dunkelfeld.report · Infrastruktur der Kontrolle · Teil 3/3

Worldcoin & Trump Coin
Wenn Kryptowährung zur Kontrollinfrastruktur wird

Zwei Projekte, zwei völlig unterschiedliche Herkunftsgeschichten – und doch dasselbe Grundmuster: Ein Freiheits- oder Wohlstandsversprechen wird genutzt, um im Gegenzug etwas weit Wertvolleres einzusammeln als Geld. Bei Worldcoin sind es biometrische Daten von Millionen Menschen. Beim Trump Coin ist es politischer Einfluss, direkt monetarisiert durch einen amtierenden US-Präsidenten.

BELEGTEXTRAPOLATIONOFFEN

1. Worldcoin: Iris gegen Krypto

BELEGT 2019 gründeten Sam Altman, Max Novendstern und der deutsche Physiker Alexander Blania ein Unternehmen, das mittels fußballgroßer Geräte ("Orbs") die Iris von Menschen scannt, daraus einen Code erzeugt und diesen in einer Blockchain speichert. Als Belohnung erhalten Nutzer rund 25 Token der Kryptowährung Worldcoin (WLD), umgerechnet zeitweise rund 50 US-Dollar.

12 Mio.+gescannte Menschen weltweit (2025)
$240 Mio.eingesammeltes Investorenkapital
8 Mrd.erklärtes Fernziel: alle Menschen weltweit

BELEGT Sam Altman möchte über die World ID langfristig ein bedingungsloses Grundeinkommen ausschütten und dafür im Idealfall die Iris von acht Milliarden Menschen erfassen. Eine Recherche deckte zudem auf, dass World neben den Iris-Scans auch weitere persönliche Daten wie Herzschlag und Atmung sammelte – ohne informierte Zustimmung im eigentlichen Sinn einzuholen.

Regulatorische Reaktionen weltweit (BELEGT)
Brasilien verbot 2025 die Erfassung von Iris-Scans gegen Bezahlung, da finanzielle Anreize gegen das Datenschutzrecht des Landes verstoßen; Indonesien setzte die Datensammlung vorübergehend aus; die Philippinen ordneten einen sofortigen Stopp an; Thailand ließ die biometrische Datensammlung durch Behörden einstellen und die Löschung der Daten fordern. Thailand ordnete konkret die Löschung von über 1,2 Millionen erfassten Iris-Scans an, nachdem ein Expertengremium den Tausch biometrischer Daten gegen Kryptowährung als Gesetzesverstoß einstufte. Auch Hongkong und Kenia untersagten das Projekt; Kenia bereits seit August 2023.

EXTRAPOLATION Das Geschäftsmodell ist bemerkenswert direkt: Ein irreversibles biometrisches Merkmal – die Iris kann, anders als ein Passwort, niemals ausgetauscht werden – wird gegen einen vergleichsweise geringen Krypto-Betrag getauscht. BELEGT Ein Cybersicherheitsexperte bezeichnete das System als "das ultimative Honigtopf für Überwachung", sobald ein unveränderliches biometrisches Merkmal einmal an eine globale Identitätsplattform gekoppelt ist.

2. Trump Coin: Ein US-Präsident als Coin-Emittent

BELEGT Nur wenige Tage vor seiner zweiten Amtseinführung im Januar 2025 lancierte Donald Trump den Meme Coin $TRUMP auf der Solana-Blockchain. 80 Prozent der insgesamt einer Milliarde ausgegebenen Token blieben bei zwei Trump-nahen Firmen, CIC Digital LLC und Fight Fight Fight LLC.

$1,4 Mrd.Krypto-Einnahmen Trumps 2025
$3,81 Mrd.Verluste von ca. 1 Mio. Kleinanlegern
–97%Kursverfall seit Allzeithoch

BELEGT Laut Trumps gesetzlich vorgeschriebener Finanzoffenlegung für 2025 nahm er über 1,4 Milliarden US-Dollar aus Krypto-Geschäften ein – mehr als 60 Prozent seines gesamten gemeldeten Einkommens von rund 2,2 Milliarden US-Dollar. Rund 635 Millionen Dollar davon stammen aus Lizenzgebühren des $TRUMP-Coins, mindestens 525 Millionen Dollar aus Token-Verkäufen von World Liberty Financial, einem Krypto-Unternehmen von Trumps Söhnen.

BELEGT Nach Daten der Analysefirma Nansen haben knapp eine Million Menschen, die den Trump-Meme-Coin gekauft haben, bis Ende Juni 2025 zusammen 3,81 Milliarden US-Dollar verloren. Frühe Käufer nahe am Launch erzielten dagegen schätzungsweise vier Milliarden Dollar Gewinn, während der Grossteil der späteren Käufer nach einem Kursverfall von rund 97 Prozent gegenüber dem Hoch von etwa 75 Dollar deutliche Verluste erlitt.

Politische Reaktionen (BELEGT)
Als bekannt wurde, dass das US-Finanzministerium eine 1-Dollar-Münze mit Trumps Konterfei und dem Slogan "Fight, Fight, Fight" plante – dem Namen der Firma hinter dem Trump-Coin –, kritisierte Senator Chris Van Hollen dies scharf und erklärte, es sei bereits illegal, das Konterfei des Präsidenten auf eine offizielle Münze zu setzen. Ethics-Gruppen und Aufsichtsbehörden prüfen inzwischen das 927-seitige Offenlegungsdokument gezielt auf mögliche Interessenkonflikte zwischen Trumps Kryptoeinnahmen und regulatorischen Entscheidungen seiner eigenen Regierung.

Bemerkenswert: Ausgerechnet der Ethereum-Mitgründer aus Teil 2 dieser Serie gehört zu den prominentesten Kritikern.

"Das Risiko von Politiker-Coins ist, dass sie ein perfektes Instrument für Bestechung darstellen … das alles ist riskant für die Demokratie." — Vitalik Buterin, Mitgründer Ethereum

3. Zwei Modelle, ein Muster

MERKMALWORLDCOINTRUMP COIN
VersprechenDigitale Identität, GrundeinkommenZugehörigkeit, Spekulationsgewinn
Was der Nutzer gibtUnveränderliches biometrisches MerkmalKapital, meist zu Höchstkursen
Wer profitiert strukturellBetreiberfirma (Tools for Humanity)Emittent selbst (Trump-Familie, 80% Token-Anteil)
Regulatorische ReaktionVerbote in zahlreichen LändernEthik-Prüfungen, Kritik von Gesetzgebern

EXTRAPOLATION In beiden Fällen wird die Erzählung von Dezentralisierung und individueller Ermächtigung genutzt, um eine hochgradig zentralisierte Gegenleistung einzusammeln: bei Worldcoin unveränderliche biometrische Daten in den Händen eines einzelnen Unternehmens, beim Trump Coin direkten finanziellen Vorteil für einen Amtsträger, dessen eigene Regierung gleichzeitig über die Krypto-Regulierung entscheidet. Beide Projekte nutzen damit exakt die Sprache – Freiheit, Teilhabe, finanzielle Selbstbestimmung –, mit der Bitcoin einst antrat, um das genaue Gegenteil zu erreichen: eine engere Verzahnung von Individuum, Konzern und Staat.

Fazit der Serie

Über drei Teile hinweg zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Bitcoin versprach Anonymität und lieferte das transparenteste Zahlungssystem der Geschichte (Teil 1). Ethereum positionierte sich als "neutrale" Plattform und ist zugleich institutionell enger mit WEF-nahen Netzwerken verwoben als jede andere große Kryptowährung (Teil 2). Worldcoin und Trump Coin schließlich zeigen, wie weit sich das ursprüngliche Cypherpunk-Versprechen inzwischen von der Praxis entfernt hat: Statt Menschen von zentralisierter Kontrolle zu befreien, liefern manche der prominentesten Krypto-Projekte heute genau die Infrastruktur, die eine solche Kontrolle erst möglich macht – biometrische Totalerfassung auf der einen, direkte Monetarisierung politischer Macht auf der anderen Seite.

Offene Fragen: Ist diese Entwicklung ein bewusst gesteuerter Prozess oder das nachvollziehbare Ergebnis dessen, was passiert, wenn Freiheitstechnologie auf bestehende Machtstrukturen trifft? Wo verläuft die Grenze zwischen technischer Innovation und der Schaffung neuer Abhängigkeiten? Der Leser zieht seine eigenen Schlüsse.
Serie "Infrastruktur der Kontrolle": Teil 1: Bitcoin – eine Mausefalle? · Teil 2: Ethereum & WEF · Teil 3: Worldcoin & Trump Coin
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