Hidden in Plain Sight — dunkelfeld.report

Kriegswirtschaft als Vokabular

Wie ein historischer Begriff zwei völlig unterschiedliche politische Lager erreicht — und was das über den aktuellen Diskurs sagt.

Stand: Juli 2026 · Beleg-vor-Motiv-Prinzip angewendet

Zwei politische Debatten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben — Sicherheitspolitik und Klimapolitik — greifen derzeit unabhängig voneinander auf denselben historischen Begriff zurück: die Kriegswirtschaft. Auf der einen Seite deutsche Generäle und der Bundeskanzler, die von militärischer "Kriegstüchtigkeit" sprechen. Auf der anderen Seite eine Wirtschaftsjournalistin, die eine "ökologische Kriegswirtschaft" nach britischem Vorbild als Rettung vor dem Klimakollaps vorschlägt. Dieser Artikel dokumentiert beide Stränge getrennt — und stellt danach nur die Frage, was ihre Gleichzeitigkeit bedeutet.


Strang A — Die sicherheitspolitische Kriegswirtschaft

BELEGT

Seit der "Zeitenwende" (2022) hat sich die Rhetorik hochrangiger Bundeswehr-Offiziere und der Bundesregierung merklich verändert. Zentrale Begriffe: "Kriegstüchtigkeit", "Kriegstauglichkeit", "fight tonight".

Juni 2024 Verteidigungsminister Boris Pistorius im Bundestag: "Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein. Wir müssen Abschreckung leisten, um zu verhindern, dass es zum Äußersten kommt."
November 2025 General Christian Freuding (FAZ-Interview, "Wir sind bereit für den Fight tonight"): "Deutschland kann durch Hingabe und Innovationen kriegstüchtig werden."
April 2026 Generalinspekteur Carsten Breuer (bundeswehr.de, offizieller Kanal): Die Bundeswehr gehe davon aus, dass Russland ab 2029 zu einem großangelegten Angriff auf NATO-Gebiet fähig sein könnte. Drei Zeitebenen der Vorbereitung: "fight tonight" (heute), 2029 (Standhalten), 2039 (dauerhafte Abschreckung).
Juli 2026 Bundeskanzler Friedrich Merz kündigt vor dem Koalitionsausschuss einen "großen Sprung nach vorn" bei den geplanten Reformen an — eine Formulierung, die in mehreren Medienkommentaren mit Maos "Großem Sprung nach vorn" (1958–1962) assoziiert wurde. Auf Nachfrage relativiert Merz später: "Es gibt keinen großen Big Bang, der alles löst."
Breuer, an anderer Stelle: "Wir müssen gewinnen wollen, weil wir gewinnen müssen." Und: "Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen, ist nicht mehr genug."
Quelle: bundeswehr.de, Funkkreis-Podcast

Die Zahlen dahinter

108,2 Mrd. € Verteidigungshaushalt 2026 (regulär + Sondervermögen)
50,3 % Staatsquote 2025 — erstmals seit Corona wieder über 50 %
43 Mrd. € Bereits verschuldet aus dem 100-Mrd.-Sondervermögen Bundeswehr (Stand Ende 2025)
+73 % Umsatzwachstum Rheinmetall im Verteidigungsbereich, Q1 2025

Für 2026 fließen zudem über 100 Milliarden Euro aus drei Sondervermögen (Infrastruktur/Klima, Bundeswehr, Klima- und Transformationsfonds) — größtenteils kreditfinanziert. Ergänzend existiert ein gesetzlicher Rahmen für den "Spannungsfall" (Sicherstellungsgesetz, Wirtschaftssicherstellungsgesetz, verschärftes Wehrpflichtgesetz), der dem Staat im Ernstfall erlaubt, Arbeitspflichten anzuordnen und Produktionsprozesse zu lenken.


Strang B — Die klimapolitische Kriegswirtschaft

BELEGT

Unabhängig von der sicherheitspolitischen Debatte vertritt die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann (taz) seit ihrem Bestseller "Das Ende des Kapitalismus" (2022) die These, dass Klimaschutz und Wirtschaftswachstum unvereinbar seien. Ihr Lösungsvorschlag: eine "private, demokratische Planwirtschaft" nach dem Vorbild der britischen Kriegswirtschaft ab 1939/1940.

"Die Briten erfinden also eine private und demokratische Planwirtschaft, die mit dem dysfunktionalen Sozialismus in der Sowjetunion nichts zu tun hatte."
Ulrike Herrmann, taz-Salon-Interview

Konkret schlägt Herrmann vor: Der Staat gibt vor, was produziert wird, die Fabriken bleiben in privater Hand, knappe Güter werden rationiert und gerecht verteilt. Ihre Begründung für die Rationierung:

"Klimaschutz habe nur eine Chance, wenn alle gleich belastet werden."
Zeitschrift Luxemburg, zitiert aus Herrmann 2022

Bemerkenswert ist Herrmanns explizite Abgrenzung gegenüber autoritären Kriegswirtschaften:

"Nicht jede Kriegswirtschaft eignet sich als Vorbild. Das gilt für Hitlers Plünderungspolitik genauso wie für Putins Angriff auf die Ukraine."
Ulrike Herrmann, Verlagstext Kiepenheuer & Witsch

Im März 2026 erschien Herrmanns neues Buch "Geld als Waffe. Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet" — sie wendet sich damit nun explizit der Ökonomie von Krieg und Frieden zu und schließt den thematischen Kreis zur sicherheitspolitischen Debatte zusätzlich.

Kritik an Herrmanns Modell

Herrmanns Vorschlag ist unter Ökonomen und auch innerhalb des linken Spektrums umstritten. Die Zeitschrift Luxemburg (ökosozialistische Perspektive) kritisiert, dass in der britischen Kriegswirtschaft gewerkschaftliche Rechte stark eingeschränkt waren und militärisch-autoritäre Strukturen dominierten. Der liberale Think Tank Avenir Suisse formuliert es schärfer:

"Kriegswirtschaft bedeutet nicht nur Abschaffung der freien Marktwirtschaft, sondern in letzter Konsequenz auch Abschaffung demokratischer Grundwerte."
Avenir Suisse, Kommentar zur Debatte mit Herrmann

Die Parallele — eine vorsichtige Einordnung

EXTRAPOLATION

Was beide Stränge verbindet, ist ausschließlich das Vokabular, nicht eine gemeinsame Agenda oder Absicht:

Die Unterschiede sind jedoch fundamental: Die sicherheitspolitische Kriegswirtschaft ist real im Gesetz verankert und wird mit konkreten Haushaltsmitteln umgesetzt. Herrmanns Modell ist ein publizistischer Vorschlag ohne gesetzgeberische Umsetzung, den sie selbst als freiwillige, demokratisch legitimierte Idee versteht. Es gibt keinen Beleg dafür, dass beide Diskurse koordiniert sind oder voneinander wissentlich Gebrauch machen.

Was sich jedoch dokumentieren lässt: Der Begriff "Kriegswirtschaft" — einst nahezu tabuisiert in der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit — taucht 2022–2026 in zwei völlig unterschiedlichen politischen Lagern als legitimes, öffentlich diskutiertes Lösungsvokabular auf.


Offene Fragen

Ist die parallele Verwendung des Begriffs "Kriegswirtschaft" in zwei unabhängigen politischen Lagern ein Zeichen dafür, dass Ausnahmezustands-Rhetorik im öffentlichen Diskurs zunehmend normalisiert wird?

Was bedeutet es für die demokratische Debattenkultur, wenn "der Staat lenkt" zunehmend als naheliegende Antwort auf unterschiedlichste Krisen — militärisch wie klimatisch — angeboten wird?

Wie verändert sich die gesellschaftliche Akzeptanz staatlicher Eingriffe, wenn ein historisch stark konnotierter Begriff wiederholt und aus unterschiedlichen politischen Richtungen normalisiert wird?

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