Wie Marokko und Ägypten zu Obst- und Gemüse-Lieferanten Europas wurden – und warum der Handel beim CO2 trommelt, beim Wasser aber schweigt
Wenn im deutschen Supermarkt im Januar Tomaten, Paprika oder Beeren liegen, stammen sie fast immer aus Wüsten- oder Halbwüstenregionen: Marokko, Ägypten, Südspanien. Das wirkt wie ein Beleg für landwirtschaftlichen Fortschritt. Tatsächlich beruht es auf einer Ressource, die in beiden Ländern nicht nachwächst – und die im Werbematerial der Handelsketten, die sich sonst lautstark für Klimaschutz feiern lassen, nirgends auftaucht.
90 Prozent des ägyptischen Wasserverbrauchs stammen weiterhin aus dem Nil. Für die Ausweitung der Anbauflächen in die Wüste hinein setzt Ägypten aber zunehmend auf den Nubischen Sandstein-Aquifer – ein fossiles Grundwasserreservoir unter Ägypten, Libyen, Sudan und Tschad mit einem geschätzten Volumen von 370.000 Kubikkilometern, so viel, wie in 600 Jahren den Nil hinabfließt. Das Wasser bildete sich über Zehntausende Jahre in einer Zeit, als die Sahara feuchter war, und wird nicht wieder aufgefüllt. Allein in Ägypten werden jährlich rund 700 Millionen Kubikmeter aus tiefen Brunnen gepumpt; seit den 1980er-Jahren siedelt die Regierung gezielt Familien aus dem Niltal in die Wüste um. Weil der natürliche Wasserdruck im Aquifer nachlässt, muss inzwischen bis zu einen Kilometer tief gebohrt werden. Fast 2.000 Quadratkilometer Wüstenland wurden so in 60 Jahren urbar gemacht – auf einer Ressource, die sich nicht erneuert.
Marokko: Bewässerung an der Belastungsgrenze, Entsalzung als teurer AuswegMarokkos Landwirtschaft verbraucht über 80 Prozent der verfügbaren Wasserressourcen des Landes – bei einer der schwersten Dürren seit Jahrzehnten und einem Grundwasser-Defizit von 100 Prozent. Der Ausweg ist Meerwasserentsalzung: Bis 2030 will Marokko 50 Prozent seines Frischwassers daraus beziehen, aktuell sind es 11 Prozent. Der Haken: 45 Prozent der Entsalzungskosten entfallen auf Energie – die Marokko größtenteils importieren muss. Das Land finanziert seinen Wasserausweg also mit fossilen Energieimporten, deren Kosten das eigene Handelsdefizit weiter belasten.
Das MusterBeide Länder wurden zu verlässlichen Obst- und Gemüse-Lieferanten Europas, indem sie eine nicht erneuerbare oder fremdfinanzierte Ressource in exportfähige Kalorien verwandelten. Ägypten zehrt von eiszeitlichem Grundwasser mit einer Uhr, die unbekannt, aber endlich tickt. Marokko finanziert seinen Wasserausweg über Energieimporte, die es sich angesichts der ohnehin hohen Gaspreise (siehe Teil 2 unserer Dünger-Serie) kaum leisten kann. Die Versorgungssicherheit, die europäische Supermarktregale ganzjährig zeigen, beruht also nicht auf nachhaltiger Produktion, sondern auf zwei sehr unterschiedlichen Formen von geliehener Zeit.
Der Fachbegriff dafür ist "virtuelles Wasser" – das Wasser, das unsichtbar in einem Produkt steckt. Für ein Kilogramm Getreide werden in Marokko rund 2.700 Liter Wasser aufgewendet, in Deutschland nur 520 Liter. Das Konzept hat eine positive und eine kritische Seite: Grundsätzlich kann globaler Agrarhandel regionale Wasserknappigkeit mindern, wenn wasserarme Länder Grundnahrungsmittel importieren, statt sie selbst wasserintensiv anzubauen. Kritisch wird es, wenn es sich umkehrt: Der Handel mit virtuellem Wasser wird zu "Wasserraub", wenn wasserintensive Güter aus ohnehin wasserknappen Regionen exportiert werden – und genau das trifft auf viele der Obst- und Gemüseexporte aus Marokko und Ägypten zu, die primär für den europäischen Markt und nicht für die lokale Grundversorgung produziert werden.
| Produkt / Vergleich | Wasserbedarf | Einordnung |
|---|---|---|
| 1 kg Getreide, Marokko (Bewässerung) | ca. 2.700 Liter | ca. 5× höher als in Deutschland |
| 1 kg Getreide, Deutschland | ca. 520 Liter | Referenzwert (Regenfeldbau) |
| 1 kg Mais, Ägypten (Bewässerung) | ca. 1.100 Liter | gegenüber Frankreich (530 l) mehr als doppelt so hoch |
| Deutscher Obst-Selbstversorgungsgrad | unter 20 % | Tomaten und Paprika werden "fast vollständig" importiert |
Deutsche Handelsketten haben sich seit Jahren als Klimavorreiter positioniert: Rewe will bis 2040 konzernweit klimaneutral werden, wirbt mit "Pro Planet"-Label und weist inzwischen sogar "Klimapreise" für einzelne Produkte aus. Aldi Nord kompensierte seine "Wonderful World"-Fruchtgummis und "Fair & gut"-Alpenmilch über Klimaschutzprojekte in Uruguay und Chile. Mehrere dieser "klimaneutral"-Werbeaussagen wurden jedoch von Verbraucherschützern wie Foodwatch als irreführend kritisiert – Rewe verzichtet inzwischen ganz auf das Label und investiert stattdessen in Moor-Renaturierung mit dem NABU.
Das MusterBei alldem existiert praktisch kein vergleichbares Label, keine Kampagne und keine "Wasserpreis"-Auszeichnung für den Wasserfußabdruck der Produkte in denselben Regalen. Während der CO2-Ausstoß bis auf die einzelne Falafel heruntergerechnet und beworben wird, bleibt unsichtbar, dass die Wintertomate aus Marokko oder die Kartoffel aus Ägypten auf einer Ressource beruht, die dort selbst knapp bis erschöpft ist. Das Umweltbundesamt kritisiert zwar den CO2-Ausstoß von Flugware und beheizten Gewächshäusern öffentlich – zur Wasserbilanz importierter Wüstenware äußert sich der Handel dagegen kaum.
| Handelskette | Klimaschutz-Kommunikation | Wasserfußabdruck-Kommunikation |
|---|---|---|
| Rewe | "Pro Planet"-Label, Klimapreise pro Produkt, Ziel Klimaneutralität 2040, NABU-Moorprojekt | Keine vergleichbare Kennzeichnung |
| Aldi Nord | Klimaneutrale Eigenmarken (kompensiert über Auslandsprojekte) | Keine vergleichbare Kennzeichnung |
| Lidl | Eco-Score-Test (Nachhaltigkeitssiegel) | Nicht Bestandteil des Scores |
| Branchenweit | CO2-Fußabdruck zunehmend Verkaufsargument | Wasserfußabdruck bleibt Nischenthema in Fachpublikationen (bpb, Welthungerhilfe), nicht im Regal |