Die Erzählung setzt BRICS und die G20 oft als Gegenmodelle an — hier die neue Ordnung, dort die alte. Die Personalie zeigt ein anderes Bild: Dieselben Staaten sitzen in beiden Formaten, oft mit denselben Regierungschefs.
Bereits 2023 stellte die US-Regierung selbst öffentlich klar, dass sie BRICS nicht als Konkurrenz zur G20 betrachte. Jake Sullivan, damaliger Sicherheitsberater von Präsident Biden, erklärte in Neu-Delhi ausdrücklich, BRICS sei "in keiner Weise eine Opposition oder Alternative" zur G20. Diese Aussage kam von einem westlichen Regierungsvertreter selbst — keine externe Einschätzung, sondern die offizielle Position.
Die G20-Präsidentschaft wechselte 2023 bis 2025 durch Indien, Brasilien und Südafrika — alle drei BRICS-Gründungsmitglieder. Das bedeutet: Über drei aufeinanderfolgende Jahre saßen BRICS-Regierungschefs gleichzeitig am Steuer des vermeintlichen "westlichen" Gegenformats.
Auch die BRICS-Gipfelkommuniqués selbst dokumentieren keinen Systembruch: Sie loben WTO und andere multilaterale Institutionen ausdrücklich, fordern aber zeitnahe Quoten- und Strukturreformen. Das East Asia Forum beschreibt dies als bewusste Doppelstrategie: im bestehenden System bleiben, es aber von innen reformieren wollen, während gleichzeitig parallele Optionen aufgebaut werden.
Die Systemkonfrontation zwischen G20 und BRICS existiert vor allem rhetorisch. Institutionell und personell ist die Überschneidung erheblich — bis hin zur offiziellen Bestätigung durch die US-Regierung selbst. Das relativiert die Vorstellung zweier vollständig getrennter globaler Lager erheblich, ohne sie vollständig zu widerlegen.