Von der Gefängnisinsel zur EU-Gründungsideologie — was das Originaldokument forderte und wie es heute verwendet wird.
Am 16. April 2020, zu Beginn der Corona-Pandemie, trat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor das Europäische Parlament. In ihrer Rede zitierte sie ein Dokument aus dem Jahr 1941: das Manifest von Ventotene. Belegt
Das Manifest gilt heute als, so von der Leyen, «Meilenstein der europäischen Integration». Das Hauptgebäude des Europäischen Parlaments in Brüssel trägt den Namen seines Hauptautors: Altiero Spinelli. Belegt
Was steht in diesem Dokument? Wer schrieb es, unter welchen Umständen — und was forderte es konkret?
Altiero Spinelli war 1927, mit zwanzig Jahren, verhaftet worden — als Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens im Widerstand gegen Mussolini. Er verbrachte zehn Jahre in Haft, danach Verbannung auf die Gefängnisinseln Ponza und schließlich Ventotene im Golf von Gaeta, rund siebzig Kilometer vor Neapel. Auf Ventotene distanzierte er sich vom Stalinismus und näherte sich dem Konzept des europäischen Föderalismus. Belegt
1941 schrieb Spinelli gemeinsam mit Ernesto Rossi (liberal, zuvor national orientiert) und Eugenio Colorni (sozialistisch-sozialreformerisch) ein Manifest — heimlich auf Zigarettenpapier. Colornys Ehefrau Ursula Hirschmann schmuggelte die Abschnitte versteckt im Bauch eines gebratenen Huhns vom Gefängnis auf das Festland. Das Dokument zirkulierte ab 1941 in der klandestinen Widerstandspresse, eine vollständige Ausgabe erschien im Januar 1944 in Rom. Belegt
Das Manifest von Ventotene ist ein antikapitalistisches Revolutionsdokument. Es erklärt die Souveränität der Nationalstaaten zur Hauptursache von Krieg, Imperialismus und Faschismus — und fordert deren «endgültige Beseitigung». Belegt
Über den politischen Rahmen hinaus enthält das Dokument eine explizit sozialistische Wirtschaftsagenda. Der Originaltext im Wortlaut: Belegt
Konkrete wirtschaftliche Forderungen des Manifests umfassten unter anderem: Belegt
| Bereich | Forderung im Original (1941) |
|---|---|
| Monopolunternehmen | Verstaatlichung ohne Rücksicht auf «erworbene Rechte» — Elektrizität, Schwerindustrie, Rüstung |
| Großbanken | Staatliche Übernahme |
| Bodenbesitz | Agrarreform: Land nur an jene, die es «tatsächlich bebauen» |
| Industrie | Genossenschaftsverwaltung, Aktienbesitz der Arbeiter in nicht verstaatlichten Sektoren |
| Bildung | Öffentliche Schulen sollen «den Begabtesten statt den Reichsten» den Zugang ebnen |
Bereits die ersten Nachkriegsveröffentlichungen des Manifests tilgten dessen antikapitalistische Dimension. Der Fokus verschob sich vollständig auf die Frage der supranationalen Staatsgründung; die wirtschaftspolitischen Forderungen traten in den Hintergrund. Dies ist historisch dokumentiert, unter anderem von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und im Neue Deutschland (Mai 2025). Belegt
Das Ergebnis dieser Verschiebung: Das Manifest wurde zum parteiübergreifenden Referenzdokument — zitiert von Politikerinnen und Politikern aller Lager, obwohl sein Originalinhalt mit deren wirtschaftspolitischen Positionen teils unvereinbar ist. Extrapolation
Ursula von der Leyen, die das Manifest als «Meilenstein» bezeichnete, zitierte es im April 2020 im Kontext von Pandemie-Maßnahmen und europäischer Einigkeit — nicht im Kontext von Verstaatlichungen oder Agrarreformen. Belegt
Im März 2025 zitierten bei einer Großkundgebung auf der Piazza del Popolo in Rom — mit 50.000 Teilnehmern — mehrere Redner das Manifest als «ersten Entwurf für ein geeintes Europa». Darunter Prominente wie Giorgio Armani und Architekt Renzo Piano. Belegt
Altiero Spinelli blieb nach dem Krieg politisch aktiv. Er beriet Italiens Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi sowie Jean Monnet und Paul-Henri Spaak — zwei der zentralen Architekten der frühen europäischen Integration. 1970 wurde er Mitglied der Europäischen Kommission. Belegt
2022 diskutierte die Spinelli-Gruppe — ein parteiübergreifendes Netzwerk von über 50 Europaabgeordneten — auf Ventotene ein neues Manifest. Es wurde im Oktober 2023 dem Archiv des Europäischen Parlaments übergeben. Belegt
Das neue Dokument hält fest, dass «der Ausbruch der Pandemie 2020 und die russische Aggression gegen die Ukraine 2022 zu Wendepunkten auch für die europäische Integration geworden sind». Es fordert globale Integration auf Basis föderaler Prinzipien als «langfristige Strategie zur Verhinderung nationalistischer und autokratischer Aggressionen» — sowie mittelfristig ein direkt gewähltes Weltparlament im Rahmen der Vereinten Nationen. Belegt
| Aspekt | Original 1941 | Heutige Verwendung |
|---|---|---|
| Wirtschaft | Verstaatlichung von Monopolen, Banken, Rüstung; Agrarreform; Arbeitereigentum | Wird nicht erwähnt |
| Nationalstaat | «Endgültige Beseitigung» nationaler Grenzen und Souveränität | Referenzrahmen für «europäische Einheit» und Krisenmanagement |
| Methode | «Revolutionäre Bewegung» in «kurzer intensiver Zeitspanne allgemeiner Krise» | Inkrementelle Vertragsreform |
| Geltungsbereich | Europa | Europa und globale Föderation (neues Manifest 2022) |
| Politisches Spektrum | Kommunisten, Liberale, Sozialisten im antifaschistischen Widerstand | Parteiübergreifend: Von der Leyen (CDU) bis Cohn-Bendit (Grüne) |
Welche Passage des Originals zitierte von der Leyen 2020 konkret — und welche wirtschaftspolitischen Forderungen wurden dabei ausgelassen?
Das neue Manifest (2022) fordert ein direkt gewähltes Weltparlament. Auf welcher rechtlichen Grundlage und mit welchem Zeithorizont wird dies von der Spinelli-Gruppe konkret geplant?
Der Spinelli-Entwurf von 1984 scheiterte an der Ablehnung der nationalen Parlamente. Welche Mechanismen sehen aktuelle EU-Reformvorhaben vor, um diesen Einwand zu umgehen?