dunkelfeld.report — geopolitische instrumentalisierung von islamismus — teil 10

Der Preis der Macht

Dagestan 1999, die Wohnhaus-Anschläge und der Aufstieg eines unbekannten Ministerpräsidenten namens Putin

Diese Serie hat bisher vor allem eine Richtung gezeigt: westliche Dienste, die Islamisten für eigene Zwecke einsetzen oder ihren Aufstieg zumindest tolerieren. Der Fall Tschetschenien/Dagestan 1999 zeigt dasselbe Muster mit umgekehrten Vorzeichen — und mit dem Verdacht, dass am Ende nicht nur Islamisten instrumentalisiert wurden, sondern die eigene Bevölkerung selbst zum Mittel wurde.

I. 1994–96: Ein säkularer Krieg

BELEGT Der Erste Tschetschenienkrieg (1994–1996) begann als klassischer Unabhängigkeitskonflikt ohne religiöses Vorzeichen. Während sich die Tschetschenen Anfang der 1990er Jahre den "nationalen Freiheitskampf" gegen Russland ohne konfessionellen Bezug auf die Fahnen geschrieben hatten, rückte erst ab 1996 die radikale Islamisierung in den Vordergrund der medialen Berichterstattung. Im Mai 1997 unterzeichneten Präsident Jelzin und der gewählte tschetschenische Präsident Aslan Maschadow ein Friedensabkommen.

II. 1996–99: Die Radikalisierung

Ibn al-Chattab
saudischer Kämpfer, Wahhabit, Verbündeter Bassajews

BELEGT Maschadow gelang es nach dem Friedensschluss nicht, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen. Ihm standen islamistische Rebellengruppen unter Führung von Schamil Bassajew gegenüber, der sich mit dem aus Saudi-Arabien stammenden Kämpfer Ibn al-Chattab verbündete. In Dagestan wurde 1997–99 mit Unterstützung wahhabitischer Glaubensanhänger ein eigenes "schariatisches Territorium" mit vier Siedlungen ausgerufen.

Anzumerken: Die traditionelle Islam-Praxis im Nordkaukasus ist überwiegend sufistisch geprägt und stand dem importierten Wahhabismus historisch ablehnend gegenüber. BELEGT Die sufischen Orden waren strikte Gegner des sich seit den 1990er Jahren ausbreitenden Wahhabismus — die Radikalisierung war also auch innertschetschenisch umstritten, nicht nur ein russisch-tschetschenischer Gegensatz.

III. August 1999: Dagestan — und eine offene Finanzierungsfrage

BELEGT Im August 1999 begannen Bassajew und Chattab eine Rebellion in der russischen Republik Dagestan — ohne Zustimmung des tschetschenischen Staatsoberhaupts Maschadow, den Bassajew dabei überging. Wahhabitische Einheiten unter ihrer Führung marschierten am 7. August 1999 ein, um Dagestan einem islamisch-fundamentalistischen Kalifatstaat anzuschließen. Bis Ende September wurden sie von der russischen Armee zurückgedrängt.

Die offene Frage: Wer finanzierte den Einfall?

OFFEN Ermittlungen von Journalisten legten nahe, dass möglicherweise die russische Seite selbst diesen Überfall geplant und für den Krieg instrumentalisiert hatte. Bassajew soll dafür vom damals eng mit dem Kreml verbundenen Oligarchen Boris Beresowskij 30 Millionen Dollar erhalten haben. Belastbare gerichtsfeste Beweise für diese Zahlung existieren nicht — es handelt sich um eine in mehreren journalistischen und wissenschaftlichen Quellen wiederholte, aber nie abschließend verifizierte These.

IV. September 1999: Die Wohnhaus-Anschläge

BELEGT Zwischen dem 4. und 16. September 1999 explodierten vier Wohnhäuser in Buinaksk, Moskau (zweimal) und Wolgodonsk. 367 Menschen kamen ums Leben, über 1000 wurden verletzt. Die russische Regierung machte tschetschenische Separatisten verantwortlich; mehrere Verdächtige wurden später verurteilt.

  • 4./9./13./16. September 1999Vier Sprengungen in Buinaksk, zweimal Moskau, Wolgodonsk. BELEGT
  • 22. September 1999, RjasanBewohner beobachten zwei Männer, die Säcke in den Keller eines Wohnhauses schleppen. BELEGT Der örtliche Sprengmeister stellte fest, dass die Säcke denselben Sprengstoff (Hexogen/RDX) enthielten wie bei den vorherigen Anschlägen.
  • 23. September 1999Die beiden Männer werden festgenommen — sie weisen sich als FSB-Mitarbeiter aus und werden nach Intervention aus Moskau freigelassen. BELEGT Zwei Ungereimtheiten: Männer mit FSB-Ausweisen wurden nach ihrer Festnahme auf Weisung aus Moskau freigelassen.
  • 24. September 1999FSB-Chef Nikolai Patruschew erklärt den Vorfall zur "Übung" — die Säcke hätten nur Zucker enthalten. BELEGT Laut David Satter änderte der FSB seine Version, da schwer zu erklären war, wie große Mengen des in nur einer streng bewachten Fabrik hergestellten Sprengstoffs RDX verschwunden sein sollten.
  • 23.–24. September 1999Russische Kampfjets beginnen mit der Bombardierung Grosnys — noch bevor öffentlich klar war, dass es sich bei Rjasan um keinen "echten" Anschlag handelte. BELEGT
  • PositionKernargument
    Offizielle russische VersionBELEGT Die russische Generalstaatsanwaltschaft benannte den saudischen Feldkommandeur Chattab und einen Komplizen als Organisatoren; mehrere Verdächtige wurden nach Auslieferung aus Georgien 2004 zu lebenslanger Haft verurteilt. Rjasan sei tatsächlich eine Übung gewesen.
    David Satter, Alexander Litvinenko, Yuri FelshtinskyEXTRAPOLATION Nach ihrer Rekonstruktion waren die Anschläge eine erfolgreiche False-Flag-Operation der russischen Staatssicherheit, um öffentliche Unterstützung für einen neuen Tschetschenienkrieg zu gewinnen und Putin an die Macht zu bringen.
    Historikerinnen Amy Knight, Karen DawishaEXTRAPOLATION Amy Knight schrieb, es sei "vollkommen klar", dass der FSB die Anschläge durchführte, und Putins "Schuld erscheine klar", da es unvorstellbar sei, dass der FSB dies ohne Zustimmung seines ehemaligen Direktors getan hätte. Karen Dawisha bezeichnete die Beweise für eine FSB-Beteiligung an Rjasan als "unwiderlegbar".
    US-Senatsbericht 2018 (Ben Cardin)OFFEN Laut dem Bericht wurden von russischen Behörden keine glaubwürdigen Beweise vorgelegt, die tschetschenische Terroristen mit den Anschlägen in Moskau in Verbindung bringen — eine Negativfeststellung, kein positiver Beweis für die Gegenthese.

    BELEGT Unabhängig von der Frage der Urheberschaft ist die politische Blockade der Aufklärung dokumentiert: Der Versuch einer unabhängigen parlamentarischen Untersuchung wurde von der russischen Regierung blockiert und verlief ergebnislos; untersuchende Duma-Abgeordnete wurden ermordet. Kommissionsmitglied Michail Trepaschkin, ein ehemaliger FSB-Mann, wurde 2003 in einem von Amnesty International als fragwürdig bezeichneten Verfahren zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt — kurz bevor er einen Bericht zu den Anschlägen veröffentlichen wollte.

    V. Der Nutznießer

    BELEGT Hätte es keine Terroranschläge und keinen zweiten Tschetschenienkrieg gegeben, hätte Putin keine Chance gehabt, Präsident Russlands zu werden, schreibt der Russland-Analyst Yury Fedorov. Im Verlauf des Krieges in Tschetschenien konnte der ehemalige FSB-Direktor Wladimir Putin, der im August 1999 mit rund 2 Prozent Bekanntheit zum Ministerpräsidenten ernannt worden war, seine Position an der Staatsspitze konsolidieren und gewann im März 2000 die Präsidentschaftswahl deutlich.

    ~2%Putins Bekanntheit vor Ernennung (Aug. 1999)
    367Tote bei den Anschlägen
    7 Mon.bis zur Präsidentschaftswahl

    OFFEN Auch Boris Beresowskij selbst — derselbe Oligarch, dem die Dagestan-Finanzierung nachgesagt wird — änderte später seine Einschätzung: 2019 erklärte er, er habe die Explosion 1999 zunächst nicht als geheime Operation verstanden, sei aber später aufgrund gesammelter Beweise davon überzeugt gewesen, dass der FSB dahintersteckte. Ein Kronzeuge, der selbst Teil der ursprünglichen Verdachtskette ist — was seine spätere Aussage weder automatisch glaubwürdiger noch unglaubwürdiger macht, aber zur Vorsicht mahnt.

    Offene Fragen

    War Rjasan tatsächlich eine "Übung", wie der FSB nachträglich behauptete — oder der vierte, misslungene Anschlag einer Serie? Die zeitliche Nähe zur Bombardierung Grosnys, die begann, bevor der "Übungs"-Charakter öffentlich klargestellt war, bleibt ungeklärt.

    Wenn Bassajews Dagestan-Einfall tatsächlich mit Kreml-nahem Geld mitfinanziert wurde — wusste Bassajew selbst, wofür er instrumentalisiert wurde, oder war er ebenso Werkzeug wie später die Opfer der Wohnhaus-Anschläge?

    Was unterscheidet diesen Fall grundsätzlich von den westlichen Beispielen dieser Serie — die Bereitschaft, im eigenen Land zu handeln statt nur im Ausland? Oder ist das nur ein gradueller, kein kategorialer Unterschied?

    Serie: Geopolitische Instrumentalisierung von Islamismus
    1. Operation Ajax — Iran 1953
    2. Operation Cyclone — Afghanistan-Falle
    3. Israel/Hamas — Blowback
    4. Bin-Laden-Mythos und Beleg
    5. Syrien — Vom Terroristen zum Staatsgast
    6. Ägypten — Sadat, Bruderschaft, Sisi
    7. IS/Camp Bucca — Ursprung
    8. Libyen 2011 — Rat-Line nach Syrien
    9. Irak — Der doppelte Sturz
    10. Dagestan/Tschetschenien — Putins Aufstieg
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