Wie ein historischer Begriff zwei völlig unterschiedliche politische Lager erreicht — und was das über den aktuellen Diskurs sagt.
Zwei politische Debatten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben — Sicherheitspolitik und Klimapolitik — greifen derzeit unabhängig voneinander auf denselben historischen Begriff zurück: die Kriegswirtschaft. Auf der einen Seite deutsche Generäle und der Bundeskanzler, die von militärischer "Kriegstüchtigkeit" sprechen. Auf der anderen Seite eine Wirtschaftsjournalistin, die eine "ökologische Kriegswirtschaft" nach britischem Vorbild als Rettung vor dem Klimakollaps vorschlägt. Dieser Artikel dokumentiert beide Stränge getrennt — und stellt danach nur die Frage, was ihre Gleichzeitigkeit bedeutet.
Seit der "Zeitenwende" (2022) hat sich die Rhetorik hochrangiger Bundeswehr-Offiziere und der Bundesregierung merklich verändert. Zentrale Begriffe: "Kriegstüchtigkeit", "Kriegstauglichkeit", "fight tonight".
Für 2026 fließen zudem über 100 Milliarden Euro aus drei Sondervermögen (Infrastruktur/Klima, Bundeswehr, Klima- und Transformationsfonds) — größtenteils kreditfinanziert. Ergänzend existiert ein gesetzlicher Rahmen für den "Spannungsfall" (Sicherstellungsgesetz, Wirtschaftssicherstellungsgesetz, verschärftes Wehrpflichtgesetz), der dem Staat im Ernstfall erlaubt, Arbeitspflichten anzuordnen und Produktionsprozesse zu lenken.
Unabhängig von der sicherheitspolitischen Debatte vertritt die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann (taz) seit ihrem Bestseller "Das Ende des Kapitalismus" (2022) die These, dass Klimaschutz und Wirtschaftswachstum unvereinbar seien. Ihr Lösungsvorschlag: eine "private, demokratische Planwirtschaft" nach dem Vorbild der britischen Kriegswirtschaft ab 1939/1940.
Konkret schlägt Herrmann vor: Der Staat gibt vor, was produziert wird, die Fabriken bleiben in privater Hand, knappe Güter werden rationiert und gerecht verteilt. Ihre Begründung für die Rationierung:
Bemerkenswert ist Herrmanns explizite Abgrenzung gegenüber autoritären Kriegswirtschaften:
Im März 2026 erschien Herrmanns neues Buch "Geld als Waffe. Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet" — sie wendet sich damit nun explizit der Ökonomie von Krieg und Frieden zu und schließt den thematischen Kreis zur sicherheitspolitischen Debatte zusätzlich.
Herrmanns Vorschlag ist unter Ökonomen und auch innerhalb des linken Spektrums umstritten. Die Zeitschrift Luxemburg (ökosozialistische Perspektive) kritisiert, dass in der britischen Kriegswirtschaft gewerkschaftliche Rechte stark eingeschränkt waren und militärisch-autoritäre Strukturen dominierten. Der liberale Think Tank Avenir Suisse formuliert es schärfer:
Was beide Stränge verbindet, ist ausschließlich das Vokabular, nicht eine gemeinsame Agenda oder Absicht:
Die Unterschiede sind jedoch fundamental: Die sicherheitspolitische Kriegswirtschaft ist real im Gesetz verankert und wird mit konkreten Haushaltsmitteln umgesetzt. Herrmanns Modell ist ein publizistischer Vorschlag ohne gesetzgeberische Umsetzung, den sie selbst als freiwillige, demokratisch legitimierte Idee versteht. Es gibt keinen Beleg dafür, dass beide Diskurse koordiniert sind oder voneinander wissentlich Gebrauch machen.
Was sich jedoch dokumentieren lässt: Der Begriff "Kriegswirtschaft" — einst nahezu tabuisiert in der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit — taucht 2022–2026 in zwei völlig unterschiedlichen politischen Lagern als legitimes, öffentlich diskutiertes Lösungsvokabular auf.
Ist die parallele Verwendung des Begriffs "Kriegswirtschaft" in zwei unabhängigen politischen Lagern ein Zeichen dafür, dass Ausnahmezustands-Rhetorik im öffentlichen Diskurs zunehmend normalisiert wird?
Was bedeutet es für die demokratische Debattenkultur, wenn "der Staat lenkt" zunehmend als naheliegende Antwort auf unterschiedlichste Krisen — militärisch wie klimatisch — angeboten wird?
Wie verändert sich die gesellschaftliche Akzeptanz staatlicher Eingriffe, wenn ein historisch stark konnotierter Begriff wiederholt und aus unterschiedlichen politischen Richtungen normalisiert wird?