Wer schreibt das Gedächtnis der Welt — und nach welchen Regeln? Eine Spurensuche durch Gründerstreit, Sperrverfahren und die Frage, wer im System wirklich entscheidet.
Es war das kürzeste Interview in der Geschichte von Jung & Naiv. Weniger als eine Minute dauerte das Gespräch, das Journalist Tilo Jung im November 2025 mit Jimmy Wales führte — dem Mann, der Wikipedia nach außen als seinen Verdienst präsentiert. Die erste Frage reichte.
Der Mann, der eine Plattform für Neutralität, Faktentreue und Wissenszugang aufgebaut hat, bricht ein Interview ab — weil er nach einem Fakt gefragt wird. Der Fakt: Auf Wikipedia selbst wird Wales als Co-Gründer geführt. Nicht als alleiniger Gründer.
Wikipedia wurde am 15. Januar 2001 gegründet. Daran sind zwei Namen geknüpft: Jimmy Wales und Larry Sanger. Sanger, damals Philosophie-Doktorand, führte zunächst die Redaktion und entwickelte zentrale Quellen- und Neutralitätsprinzipien, die bis heute gelten.
Nach dem Ausscheiden Sangers 2002 begann eine Umschreibung der Geschichte.
Larry Sanger kehrte im Herbst 2025 nach Jahren der Abstinenz zu Wikipedia zurück. Er initiierte das „WikiProject Intellectual Diversity" — ein offizielles Wiki-Projekt, das nach eigenen Angaben mehr Quellenpluralismus und weniger einseitige Redaktionsentscheidungen ermöglichen sollte.
Co-Gründer Wikipedia (2001), Chefredakteur bis 2002. Gründete später Citizendium und Encyclosphere als Wikipedia-Alternativen. Seit Jahren öffentliche Kritik an Wikipedia wegen struktureller Voreingenommenheit.
Am 22. Juni 2026 meldete Sanger auf X: Er sei unbefristet gesperrt worden — ohne ordentliches Verfahren, ohne formal benannte Ankläger, ohne unparteiische Entscheidungsinstanz.
Die Administratoren begründeten die Sperre damit, Sanger habe seine rund 91.000 Follower auf X darauf aufmerksam gemacht, dass intern über sein Projekt abgestimmt werde — ein Verstoß gegen die Wikipedia-Regel gegen sogenanntes „Canvassing": das gezielte Mobilisieren externer Unterstützer für interne Abstimmungen.
Sanger widerspricht: Er habe lediglich auf eine laufende Diskussion hingewiesen, ohne seine Follower zu einer bestimmten Position aufzufordern. Wikipedia verbiete Canvassing nur, wenn es auf eine bestimmte Abstimmungsrichtung abziele.
Sanger benennt in seiner Kritik eine konkrete Machtstruktur: Eine kleine Gruppe von rund 62 besonders aktiven Administratoren — von ihm „Power 62" genannt — kontrolliere die inhaltliche Ausrichtung der englischsprachigen Wikipedia ohne formale Rechenschaftspflicht nach außen.
Diese Behauptung ist nicht neu. Bereits frühere Analysen zur Editoren-Konzentration auf Wikipedia hatten gezeigt, dass ein verschwindend geringer Anteil der Nutzer den weit überwiegenden Teil der inhaltlich relevanten Edits auf politisch sensiblen Artikeln vornimmt. EXTRAPOLATION
Die Kritik an Struktur und Neutralität der Wikipedia ist nicht auf Sanger und Wales beschränkt. Sie ist wissenschaftlich und juristisch dokumentiert.
Eine Studie des Journalisten Marvin Oppong im Auftrag der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung untersuchte den Einfluss bezahlter Auftragsautoren auf die deutschsprachige Wikipedia. Das Ergebnis:
Als Beispiel führte Oppong den Artikel über die Daimler AG an, in dem ein kritischer Abschnitt über NS-Zwangsarbeit gelöscht worden war.
Filmemacher Dirk Pohlmann und Lehrer Markus Fiedler hatten den Klarnamen eines Pseudonym-Autors veröffentlicht, der nach ihrer Recherche zahlreiche politisch relevante Wikipedia-Artikel „in meinungsgeprägter Weise" redigiert hatte. Der betroffene Autor zog vor Gericht.
Das Landgericht Hamburg gab Pohlmann und Fiedler recht:
Bereits 2005 wurde dokumentiert, dass Wikipedia-Artikel zu Spitzenkandidaten im nordrhein-westfälischen Wahlkampf von IP-Adressen aus dem Netzwerk des Deutschen Bundestages bearbeitet worden waren — zu Gunsten eines CDU-Kandidaten, zu Ungunsten eines SPD-Kandidaten. BELEGT
Seit 2018 blendet YouTube unter einer wachsenden Zahl von Videos automatisch eine Infobox ein — mit einem Link zur Wikipedia-Seite über den jeweiligen Kanal, die Person oder das Thema. Diese Funktion wurde ohne öffentliche Ankündigung rollout-weise eingeführt. EXTRAPOLATION
Die Konsequenz: Wer einen kritischen Kanal zu einem politisch sensiblen Thema betreibt, wird durch eine automatisierte Weiterleitung zur Wikipedia-Darstellung ergänzt — einer Darstellung, deren Redaktionsprozess nach den oben dokumentierten Befunden intransparent und potenziell voreingenommen ist.
| Ebene | Beobachtung | Status |
|---|---|---|
| YouTube-Einblendung | Automatischer Wikipedia-Link unter Videos zu sensiblen Themen | BELEGT |
| Redaktionskontrolle | Kleine Gruppe von Admins entscheidet über Artikelinhalt ohne externe Kontrolle | EXTRAPOLATION |
| Politische Einflussnahme | Bundestagsadressen als Editoren dokumentiert (2005) | BELEGT |
| PR-Manipulation | Otto-Brenner-Stiftung: „allgegenwärtig" (2014) | BELEGT |
| Gerichtlich bestätigt | LG Hamburg 2019: meinungsgeprägte Redaktion durch Pseudonym-Autor | BELEGT |
| Gründerstreit | Wales löscht Sangers Rolle — Wikipedia eigener Eintrag widerspricht Wales | BELEGT |
| Mitgründer gesperrt | Sanger im Juni 2026 unbefristet gesperrt nach Reformversuch | BELEGT |
Wikipedia beschreibt sich als freie Enzyklopädie, die auf dem Konsensprinzip freiwilliger Autoren beruht. Der Artikel „Kritik an Wikipedia" auf der eigenen Plattform dokumentiert die Debatten über Manipulation, Neutralität und Editoren-Konzentration — einschließlich der Otto-Brenner-Studie und der Bundestagsfälle.
Das Modell der anonymen Freiwilligkeit schützt vor kommerzieller Vereinnahmung — ermöglicht aber auch organisierte Einflussnahme ohne Verantwortlichkeit nach außen. Beides ist strukturell angelegt. EXTRAPOLATION
Wer entscheidet, welche Quellen auf Wikipedia als „zuverlässig" gelten — und nach welchem Verfahren?
Wenn der Mitgründer einer Plattform beim Versuch, Quellenpluralismus zu fördern, unbefristet gesperrt wird: Was sagt das über die Toleranz des Systems gegenüber interner Reformkritik?
Wenn YouTube automatisch auf Wikipedia verlinkt und Wikipedia-Artikel von einer kleinen, nicht öffentlich rechenschaftspflichtigen Gruppe kontrolliert werden — wessen Wissensbild wird dann im Algorithmus verstärkt?
Und: Kann eine Enzyklopädie, die die Gründerrolle ihres eigenen Mitgründers kleinschreibt, glaubhaft beanspruchen, Geschichte objektiv zu dokumentieren?