Im November 2025 berichtet BR24, dass die Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft (SPIO) vierzehn Personen die Ehrenmedaille aberkannt hat, nachdem ein Gutachten des Historikers Bernhard Gotto vom Münchner Institut für Zeitgeschichte ihre NS-Vergangenheit untersucht hatte. Betroffen sind unter anderem der Produzent Ludwig "Luggi" Waldleitner, die Regisseurin und Schauspielerin Leni Riefenstahl, die Schauspielerin Olga Tschechowa — und der 1994 verstorbene Heinz Rühmann, der die Medaille 1972 erhalten hatte.
Der Befund zu Rühmann ist differenziert: kein NSDAP-Mitglied, aber laut Gutachten "systemloyal" — ebenso wie seine Kollegin Olga Tschechowa, die als "Hitlers Tischdame" bekannt war. Wörtlich heißt es im BR24-Bericht über beide: Sie hätten die materiellen Privilegien und die Wertschätzung von NS-Potentaten wie Hitler, Goebbels und Göring genossen.
Eine posthume Aberkennung nach über fünfzig Jahren ändert nichts mehr am Handeln der Betroffenen — sie ist reine Symbolpolitik der Institution, die die Auszeichnung einst vergeben hat. Das macht sie nicht falsch, aber es lohnt sich, die Geste einzuordnen: Erinnerungskultur, die sich ausschließlich rückwärts richtet, ist folgenlos für die Gegenwart. Die eigentlich interessante Frage lautet nicht, ob die historische Neubewertung korrekt ist — das Gutachten ist sauber quellenbasiert —, sondern: Wird dieselbe Wachsamkeit auch auf aktuelle Machtstrukturen angewendet?
dunkelfeld.report hat in zwei Dossiers dokumentiert, wie sich historische Kontrollmechanismen in heutiger Form fortsetzen — mit erheblich geringerer öffentlicher und institutioneller Aufmerksamkeit als bei der Rühmann-Causa:
| Vergangenheit | Aufarbeitungstempo | Gegenwart | Aufarbeitungstempo |
|---|---|---|---|
| NS-Filmschaffende, "systemloyal" | 53 Jahre bis zur Neubewertung, breite Medienberichterstattung | Digitale Identifikationsinfrastruktur (Hollerith → eIDAS 2.0) | Laufender Aufbau, kaum kritische Begleitung — siehe Dossier #15 |
| NS-Propagandaapparat | Historikerstreit, Wehrmachtsausstellung, jahrzehntelange Forschung | Faktenchecker-Finanzierung und Deutungshoheit (CeMAS u.a.) | Kaum öffentliche Debatte über Finanzierungsstrukturen — siehe Dossier #10 |
EXTRAPOLATION Die Gegenüberstellung ist eine strukturelle Beobachtung, keine Gleichsetzung der historischen Kategorien. NS-Diktatur und Massenmord einerseits, gegenwärtige Kontroll- und Deutungsmechanismen einer Demokratie andererseits, sind nicht vergleichbar in ihrem Ausmaß. Vergleichbar ist lediglich das Muster: Institutionen, die sich Erinnerungskultur zuschreiben, richten ihre Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf abgeschlossene Kapitel — und deutlich seltener auf Prozesse, die sich gerade erst formieren.
OFFEN Ob diese Zurückhaltung struktureller Vorsicht geschuldet ist (laufende Prozesse sind schwerer zu beurteilen als abgeschlossene), politischer Bequemlichkeit, oder schlicht daran liegt, dass historische Curricula und Gedenkstätten-Arbeit über Jahrzehnte gewachsene Institutionen sind, während Kritik an Gegenwartsprozessen erst im Entstehen begriffen ist — bleibt eine offene Frage.