von Alter und Tod – realistisch ist. Hierzu lohnt der Blick auf ein Muster, das heute öffentlich und unabhängig von Epstein dokumentiert ist.

~3 Mrd. $ Altos Labs (Bezos, Milner u.a.)
~430 Mio. $ Larry Ellison, Anti-Aging-Forschung
180 Mio. $ Sam Altman, Retro Biosciences
Belegt Jeff Bezos gehört zu den Investoren von Altos Labs, einem 2022 gestarteten Longevity-Unternehmen mit rund drei Milliarden US-Dollar Anfangskapital, das an zellulärer Verjüngung forscht. Larry Ellison hat über Jahre rund 430 Millionen US-Dollar in Alterungsforschung investiert. Peter Thiel äußerte öffentlich Interesse an Parabiose-Forschung und investierte in die Senoliyika-Firma Unity Biotechnology.

Auch Google (Calico Labs, seit 2013), Mark Zuckerberg und Priscilla Chan (Chan Zuckerberg Initiative, "Virtual Biology Initiative") sowie OpenAI-CEO Sam Altman (Retro Biosciences) verfolgen ähnliche Ziele. Das Muster ist damit keine Randerscheinung, sondern eine dokumentierte, milliardenschwere Industrie unter Beteiligung mehrerer der reichsten Menschen der Welt.

Wo die Analogie endet

Die Longevity-Industrie von heute ist öffentlich, mit Firmennamen, Investorenlisten und – bei aller Kritik an der wissenschaftlichen Seriosität einzelner Ansätze – nachvollziehbaren Geschäftsmodellen. Das unterscheidet sie fundamental von dem, was in den Brooklyn-Project-E-Mails beschrieben wird: ein informelles, nicht-öffentliches Netzwerk ohne erkennbare Rechtsform, das über die private Vermittlung eines verurteilten Straftäters zusammengehalten wurde.

Offen Ob das Brooklyn Project je über den Status eines Projektentwurfs mit ambitionierten Zielformulierungen hinauskam, oder ob es sich um ein loses Geflecht einzelner, unabhängig voneinander verfolgter Forschungsinteressen handelte, die von Epstein lediglich zusammengebracht wurden, lässt sich aus den öffentlich verfügbaren Dokumenten nicht abschließend klären.

Einordnung

Zwei Ebenen sind auseinanderzuhalten. Erstens: Der Begriff "Brooklyn Project" existiert nachweislich, ebenso die beteiligten Namen und die grobe thematische Ausrichtung – KI, Genetik, Bewusstseinsforschung, Lebensverlängerung. Das ist belegt. Zweitens: Die These, dies sei ein kohärentes, "Manhattan Project"-artiges Geheimprogramm mit klarer Erfolgsagenda gewesen, stammt im Kern von einem einzelnen Beteiligten (Goertzel) sowie von Sekundärinterpretationen der E-Mails – nicht von den Dokumenten selbst.

Dass ultrareiche Financiers ernsthaft Geld in die Überwindung von Alter und Tod stecken, ist heute so gut dokumentiert, dass die Grundidee hinter dem Brooklyn Project nicht "krude" wirkt – sie fügt sich in ein bekanntes Verhaltensmuster ein. Ob Epstein dabei tatsächlich ein organisiertes Projekt anführte oder eher ein Trittbrettfahrer war, der sich an bereits existierende Interessen einzelner Wissenschaftler anhängte, bleibt damit weiterhin offen.

War das Brooklyn Project ein eigenständiges Vorhaben mit Epstein als treibender Kraft – oder reihte er sich lediglich in einen Trend ein, den heute milliardenschwere, öffentlich firmierende Unternehmen fortführen?
Teil der Serie: Kaderschmieden der Macht / Elite-Netzwerke
Vorheriger Teil: Der Wissenschaftsberater: Wie Epstein einen Kanal zu Bill Gates aufbaute
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