Jedes Jahr im Frühjahr verkündet das Bundesinnenministerium: Die Kriminalität in Deutschland sinkt. Jedes Jahr fragen sich Menschen, warum sich das nicht so anfühlt. Ein Blick in die Zahlen zeigt: Beide Wahrnehmungen sind richtig — sie messen nur nicht dasselbe.
Drei Mechanismen sorgen aktuell dafür, dass eine einzelne Kennzahl — "die Kriminalität insgesamt" oder "der Ausländeranteil an der Kriminalität" — ein anderes Bild zeichnet als die Zusammensetzung darunter. Keiner dieser Mechanismen ist eine Verschwörung. Alle drei sind offizielle, dokumentierte Effekte von Gesetzesänderungen und Zähllogik — aber sie werden in der öffentlichen Debatte selten mitgeliefert.
Die Schlagzeile "Kriminalität sinkt" stimmt auf den ersten Blick: 2024 registrierte die Polizei rund 5,84 Millionen Straftaten, 1,7 Prozent weniger als im Vorjahr. Das Bundesinnenministerium selbst nennt den Grund direkt: die Teillegalisierung von Cannabisbesitz und -anbau seit April 2024. Ein ganzer Deliktbereich ist über Nacht keine Straftat mehr — das senkt die Gesamtzahl, sagt aber nichts über die tatsächliche Sicherheitslage.
BELEGTWährend die Gesamtzahl sinkt, steigen ausgerechnet die Deliktbereiche, die das Sicherheitsgefühl am stärksten prägen — seit Jahren, nicht nur punktuell:
| Delikt | Entwicklung |
|---|---|
| Gewaltkriminalität gesamt | +1,5 % (2024) auf 217.277 Fälle |
| Messerangriffe | 29.014 Fälle (2024), +0,8 % (2025) |
| Vergewaltigung / sexuelle Nötigung | +9,3 % (2024), +9,0 % (2025) — 6. Anstieg in Folge |
| Vergewaltigung seit 2018 | +72 % |
| Schusswaffengebrauch bei Gewaltkriminalität | +9,7 % (2025) — Höchststand seit 2016 |
Fairerweise gehört dazu: Das BKA selbst nennt bei Sexualdelikten auch eine gestiegene Anzeigebereitschaft als möglichen Teilgrund für den Anstieg — nicht jede zusätzlich gezählte Tat ist zwangsläufig eine zusätzlich begangene Tat. Der mehrjährige, breite Trend über sechs Jahre hinweg lässt sich damit allein aber nicht erklären.
EXTRAPOLATIONDer Ausländeranteil an der Gefängnispopulation liegt aktuell bei rund 44 Prozent aller in Justizvollzugsanstalten untergebrachten Personen (inklusive Untersuchungshaft) — bei den verurteilten Strafgefangenen allein sind es 37 bis 39 Prozent. Diese Zahl kann sich verändern, ohne dass sich an der Kriminalitätsbelastung einer Person irgendetwas ändert: durch Einbürgerung.
Der Mechanismus dahinter ist einfach: Sobald eine Person eingebürgert wird, zählt sie in der Polizeilichen Kriminalstatistik als "deutsch" — unabhängig davon, ob vorher oder nachher ein Strafverfahren gegen sie läuft. Der ausgewiesene "Ausländeranteil an der Kriminalität" sinkt dadurch rein rechnerisch, ohne dass sich am tatsächlichen Verhalten von irgendjemandem etwas ändert. NRW hat mit der separaten Doppelpass-Erfassung genau diesen Effekt sichtbar machen wollen — das ist der seltene Fall, in dem eine Landesbehörde die eigene Statistik-Systematik selbst hinterfragt.
BELEGTZur Fairness gehört auch die Gegenposition: Einbürgerung ist an Voraussetzungen geknüpft — Mindestaufenthaltsdauer, Deutschkenntnisse, gesicherter Lebensunterhalt. Eingebürgerte sind damit eine vorselektierte Gruppe, die im Schnitt länger in Deutschland integriert ist als frisch Angekommene. Ein Teil des sinkenden "Ausländeranteils" könnte also durchaus reale, nicht nur statistische Verbesserung widerspiegeln. Beide Effekte — Verwässerung und echte Verbesserung — dürften gleichzeitig wirken; wie groß jeder Anteil ist, lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht auseinanderrechnen.
EXTRAPOLATIONDer bundesweite Durchschnitt von 44 Prozent Ausländeranteil in JVA verdeckt eine erhebliche Spannbreite zwischen den Bundesländern:
| Bundesland | Ausländeranteil JVA |
|---|---|
| Berlin | 58,9 % |
| Hamburg | ~58 % |
| Bayern, Baden-Württemberg, Hessen | jeweils > 50 % |
| Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen | ~25 % |
Die Differenz folgt erkennbar der Siedlungsstruktur von Zuwanderung seit den 1960er-Jahren und der jüngeren Fluchtmigration seit 2015 — Stadtstaaten und wirtschaftsstarke Flächenländer haben historisch höhere Ausländeranteile in der Gesamtbevölkerung, ostdeutsche Flächenländer deutlich niedrigere. Eine bundesweite Durchschnittszahl allein sagt daher wenig über die Situation vor Ort aus.
EXTRAPOLATIONOffen bleibt, wie sich der Doppelpass-Erfassungsversuch aus NRW entwickelt — ob andere Bundesländer nachziehen oder das Land isoliert bleibt. Offen bleibt auch, wie viel vom sinkenden Ausländeranteil an der Kriminalität echte Integration ist und wie viel reine Verschiebung in die Zählkategorie "deutsch". Und offen bleibt, ob die für 2026 fällige Evaluierung migrationspolitischer Reformen diese Definitionsfragen überhaupt aufgreift — oder ob auch sie sich auf die eine, große, wenig aussagekräftige Gesamtzahl beschränkt.