Wie ein DAX-Konzern 21 Jahre lang Milliarden erfand — und wer alles wegsah
24 Milliarden Euro Marktwert. Fast 6.000 Mitarbeiter in 26 Ländern. Und am Ende: 1,9 Milliarden Euro, die es nie gab. Wirecard ist der größte Finanzbetrug der deutschen Nachkriegsgeschichte — und eine Geschichte darüber, wie viele Institutionen wegschauen können, wenn sie es wollen.
BELEGTDetlev Hoppenrath und Peter Herold gründeten 1999 in München-Lehel die "Wire Card" — finanziert mit 4 Mio. DM Wagniskapital der Technologieholding (später 3i). Erste nennenswerte Kunden: Online-Glücksspiel- und Erotikseiten, Branchen, die klassische Zahlungsdienstleister mieden.
BELEGTKern des Betrugs war das sogenannte TPA-Modell (Third Party Acquiring): Weil Wirecard in bestimmten Ländern keine eigene Zahlungslizenz besaß oder Kunden aus Hochrisikobranchen (Pornographie, Glücksspiel) bediente, wurde die eigentliche Zahlungsabwicklung an Drittfirmen ausgelagert — Wirecard trat offiziell nur als Vermittler auf.
Angebliche Haupt-TPA-Partner saßen in Dubai, auf den Philippinen und in Singapur. Die daraus resultierenden "Erlöse" wurden entweder als direkte Forderungen gegen die TPA-Partner oder als Guthaben auf Treuhandkonten verbucht — und flossen so in die Konzernbilanz ein. Sie existierten nicht.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft München I war das kein Buchhaltungsfehler, sondern System: Spätestens Ende 2015 war den Beteiligten bewusst, dass das reale Geschäft nur Verluste erzeugte. Die fingierten TPA-Erlöse wurden benötigt, um weitere Kreditaufnahmen und Anleiheausgaben zu rechtfertigen — ein Schneeballsystem aus Bilanzfiktion und realer Verschuldung.
BELEGTAls die philippinische Notenbank BSP nach dem Kollaps prüfte, stellte sich heraus: Zwei Junior-Mitarbeiter der Banken BDO Unibank und Bank of the Philippine Islands hatten mit gefälschten Bestätigungen den Anschein erweckt, das Geld liege dort — es war nie angekommen.
BELEGTStatt der Sache nachzugehen, wurde Wirecard 2018 sogar in den DAX aufgenommen — Kurshöhe als Persilschein. Die deutsche Öffentlichkeit behandelte die Berichterstattung lange als Angriff auf einen "nationalen Champion", nicht als Warnung vor einem.
BELEGTStrukturell kam hinzu: Die BaFin beaufsichtigte nur die kleine Wirecard Bank AG. Die börsennotierte Holding mit ihrem zweifelhaften Auslandsgeschäft unterlag keiner laufenden Finanzaufsicht. Für die Bilanzkontrolle war die privatrechtliche Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung zuständig — nur Stichproben, kein Durchgriffsrecht. Ein milliardenschwerer Betrug verschwand zwischen den Zuständigkeiten, ohne dass eine einzige Stelle den Gesamtüberblick hatte.
BELEGTZwischen 2016 und 2020 zahlte Wirecard 62 Millionen Euro an Berater und Lobbyisten — von der Tagesschau als "Honigtopf" bezeichnet.
| Politiker | Rolle / Kontext |
|---|---|
| Angela Merkel (CDU) | Kanzlerin; warb 2019 bei Xi Jinping persönlich für Wirecard in China |
| Olaf Scholz (SPD) | Finanzminister während BaFin-Aufsichtsversagen; BMF ab Juni 2020 eng eingebunden |
| Friedrich Merz (CDU) | BlackRock-Aufsichtsratschef; zwei Treffen mit Braun (Nov. 2018 Hotel Tegernsee, Sept. 2019 Aschheim) |
| Volker Bouffier (CDU) | Hessischer Ministerpräsident; Gespräch zu Online-Glücksspiel-Regulierung |
| Günther Oettinger (CDU) | EU-Digitalkommissar; Kontakt über Carstensen vermittelt |
OFFENMerz' Büro bestätigt die beiden Treffen mit Braun, bestreitet aber jede Kontaktaufnahme mit Regierung oder Aufsichtsbehörden zu Wirecard. Eine dokumentierte Verbindungslinie zwischen den Lobby-Kontakten und konkreten BaFin-Entscheidungen existiert nicht — belegt ist nur die zeitliche und personelle Nähe.
BELEGTDer Wirecard-Prozess in München läuft seit über drei Jahren gegen Braun und zwei Mitangeklagte; ein Urteil rückt 2026 näher. Braun stellt sich als getäuschtes Opfer dar, das Gericht zweifelt zunehmend an dieser Version.
BELEGTMarsalek soll seit 2021 in einer "Gated Community" in Moskau leben, "unter Betreuung des FSB" — der BND wusste davon laut Bild/DW bereits seit Anfang 2021. Im März 2026 zerschlugen Ermittler im Rahmen der "Operation Chargeback" ein globales Betrugs- und Geldwäschenetzwerk mit zentraler Rolle früherer Wirecard-Führungskräfte um Marsalek — mit Verbindungen zu sanktionierten Oligarchen und zur Finanzierung von Russlands Krieg gegen die Ukraine.
BELEGTEx-Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer (CDU) geriet in Widerspruch: Er hatte dem Bundestags-Untersuchungsausschuss 2021 ein erstes Treffen mit Marsalek für Herbst 2018 angegeben — österreichische Ermittlungsakten legen laut ARD Kontraste nahe, dass die Kontakte enger und älter waren.
Wo befindet sich Jan Marsalek heute wirklich, und wird er je vor ein deutsches Gericht gestellt?
Welche Rolle spielte der BND tatsächlich — als Aufklärer oder als Teil des Problems?
Wie viele der 62 Millionen Euro Beraterhonorare dienten nachweislich der direkten Einflussnahme auf Aufsichtsentscheidungen — und wie viele blieben folgenlose Netzwerkpflege?