Verse wie Sure 9:5 oder 2:191 tauchen in zwei fast identischen Kontexten auf: in Propaganda-Collagen, die "den Islam" pauschal als Gewaltreligion zeigen wollen — und in Rekrutierungsmaterial islamistischer Gruppen, die genau dieselben Halbsätze als Handlungsanweisung zitieren. Beide Seiten schneiden denselben Vers an derselben Stelle ab. Das ist kein Zufall, sondern eine gemeinsame Technik: historische Kriegsverse aus einer konkreten Konfliktsituation in Medina werden aus ihrem Satzzusammenhang und ihrer Zeitbindung gelöst und als zeitlose Universalregel präsentiert.
Die naheliegende Frage: Warum widersprechen islamische Autoritäten dieser doppelten Instrumentalisierung nicht lauter und sichtbarer? Die Antwort ist strukturell, nicht moralisch — und genau das macht sie zu einem Fall für die Cui-bono-Analyse.
Anders als die katholische Kirche mit ihrem Kirchenrecht und ihrer lehramtlichen Hierarchie kennt der Islam keine vergleichbare Struktur mit Organen, die weltweit verbindliche Auslegungen festlegen könnten. Es gibt konkurrierende Rechtsschulen, nationale Verbände, einzelne Gelehrte und Fatwa-Räte — aber keine Instanz, die einen Vers "für ungültig erklären" und diese Erklärung durchsetzen kann. Wer also fragt "warum sagt der Islam nicht einfach X", unterstellt eine Organisationsform, die es schlicht nicht gibt.
Reformorientierte muslimische Stimmen — etwa die frühere Bundestagsabgeordnete Lale Akgün oder der Islamtheologe Mouhanad Khorchide — kritisieren seit Jahren, dass seit Langem etablierte, konservative Islamverbände einen bestimmenden Einfluss darauf ausüben, wie der Koran in Deutschland ausgelegt und damit definiert wird, was als "Islam" gilt und was nicht. Liberale, historisch-kontextualisierende Lesarten bleiben dadurch strukturell in der Minderheit — nicht weil sie theologisch schwächer wären, sondern weil ihnen die organisatorische Reichweite und mediale Präsenz der etablierten Verbände fehlt.
Nach islamistischen Anschlägen folgen regelmäßig Distanzierungserklärungen der großen Verbände — diese Distanzierung von der Tat gab es wiederholt. Kritisiert wurde jedoch etwas Anderes: dass auf die eigentliche theologische Auseinandersetzung — also eine öffentliche, sichtbare Revision der Auslegungsmethode selbst — regelmäßig verzichtet wird. Der Vorwurf richtet sich also nicht gegen fehlende Empörung, sondern gegen die ausbleibende inhaltliche Arbeit an der Interpretation.
Die Konrad-Adenauer-Stiftung argumentiert pointiert gegen die Verengung der Debatte auf Verstexte: Nicht der Koranvers erzeuge Radikalisierung, sondern das soziale Klima — unwidersprochene Abwertung von Nichtmuslimen im Alltag einer Gemeinde, das Gefühl, als Muslim grundsätzlich als "Gegner" der Gesellschaft zu gelten. Nach dieser Lesart wäre die Forderung nach einer "Vers-Revision" ein Ablenkungsmanöver von der eigentlichen Front: dem, was in Moscheegemeinden alltäglich toleriert oder eben nicht toleriert wird. Diese Position verdient dasselbe Gewicht wie die strukturkritische — beide schließen sich nicht gegenseitig aus.
Ebenfalls zur Fairness gehört: Reformstimmen wie Khorchide oder liberale Verbände wie der Bund für Islam und Gesellschaft existieren und positionieren sich öffentlich — sie erreichen nur strukturell weniger Sichtbarkeit als die etablierten konservativen Dachverbände.
Drei Interessenlagen profitieren strukturell vom Status quo — nicht aus einer gemeinsamen Absicht heraus, sondern weil ihre jeweiligen Anreize in dieselbe Richtung zeigen: Etablierte konservative Verbände verlieren durch eine öffentliche Revisionsdebatte an interpretatorischer Autorität. Islamistische Gruppen brauchen die dekontextualisierte, zeitlose Lesart als Rekrutierungsgrundlage. Und antiislamische Propaganda-Ersteller brauchen exakt dieselbe unkommentierte Lesart als Beweisstück für ihre Pauschalthese. Die historisch-kontextualisierende Position — die einzige, die alle drei Interessen schwächt — bleibt dadurch strukturell unterfinanziert und medial unterrepräsentiert.
Die Frage "warum wirken Imame nicht stärker darauf ein" unterstellt eine handlungsfähige Zentrale, die es im Islam nicht gibt. Die eigentliche Schwachstelle liegt woanders: in der strukturellen Übermacht konservativer Verbände gegenüber reformorientierten Stimmen — eine Schieflage, die Islamisten und Islamfeinde gleichermaßen für ihre je eigene Erzählung nutzen können.