Im August 2019, zwei Tage vor seinem Tod in einer New Yorker Gefängniszelle, unterschrieb Jeffrey Epstein ein neues Testament. Es weist ein Vermögen von rund 577 Millionen US-Dollar aus. Als Ersatz-Testamentsvollstrecker – falls die beiden Hauptbenannten ausfallen sollten – nannte Epstein einen Namen, der in der öffentlichen Berichterstattung bis heute kaum Beachtung findet: Boris Nikolic, promovierter Immunologe und langjähriger wissenschaftlicher Berater von Bill Gates.
Nikolic, gebürtiger Kroate, absolvierte seine Postdoc-Ausbildung an der Harvard Medical School und arbeitete anschließend als Chief Science Advisor für Bill Gates persönlich sowie für die Bill & Melinda Gates Foundation. Später gründete er die auf Biotech spezialisierte Venture-Capital-Firma Biomatics Capital in Seattle.
Die im Rahmen des Epstein Files Transparency Act veröffentlichten Dokumente zeigen ein Muster, das über bloße Bekanntschaft hinausgeht. Epstein wurde aktiv in die Aushandlung von Nikolics Anstellungsbedingungen bei Gates einbezogen – ein Umstand, der nahelegt, dass er als eine Art Vermittler oder Türöffner fungierte, noch bevor Nikolic offiziell für Gates tätig war.
Auch nach Antritt der Stelle riss der Kontakt nicht ab. Journalistische Auswertungen der freigegebenen Dokumente verzeichnen Nikolics Namen in mehreren hundert bis über zehntausend Einträgen der Gesamtakten – wobei diese Zahlen je nach Zähl- und Suchmethode der verschiedenen unabhängigen Archiv-Projekte stark variieren und mit Vorsicht zu behandeln sind.
Im Juni 2026 musste sich Bill Gates persönlich vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses zu seiner Beziehung zu Epstein äußern. Im Zentrum der Befragung standen E-Mails, die Epstein teils an sich selbst, teils an Personen aus Gates' Umfeld geschickt hatte.
Gates bestätigte eine rund dreijährige Beziehung zu Epstein und erklärte, sein Interesse habe primär der Möglichkeit gegolten, über Epstein Spendengelder für globale Gesundheitsprojekte zu mobilisieren. Er habe Nikolics Vertrag beendet, nachdem er von dessen Kenntnis über private Angelegenheiten erfahren habe – woraufhin sich Epstein den Akten zufolge in die Verhandlungen um diese Trennung einschaltete.
Als Epstein wenige Tage nach seinem Tod als Nikolics Verbindung zu ihm öffentlich bekannt wurde, reagierte dieser umgehend. Über einen Sprecher ließ er mitteilen, er sei "geschockt" von seiner Nennung im Testament.
Nikolic hat diese Rolle nie angetreten – anders als die beiden Hauptvollstrecker Darren Indyke und Richard Kahn legte er keinen entsprechenden Amtseid ab. Sein Sprecher erklärte zudem gegenüber Medien, zwischen Nikolic und Epstein habe es keine geschäftlichen Verbindungen gegeben; beide seien lediglich Kunden derselben Privatbank bei JPMorgan Chase gewesen.
Nikolic hat die ihm zugedachte Rolle nie angetreten. Die tatsächliche Kontrolle über Epsteins Nachlass lag bei den beiden Hauptvollstreckern: seinem langjährigen Anwalt Darren Indyke und seinem Buchhalter Richard Kahn. Beide legten den erforderlichen Amtseid ab und verwalteten das auf rund 577 Millionen US-Dollar taxierte Vermögen, das Epstein testamentarisch in einen als "The 1953 Trust" bezeichneten Treuhandfonds überführen ließ – eine Konstruktion, die die genaue Verteilung der öffentlichen Einsicht entzog.
Aus dem Nachlass selbst entstand 2020 ein Opferentschädigungsfonds, der bis zu seiner Schließung im August 2021 rund 121 Millionen US-Dollar an über 130 Betroffene auszahlte. Weitere rund 48–49 Millionen US-Dollar flossen aus zusätzlichen, direkt mit der Estate ausgehandelten Vergleichen. Im Februar 2026 kam ein neuer Sammelklage-Vergleich über bis zu 35 Millionen US-Dollar hinzu – diesmal richtete sich die Klage gegen Indyke und Kahn persönlich, denen vorgeworfen wird, Epsteins Firmen- und Kontennetzwerk mitgestaltet und damit zur Verschleierung seiner Taten beigetragen zu haben. Beide bestreiten jedes Fehlverhalten; der Vergleich stellt ausdrücklich kein Schuldeingeständnis dar und wird vollständig aus den verbleibenden Nachlassmitteln finanziert.
Daneben stehen Vergleiche, die nicht aus dem Nachlass selbst, sondern von Banken gezahlt wurden, die Epstein trotz bekannter Warnsignale als Kunden hielten: JPMorgan Chase (290 Millionen), Deutsche Bank (75 Millionen) und Bank of America (72,5 Millionen). Die US-Jungferninseln erwirkten zusätzlich einen Vergleich über 105 Millionen US-Dollar. Insgesamt sind damit über 500 Millionen US-Dollar an Betroffene und Behörden geflossen.
Die Faktenlage lässt drei Dinge klar auseinanderhalten. Erstens: Die Nähe zwischen Nikolic und Epstein war nicht beiläufig. Sie erstreckte sich über rund ein Jahrzehnt, begann noch vor Nikolics Anstellung bei Gates und endete erst wenige Monate vor Epsteins Verhaftung. Zweitens: Die Testamentsnennung selbst – der Moment, der Nikolics Namen später in die Schlagzeilen brachte – wird von ihm bestritten, ohne dass die Gegenrede durch bislang veröffentlichte Dokumente entkräftet wird. Drittens: Die tatsächliche Macht über das Vermögen lag ohnehin nie bei Nikolic, sondern bei Indyke und Kahn – deren eigene Rolle heute selbst Gegenstand von Klagen ist.
Beide Ebenen gehören in die Bewertung, wenn man beurteilen will, wie eng das Netzwerk um Epstein tatsächlich geknüpft war – und wie viel davon Zufall, wie viel System war.