Das Schulbuch-Bild vom Zweiten Weltkrieg kennt klare Fronten: Alliierte gegen Achsenmächte. Was selten vermittelt wird: Mehrere große US-Konzerne und Banken unterhielten Kartellabkommen und Geschäftsbeziehungen mit NS-Deutschland, die teils bis weit in den Krieg hinein bestanden — dokumentiert durch US-Kongressanhörungen, die Nürnberger Prozesse und freigegebene Akten des National Archives. Dieser Artikel stellt zusammen, was belegt ist.
1929 schlossen Standard Oil of New Jersey (heute ExxonMobil) und der deutsche Chemiekonzern I.G. Farben ein Kartellabkommen: die "Joint American Study Company" (Jasco). Die Aufteilung war klar geregelt — I.G. Farben sollte die Weltrechte an der Chemie behalten, Standard Oil die an Erdölprodukten und synthetischem Benzin.
Der US-Kongressausschuss unter Senator Harry Truman stellte in Anhörungen 1942 fest, dass diese Vereinbarung bis in den Krieg hinein fortgeführt wurde — inklusive einer 1939 getroffenen Zusatzabsprache, wie beide Seiten "während des Krieges zusammenarbeiten" könnten, "unabhängig davon, ob die USA eintreten" würden. Standard Oil gab sein Patent für synthetisches Butyl-Gummi an I.G. Farben weiter, hielt es aber gleichzeitig von der eigenen US-Industrie zurück — was laut Kongressausschuss die amerikanische Gummiproduktion während einer kriegsbedingten Rohstoffknappheit erheblich behinderte.
I.G. Farben errichtete in Monowitz eine eigene Buna-Kautschuk-Fabrik direkt neben dem Konzentrationslager Auschwitz und nutzte dort Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen. Im sogenannten IG-Farben-Prozess (1947/48, einem der zwölf Nürnberger Nachfolgeprozesse) wurden 13 von 23 angeklagten Farben-Managern verurteilt — allein im Fall Auschwitz sah das Gericht die Beweislage für ausreichend an, um eine Verantwortung aus eigener Initiative festzustellen.
Bemerkenswert für die Einordnung: US-Konzerne wie Standard Oil, Dow Chemical, DuPont und General Electric hatten selbst erhebliche Geschäftsbeziehungen zu genau jenen Firmen, deren Manager nun angeklagt wurden — was die US-Ermittler bei der Vorbereitung der Prozesse laut Recherchen vor ein politisches Dilemma stellte.
Die Union Banking Corporation (UBC) war eine New Yorker Investmentbank, gegründet 1924. Ihre Anteile wurden treuhänderisch für die niederländische Bank voor Handel en Scheepvaart gehalten, die wiederum zum Firmenimperium des deutschen Stahlmagnaten Fritz Thyssen gehörte — einem frühen Unterstützer und Finanzier der NSDAP.
Unter den sieben Direktoren der UBC war der spätere US-Senator Prescott Bush (Großvater von George H. W. Bush, Urgroßvater von George W. Bush). Am 20. Oktober 1942 beschlagnahmte die US-Regierung unter dem "Trading with the Enemy Act" die Vermögenswerte der UBC per Vesting Order Nr. 248 — offiziell dokumentiert im Federal Register. Kurz darauf wurden weitere mit Bush verbundene Firmen beschlagnahmt, darunter die Silesian-American Corporation.
Ob Prescott Bush und die anderen Direktoren aktiv wussten, wofür die treuhänderisch gehaltenen Gelder im Detail verwendet wurden, oder ob sie — wie die spätere Untersuchung nahelegte — überwiegend als "Frontmänner" ohne direkte operative Kontrolle fungierten, ist historisch nicht abschließend geklärt und wird in der Forschung unterschiedlich bewertet.
| Unternehmen | Dokumentierte Verbindung |
|---|---|
| Ford Motor Company | Deutsche Tochtergesellschaft Ford-Werke produzierte während des Kriegs für die Wehrmacht; Gegenstand von US-Nachkriegsuntersuchungen und späteren Zwangsarbeiter-Entschädigungsklagen |
| General Motors (Opel) | Opel-Werke unter deutscher Kontrolle nach Kriegseintritt der USA; Fahrzeugproduktion für die Wehrmacht dokumentiert in Nachkriegsuntersuchungen des US-Finanzministeriums |
| ITT Corporation | Beteiligungen an deutschen Telekommunikationsfirmen, die während des Kriegs weiterbestanden; Gegenstand von Kongressanhörungen der Nachkriegszeit |
| Royal Dutch Shell | Deutsche Tochter Rhenania-Ossag belieferte die Wehrmacht; von Shell selbst historisch aufgearbeitet und öffentlich dokumentiert |
EXTRAPOLATION Der Detailgrad der Dokumentation variiert zwischen diesen Fällen erheblich — bei Ford-Werke und Opel ist die Produktionsrolle für die Wehrmacht gut belegt, das genaue Ausmaß der Kontrolle durch die US-Mutterkonzerne nach 1941 bleibt in Teilen Gegenstand historischer Debatte, da die deutschen Tochterfirmen nach Kriegseintritt formal von der NS-Verwaltung übernommen wurden.
Warum blieben diese Kartellstrukturen trotz öffentlicher Kongressanhörungen weitgehend folgenlos für die beteiligten Konzerne selbst — während die Beschlagnahmungen einzelner Banken und Vermögenswerte sichtbarer wurden?
Was sagt es über die Nachkriegsordnung aus, dass mehrere der hier genannten Konzerne innerhalb weniger Jahre wieder zu zentralen Akteuren der US-Wirtschaft und -Politik wurden?