dunkelfeld.report · Teil 1 von 2 · Machtstrukturen

Superklasse & Machtzirkel
Die Netzwerke neben WEF und Bilderberg

Es gibt mehr als zwei Namen, die man kennen sollte, wenn von globalen Machtzirkeln die Rede ist. Eine Bestandsaufnahme dokumentierter Netzwerke — ohne Verschwörung, aber mit Struktur.

Wenn über globale Eliten gesprochen wird, fallen fast immer dieselben zwei Namen: World Economic Forum und Bilderberg-Konferenz. Beide sind real, beide sind dokumentiert. Aber sie sind nicht die einzigen — und nicht einmal die ältesten — Foren, in denen sich Regierungs-, Wirtschafts- und Finanzeliten regelmäßig und informell abstimmen. Dieser Artikel dokumentiert drei weitere Ebenen: den Begriff der "Superklasse", die wichtigsten Zirkel neben WEF/Bilderberg, und das strukturelle Modell, mit dem sich private Macht zunehmend in öffentliche Entscheidungsprozesse einschreibt: Public-Private Partnerships.

1. Die Superklasse

BELEGT

Der Begriff stammt vom ehemaligen US-Regierungsbeamten und Autor David Rothkopf, der 2008 sein Buch "Superclass: The Global Power Elite and the World They Are Making" veröffentlichte. Rothkopfs These: Es existiert eine globale Machtelite von Politikern, Militärführern, Finanzgurus, Energiebaronen, Medienmogulen und Vordenkern — nach seiner Zählung rund sechstausend Personen auf einem Planeten von damals sechs Milliarden.

Primärquelle
David Rothkopf: Superclass: The Global Power Elite and the World They Are Making, Farrar, Straus and Giroux, 2008. Rothkopf war stellvertretender US-Handelsminister unter Clinton und ist seither als Publizist und Berater tätig.

Wichtig für die Einordnung: Rothkopf selbst weist die Verschwörungsdeutung ausdrücklich zurück. Der Ökonom Alan Blinder, ehemaliger Vize-Vorsitzender der US-Notenbank, bringt es in seiner Rezension auf den Punkt: Es gebe keine große Verschwörung, die die Welt regiere. Aber eine kleine, wenn auch vielfältige globale Elite komme dem nahe.

Rothkopf beschreibt sein Buch ausdrücklich als erste tiefgehende Untersuchung der Verbindungen zwischen den globalen Führungsgemeinschaften, die an der Spitze jedes bedeutenden Unternehmens auf dem Planeten stehen und dessen größten Reichtum kontrollieren — eine soziologische Netzwerkanalyse, gestützt auf Interviews und Originalrecherche, nicht auf Spekulation über geheime Absprachen.

Die Route, die Rothkopf für seine Recherche nahm, führt direkt zu den Institutionen, um die es im Folgenden geht: von den geheimen Treffen der Trilateralen Kommission und des Bohemian Grove bis zum aufstrebenden Boao-Forum für Asien.

2. Die Machtzirkel neben WEF und Bilderberg

BELEGT

Trilaterale Kommission

Gegründet im Juli 1973, hauptsächlich von David Rockefeller, dem damaligen Chef der Chase Manhattan Bank, zusammen mit Zbigniew Brzezinski. Zweck laut Gründungserklärung: engere Abstimmung zwischen Nordamerika, Westeuropa und Japan angesichts wachsender wirtschaftlicher und politischer Interdependenz.

David Rockefeller
Gründer, Chase Manhattan Bank · Bilderberg-Gründungsmitglied 1954
In seinen 2002 veröffentlichten Memoiren reagierte Rockefeller selbst auf jahrzehntelange Vorwürfe, er koordiniere globale Politik außerhalb demokratischer Prozesse. Sein Zitat, seither vielfach dokumentiert: er stehe zu diesem Vorwurf und sei stolz darauf.

Bemerkenswert ist die personelle Überschneidung mit der US-Regierung: Als Jimmy Carter, selbst Trilateral-Mitglied, 1976 die Präsidentschaft gewann, besetzte er zentrale Kabinettsposten mit Mitgliedern der Kommission — Brzezinski als Nationalen Sicherheitsberater, Cyrus Vance als Außenminister, Harold Brown als Verteidigungsminister, Walter Mondale als Vizepräsidenten. Diese Überschneidung ist über Parteigrenzen hinweg dokumentiert; George W. Bush und Bill Clinton werden ebenfalls als Mitglieder geführt.

Bohemian Grove

Jährliches, nicht-öffentliches Zusammentreffen einflussreicher US-Amerikaner (Politik, Wirtschaft, Militär, Kultur) im kalifornischen Redwood-Wald, organisiert vom privaten Bohemian Club. Rothkopf selbst nennt es als eines der zentralen Beobachtungsfelder seiner Recherche.

Boao-Forum für Asien

Chinas Gegenstück zu Davos, gegründet 2001 in der Provinz Hainan. Jährliches Treffen von Regierungs- und Wirtschaftsvertretern aus dem asiatisch-pazifischen Raum.

Group of Thirty (G30) & Council on Foreign Relations (CFR)

Beide sind ältere, stärker institutionalisierte Formate: die G30 als privater Zusammenschluss von Zentralbankern, Finanzministern und Akademikern zur Abstimmung globaler Finanzpolitik; der CFR als 1921 gegründeter außenpolitischer Think Tank mit engem Verhältnis zu US-Regierungspersonal über Administrationen hinweg.

ZirkelGegründetFokus
Bilderberg1954Transatlantische Politik/Wirtschaft
Trilaterale Kommission1973USA–Europa–Japan (später erweitert)
Council on Foreign Relations1921US-Außenpolitik
Group of Thirty1978Globale Finanzpolitik
Bohemian Grove1872 (Club) / Camp seit 1878Informeller US-Elitezirkel
WEF Davos1971Globale Wirtschaft/Politik
Boao-Forum2001Asiatisch-pazifische Wirtschaft

Was alle diese Formate eint, ist keine gemeinsame Agenda im Sinne einer Verschwörung — sondern ein gemeinsames Strukturmerkmal: informelle, nicht-öffentliche Abstimmung zwischen denselben wiederkehrenden Personenkreisen, unabhängig davon, welche Regierung gerade im Amt ist.

3. PPP: Wie private Macht sich in öffentliche Entscheidungen einschreibt

BELEGT

Der strukturelle Mechanismus, über den diese Netzwerke faktischen Einfluss auf Regierungshandeln gewinnen, hat einen Namen: Public-Private Partnership (PPP) beziehungsweise, in der Terminologie des WEF, "Multi-Stakeholder Governance".

Primärquelle
World Economic Forum: "The Global Redesign Initiative", November 2010. 600-seitiger Bericht, initiiert 2009 unter Leitung von Klaus Schwab (Exekutiv-Vorsitzender), Mark Malloch-Brown (damals Vize-Vorsitzender) und Richard Samans (Managing Director).

Das WEF beschreibt sein eigenes Ziel unverblümt: ein System, in dem die Stimme der Regierung eine unter vielen wird, ohne stets die letzte Instanz zu sein. Der Politikwissenschaftler Harris Gleckman, der den Bericht analysiert hat, nennt ihn den umfassendsten Vorschlag zur Neugestaltung globaler Governance seit der Formulierung der UN nach dem Zweiten Weltkrieg.

Konkret sichtbar wurde das Modell 2019, als die Vereinten Nationen eine strategische Partnerschaftsvereinbarung mit dem WEF unterzeichneten. Gleckman beschreibt dies als Schritt, der die UN faktisch in eine Public-Private Partnership verwandelt. Über 45 solcher multi-stakeholder Gremien setzen inzwischen branchenübergreifend Standards, Richtlinien und Regeln — von der Weltgesundheitsorganisation bis zur Klimapolitik.

EXTRAPOLATION

Ob dieses Modell demokratische Kontrolle tatsächlich aushöhlt oder lediglich ergänzt, ist eine Interpretationsfrage, keine Tatsachenfeststellung. Belegt ist der Mechanismus (Konzept, Dokument, Umsetzung in UN-Partnerschaften); nicht belegt — sondern Gegenstand normativer Debatte — ist die Bewertung seiner demokratischen Legitimität.

Der Übergang zu Teil 2

Superklasse, Machtzirkel und PPP-Strukturen erklären, wer an den entscheidenden Tischen sitzt und über welchen Mechanismus private Interessen sich in öffentliche Entscheidungen einschreiben. Sie erklären noch nicht, wie ökonomische Abhängigkeit von Staaten des globalen Südens historisch hergestellt wurde — und ob dafür tatsächlich koordinierte Akteure ("economic hit men") nötig waren, oder ob strukturelle Marktmechanismen ausreichen. Das ist Gegenstand von Teil 2.

Offene Frage: Ist die Überschneidung von Zirkelmitgliedschaft und Regierungsposten — wie im Fall der Carter-Administration 1976 — ein Ausdruck organisierter Einflussnahme, oder das erwartbare Resultat, wenn dieselbe kleine Gruppe hochqualifizierter Personen sowohl private Netzwerke als auch öffentliche Ämter besetzt?
Serie: Superklasse & Machtzirkel — Teil 1 von 2
Weiter: Teil 2 — Die Schuldenfalle: Hitman-Erzählung vs. Strukturerklärung
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