Wer heute über Verschwörungsdenken schreibt, muss zuerst eine Wahl treffen, bevor überhaupt ein Argument beginnt: welches Wort er benutzt. "Verschwörungstheorie", "Verschwörungserzählung", "Verschwörungsmythos", "Verschwörungsideologie" — jeder dieser Begriffe transportiert bereits eine Position, bevor der erste Satz zu Ende ist. Diese Begriffsgeschichte ist selbst ein Lehrstück darüber, wie Sprache Diskurse sortiert.
BELEGT Das Grundproblem liegt im Wort "Theorie" selbst. Eine wissenschaftliche Theorie muss falsifizierbar sein — es muss möglich sein, sie durch Gegenbeweise zu widerlegen. Die meisten Behauptungen, die als "Verschwörungstheorie" bezeichnet werden, erfüllen dieses Kriterium nicht: Sie sind so konstruiert, dass jeder Gegenbeweis als Teil der Verschwörung selbst uminterpretiert werden kann.
BELEGT Als Reaktion darauf setzte sich in Teilen der Forschung der Begriff "Verschwörungserzählung" durch. Die Autorinnen Katharina Nocun und Pia Lamberty gehören zu den bekanntesten Vertreterinnen dieser Begriffswahl. Der Vorteil: Erzählungen können wahr oder falsch sein, ohne dass ein wissenschaftlicher Wahrheitsanspruch behauptet wird. Die Überwachung von Telekommunikation durch Geheimdienste etwa war eine solche Erzählung — und stellte sich als wahr heraus. Chemtrails sind ebenfalls eine Erzählung — und blieben falsch. Beide Typen werden von denselben Milieus gleichermaßen verbreitet.
OFFEN Genau dieser Vorteil ist zugleich der wunde Punkt der Debatte: Wenn wahre und falsche Behauptungen unter demselben Etikett laufen, wie unterscheidet der Begriff dann noch zwischen begründetem Verdacht und Wahnvorstellung?
BELEGT Der Bedeutungswandel bekam 2020 offiziellen Charakter: "Verschwörungserzählung" landete auf Platz drei bei der Wahl zum Wort des Jahres. Die Jury begründete das explizit als Reaktion auf Corona-Leugner-Propaganda, auf die Wahlbetrugsbehauptungen des scheidenden US-Präsidenten Trump und auf Verschwörungsideologien wie QAnon.
VT — WIDERLEGT Eine der hartnäckigsten Behauptungen in diesem Feld lautet, die CIA habe den Begriff "conspiracy theory" 1967 erfunden, um Zweifler am Warren-Report zur Kennedy-Ermordung zu diskreditieren. Diese Behauptung ist mehrfach unabhängig faktengecheckt und als falsch eingestuft worden.
BELEGT Was an der Geschichte stimmt: Das Memo existiert wirklich und sollte CIA-Mitarbeitern weltweit Argumentationshilfen liefern, um Zweifel an der Alleintäterschaft Lee Harvey Oswalds zu entkräften — auch weil einige Verdächtigungen in Richtung der eigenen Organisation zeigten. Was nicht stimmt: dass der Begriff dort erfunden oder gezielt als Diffamierungsinstrument eingeführt wurde.
Interessanterweise bestätigt gerade diese Ursprungslegende selbst das Funktionsprinzip einer Verschwörungserzählung: ein reales Dokument, eine plausibel klingende Verbindung — und eine Schlussfolgerung, die über das Belegbare hinausgeht.
BELEGT Unabhängig von der CIA-Legende beschreibt die Diskursforschung einen realen Mechanismus: Der Diskursmonitor der Universität Siegen (Clemens Knobloch) analysiert, wie der Ausdruck "Verschwörungstheorie" performativ wirkt. Was einmal erfolgreich so benannt ist, gilt automatisch als lächerlich und paranoid und wird damit aus dem als "rational" markierten öffentlichen Diskurs ausgeschlossen — unabhängig davon, ob die zugrundeliegende Behauptung im Einzelfall zutrifft oder nicht.
EXTRAPOLATION Dieser Mechanismus lässt sich als Vorstufe zu dem lesen, was in der Faktenchecker- und Medienkritik-Debatte später als "Diskreditierungsinstrument" beschrieben wird: Bevor ein Fact-Checking-Label vergeben wird, entscheidet oft schon die Begriffswahl darüber, ob ein Thema überhaupt ernsthaft verhandelt wird.
BELEGT Nicht alle Forscher halten die Alternativbegriffe für gelungen. Der Tübinger Kulturhistoriker Michael Butter hält "Mythos" für irreführend, weil der Begriff fälschlich hohes Alter und Irrationalität unterstellt — beides treffe auf aktuelle Verschwörungstheorien wie zu COVID-19 nicht zu. "Verschwörungserzählung" wiederum ignoriere, dass auch empirisch begründete Tatsachendarstellungen letztlich immer in Erzählform präsentiert werden — jede Darstellung von Wirklichkeit ist in diesem Sinn eine "Geschichte mit Wahrheitsanspruch".
OFFEN Butters Einwand trifft einen wunden Punkt: Es gibt keinen Begriff, der völlig frei von Wertung ist. Jede Wortwahl in diesem Feld transportiert bereits eine Position dazu, wie ernst eine Behauptung genommen werden soll.