Teil 1 dokumentierte das Netzwerk hinter den Rettungsorganisationen. Dieser Teil prüft die zentrale inhaltliche Streitfrage — wirkt Seenotrettung als Anreiz für riskantere Überfahrten? — und ordnet sie in ein größeres Bild ein: Wer rettet tatsächlich wie viele Menschen, wie behindert der italienische Staat die zivile Flotte, und wie finanziert dieselbe EU parallel eine Küstenwache, die auf Rettungsschiffe schießt.
Die These: Die Präsenz ziviler Rettungsschiffe senke das Risiko der Überfahrt und erhöhe dadurch die Zahl der Menschen, die sie wagen — womit NGOs indirekt das Geschäftsmodell der Schleuser stützten. Die Forschungslage dazu ist tatsächlich gespalten, nicht einseitig entschieden. BELEGT
Steinhilper & Gruijters (2018, Sociology): Vergleich von Phasen hoher und niedriger Rettungskapazität zeigt keinen Zusammenhang zur Zahl der Überfahrten.
DeZIM-Institut / Universität Potsdam (2023): Auswertung von Frontex-, IOM- und Küstenwache-Daten 2011–2020 findet keinen Effekt der Seenotrettung auf Überfahrtszahlen; Wetter und Herkunftslandkrisen wirken stärker.
Migration Policy Center / Iacus u.a. (2023, Scientific Reports): Bayesianisches Zeitreihenmodell über drei Politikphasen (Mare Nostrum, private SAR, libysche Pushbacks) findet keinen kausalen Zusammenhang.
Deiana, Maheshri & Mastrobuoni (Ökonomen, Cagliari/Houston/Turin): Ökonometrisches Modell (Daten 2009–2017) kommt zum Schluss, dass Rettung die Überfahrt faktisch verbilligt und so die Nachfrage erhöht — der Sicherheitsgewinn werde teilweise von Schleusern abgeschöpft, die dadurch billigere, gefährlichere Boote einsetzen.
Beide Lager arbeiten mit unterschiedlichen Zeiträumen, Methoden (Zeitreihenmodelle vs. ökonometrische Kausalmodelle) und Datensätzen — ein methodischer Konsens existiert nicht. Wer eine Seite als "die Wissenschaft" darstellt, unterschlägt die andere. OFFEN
Um den Pull-Faktor überhaupt plausibel einordnen zu können, braucht es die Größenordnung: Welchen Anteil an allen Mittelmeer-Ankünften haben NGO-Schiffe tatsächlich?
Der weit überwiegende Teil der in Italien ankommenden Geretteten wird von der italienischen Küstenwache und der Guardia di Finanza aufgenommen — nicht von den medienpräsenten NGO-Schiffen. BELEGT
Das relativiert die Debatte in beide Richtungen: Der quantitative Effekt der zivilen Flotte auf die Gesamtankünfte ist strukturell begrenzt (sie rettet einen zweistelligen Prozentsatz der Ankommenden) — was sowohl gegen einen großen Pull-Effekt als auch gegen die Erzählung spricht, NGOs seien der Haupttreiber der irregulären Migration. EXTRAPOLATION
Seit dem "Piantedosi-Dekret" (Dezember 2022, unter der Regierung Meloni) gilt für NGO-Schiffe ein Verhaltenskodex: Nach einer einzigen Rettungsaktion muss sofort ein zugewiesener Hafen angesteuert werden — oft weit entfernt in Norditalien statt im nahegelegenen Sizilien. Weitere Notrufe dürfen dabei formal nicht mehr beantwortet werden. Verstöße drohen mit Bußgeldern bis 50.000 Euro oder Beschlagnahmung. BELEGT
Ärzte ohne Grenzen dokumentierte für ihr Schiff "Geo Barents": Zwischen Dezember 2022 und Dezember 2024 wurde es viermal festgesetzt (160 Hafentage) und musste wegen der Fernzuweisungen 163 zusätzliche Tage auf See mit 64.966 zusätzlichen Kilometern zurücklegen. Die Organisation stellte den Einsatz Ende 2024 ganz ein. Das italienische Piantedosi-Gesetz habe zivile Rettungsschiffe seit 2023 insgesamt für 1.075 Tage blockiert. BELEGT
Die italienische Regierung begründet die Praxis mit der Einstufung ziviler Seenotretter als Pull-Faktor; NGO-Vertreter werten sie als gezielte Strategie, die Schiffe so lange wie möglich vom Einsatzgebiet fernzuhalten und ihre Betriebskosten zu erhöhen. BELEGT (als dokumentierte, gegensätzliche Positionen — die tatsächliche Absicht bleibt OFFEN)
Während Deutschland (zeitweise) die zivile Seenotrettung mitfinanzierte, finanziert die EU parallel den Aufbau der libyschen Küstenwache — jener Kraft, die Geflüchtete abfängt und nach Libyen zurückbringt, wo laut UN-Menschenrechtsrat systematische Menschenrechtsverletzungen dokumentiert sind. BELEGT
Über das SIBMMIL-Projekt erhielt die libysche Küstenwache mehrere Patrouillenboote der "Corrubia-Klasse". Im August 2025 dokumentierte Correctiv anhand von Bildmaterial, dass mutmaßlich eines dieser EU-mitfinanzierten Boote das Rettungsschiff "Ocean Viking" 20 Minuten lang mit scharfer Munition beschoss. BELEGT
Die libysche Küstenwache fing laut EU-Kommissionsangaben allein 2024 rund 22.000 Menschen ab, größtenteils in internationalen Gewässern. BELEGT
Hier liegt der eigentliche "Zwei Seiten, eine Agenda"-Befund dieser Recherche: Derselbe europäische Staatenverbund finanziert gleichzeitig (a) den Aufbau einer Küstenwache, die Menschen abfängt und in ein Land zurückbringt, in dem ihnen laut UN-Dokumentation Folter und Zwangsarbeit drohen, und (b) — zumindest zeitweise und in geringerem Umfang — zivile Organisationen, die genau diese Menschen zu retten versuchen. Das ist keine einheitliche Politik, sondern zwei gegenläufige Programme verschiedener Ressorts (Innen/Migration vs. Menschenrechte/Kirche), die nebeneinander laufen. EXTRAPOLATION — strukturell dokumentierbar, ohne dass einem einzelnen Akteur Doppelmoral unterstellt wird.
| Akteur | Finanziert / tut | Größenordnung |
|---|---|---|
| Ziviles Bündnis (U4R u.a.) | Rettung im Mittelmeer | ca. 12% der Ankünfte in Italien |
| Italienische Küstenwache | Rettung + Hafenzuweisungspolitik | Großteil der Ankünfte in Italien |
| Libysche/tunesische Küstenwache (EU-finanziert) | Abfangen + Rückführung nach Libyen | ca. 40% (zentrales Mittelmeer, 2024) |
| Deutscher Bund | zeitweise Förderung U4R + größter EUTF-Beitragszahler | 8 Mio. € (U4R, nicht ausgezahlt) / 160 Mio. € (EUTF gesamt) |