Die dunkle Seite der SPD — Teil 1: Der Pakt vor der Partei
Zwölf Tage bevor die erste deutsche Arbeiterpartei gegründet wurde, schrieb ihr Reichskanzler-Gegenspieler dem Gründer einen Brief. Was der 1928 veröffentlichte Briefwechsel zwischen Ferdinand Lassalle und Otto von Bismarck zeigt — und was nicht.
1. Die Gründung: Leipzig, 23. Mai 1863
Am 23. Mai 1863 gründeten Ferdinand Lassalle und zwölf Delegierte aus elf Städten im Leipziger „Pantheon" den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) — die erste eigenständige Arbeiterpartei auf deutschem Boden und die unmittelbare Vorläuferorganisation der heutigen SPD. Lassalle wurde mit neun von zehn Stimmen für fünf Jahre zum Präsidenten gewählt.
Das offizielle Gründungsjahr der SPD ist bis heute 1863 — die Partei selbst zählt in Jubiläumsjahren von diesem Datum. Was in den meisten Darstellungen fehlt, ist der Kontext, in dem diese Gründung stattfand: Zwölf Tage zuvor hatte der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck dem künftigen Parteigründer persönlich geschrieben.
2. Der Briefwechsel: Was belegt ist
1928 veröffentlichte der Historiker Gustav Mayer erstmals den vollständigen Briefwechsel zwischen Bismarck und Lassalle — 21 Dokumente aus den Jahren 1863 und 1864, ergänzt um Schreiben von Zwischenpersonen wie Polizeipräsident von Bernuth. Die Originale galten damals als Sensation: Der spätere „Eiserne Kanzler" und der Gründer der ersten Arbeiterpartei hatten monatelang direkten Kontakt gehalten — Jahrzehnte bevor Bismarck 1878 mit dem Sozialistengesetz gegen genau diese Bewegung vorging.
Bismarck schreibt Lassalle erstmals: Er wolle „die gutachtlichen Äußerungen unabhängiger Männer" zur „Frage der arbeitenden Klassen" hören. Das Schreiben trägt Bismarcks eigenhändige Unterschrift. Die Initiative ging von Bismarck aus — zwölf Tage vor der ADAV-Gründung. BELEGT
In den folgenden Monaten treffen sich beide mehrfach persönlich. Lassalle wirbt für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht sowie für staatlich kreditierte Arbeiter-Produktivgenossenschaften. BELEGT
Lassalle an Bismarck, wörtlich: „Sie müssen das allgemeine und direkte Wahlrecht vor dem Krieg geben" — mit der Warnung, es wirke danach als Schwächezeichen, andernfalls drohten „Emeuten und Insurrektionen". BELEGT
Lassalle stirbt an den Folgen eines Duells. Der direkte Kontakt zu Bismarck endet.
Bismarck bestätigt die Treffen erstmals öffentlich — im Reichstag, in der Debatte über das Sozialistengesetz. Er habe Lassalle „dreimal, meinethalben viermal" getroffen, in „stundenlangen" Gesprächen. Lassalle sei „einer der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen" gewesen, die er je getroffen habe. Zugleich bestreitet Bismarck, es habe sich um politische Verhandlungen gehandelt. BELEGT
3. Cui bono? Zwei Rechnungen, ein Motiv
Was beide Seiten von dem Kontakt erwarteten, ist aus den Dokumenten selbst rekonstruierbar. Lassalle wollte das allgemeine Wahlrecht — und hoffte, es eher von einer autoritären Monarchie zu bekommen als von den liberalen Bürgerparteien, die er als Hauptgegner der Arbeiterbewegung ansah. Bismarck wiederum suchte einen Hebel gegen genau diese liberale Bürgerbewegung: eine Arbeiterschaft, die er gegen das liberale Bürgertum ausspielen konnte.
Was nicht belegt ist: ein förmliches Abkommen, eine Gegenleistung oder Zahlungen. Wer das behauptet, geht über die Aktenlage hinaus. Ebenso wenig ist Bismarcks Zählung von 1878 — „dreimal, meinethalben viermal" — als exakte Angabe zu nehmen: Sie stammt aus einer politischen Verteidigungsrede, 14 Jahre nach den Ereignissen, in der Bismarck zugleich bestritt, dass es „Verhandlungen" gewesen seien. Das steht in Spannung zum Briefwechsel selbst, in dem Lassalle sehr konkrete politische Forderungen stellt.
4. Moses Hess: Mitgründer oder Legende?
In Darstellungen der frühen Sozialdemokratie taucht gelegentlich der Name Moses Hess als „Mitgründer der SPD" auf. Das lässt sich anhand der Quellenlage nicht halten — aus einem einfachen Grund: Moses Hess starb am 6. April 1875. Die SPD als Partei dieses Namens entstand erst 1890. Auch ihre unmittelbare Vorläuferpartei, die auf dem Gothaer Vereinigungsparteitag gegründete Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), wurde erst am 22. Mai 1875 gegründet — sechs Wochen nach Hess' Tod.
Was tatsächlich belegt ist: Hess war 1863 „Bevollmächtigter des ADAV für Köln" — ein von Lassalle eingesetztes lokales Funktionärsamt, keine Gründungsrolle. In keiner der überlieferten Delegiertenlisten der Leipziger Gründungsversammlung erscheint sein Name. Bekannter ist seine frühere Rolle: Als Mitgründer und Redakteur der Rheinischen Zeitung (1842/43) brachte er Karl Marx und Friedrich Engels zusammen. Engels selbst schrieb 1843 über ihn, er sei „der erste Kommunist der Partei" gewesen.
BELEGT Bevollmächtigter des ADAV für Köln, 1863 (Deutsche Biographie: deutsche-biographie.de/sfz31857.html). Mitwirkung an der Rheinischen Zeitung, 1842/43 (LVR-Portal Rheinische Geschichte). Engels über Hess: „the first Communist of the party", The New Moral World, 18.11.1843 (marxists.org/archive/marx/works/1843/11/18.htm).
5. Von der Spaltung zur Einheit: ADAV, SDAP, SAP, SPD
Die deutsche Sozialdemokratie entstand nicht aus einer, sondern aus zwei konkurrierenden Organisationen, die erst nach zwölf Jahren zusammenfanden.
| Datum | Ereignis | Ort / Personen |
|---|---|---|
| 23.5.1863 | Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) | Leipzig · Ferdinand Lassalle, Präsident |
| 7.–9.8.1869 | Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), „Eisenacher" | Eisenach · August Bebel, Wilhelm Liebknecht |
| 22.–27.5.1875 | Vereinigung von ADAV und SDAP zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) | Gotha · ADAV-Auflösung 28.5.1875 |
| 12.–18.10.1890 | Umbenennung der SAP in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) | Halle an der Saale |
Die Partei, die 1878 zum ersten Ziel von Bismarcks Unterdrückungsgesetzen wurde, war zwölf Jahre zuvor mit seinem Wissen und auf seine erste Anregung hin gegründet worden. Beide Fakten sind belegt. Was daraus folgt — Instrumentalisierung, gescheiterte Kooptation oder schlichte Machtpolitik auf beiden Seiten — beantworten die Quellen nicht eindeutig.
Teil 2 dieser Serie dokumentiert, was aus dieser Partei in der Novemberrevolution 1918/19 wurde: den Ebert-Groener-Pakt, Gustav Noskes Freikorps-Einsatz und die bis heute ungeklärte Rolle bei der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.