Teil 1 dieser Serie hat gezeigt, wer an den entscheidenden Tischen sitzt und über welchen Mechanismus (PPP/Multi-Stakeholder-Governance) privater Einfluss sich in öffentliche Politik einschreibt. Dieser Teil geht der wohl bekanntesten Einzelerzählung über gezielte ökonomische Fremdbestimmung nach: der Behauptung, es habe "economic hit men" gegeben, die im Auftrag von US-Konzernen und -Institutionen Entwicklungsländer in Schuldenfallen lockten. Und er stellt dieser Erzählung die im Fachdiskurs anerkannte strukturelle Erklärung gegenüber.
Perkins beschreibt seine Rolle so: Er sei damit beauftragt gewesen, Regierungen von Entwicklungsländern zur Aufnahme überdimensionierter Infrastrukturkredite zu bewegen — finanziert von Weltbank, IWF und US-Behörden, ausgeführt von US-Konzernen wie Bechtel, Halliburton und Brown & Root. Sein eigener Begriff für die Zielgruppe: hochbezahlte Fachleute, die Länder auf der ganzen Welt um Billionen Dollar betrügen und Gelder von Weltbank und US-Entwicklungshilfe in die Kassen von Großkonzernen und wohlhabenden Familien umleiten.
Konkret benennt Perkins unter anderem Indonesien und Panama als Fallbeispiele: Länder würden zur Kreditaufnahme für Großprojekte bewegt, die vor allem US-Firmen zugutekämen; könnten die Kredite nicht bedient werden, übernähmen US-Regierung, Weltbank oder IWF faktisch die Budget- und Sicherheitspolitik des Landes.
Einar Greve, ehemaliger Vizepräsident von Chas. T. Main und derjenige, der Perkins ursprünglich einstellte, bestätigt den Kern der Erzählung, distanziert sich aber von den dramatischeren Details: im Grunde stimme Perkins' Geschichte — es habe eine Abmachung gegeben, diese Länder in Abhängigkeit zu bringen, und das sei auch geschehen. Ob es sich dabei um ein finsteres Komplott gehandelt habe, sei Interpretationssache, aber viele dieser Länder seien noch immer verschuldet und hätten ihre Kredite nie zurückzahlen können.
Mehrere Kernelemente der Erzählung gelten als unbelegt oder widerlegt:
Die Hitman-Erzählung lässt sich damit weder als reine Erfindung noch als vollständig belegtes Komplott einstufen. Der strukturelle Grundmechanismus (Kreditvergabe → Abhängigkeit → externe Kontrolle) wird von einem Insider bestätigt; die dramatisierten Einzeldetails (Geheimdienst-Rekrutierung, Verführungsszene) gelten als unbelegt bis widerlegt.
Unabhängig von der Frage, ob es koordinierte "Hitmen" gab, existiert eine im Fachdiskurs breit anerkannte Erklärung für dieselben Schuldenkrisen — ganz ohne Annahme gezielter Absicht einzelner Akteure.
Die Wirtschaftsforschung ist sich uneinig, wie stark genau der Volcker-Schock im Vergleich zu anderen Faktoren wog — eine neuere quantitative Studie kommt sogar zu dem Ergebnis, der Zinsschock sei für die gebündelten Zahlungsausfälle der 1980er nicht der entscheidende Faktor gewesen; wichtiger sei ein globaler Schock bei der Produktivität gewesen. Unstrittig ist aber der Gesamtrahmen: Eine sprunghafte Zinserhöhung der Fed erzeugte einen Dreifachschlag — die USA rutschten in eine tiefe Rezession, Rohstoffpreise brachen ein, und Lateinamerikas Kapitalzuflüsse kehrten sich abrupt um.
Diese Erklärung benötigt keine Absicht: US-Notenbank folgt ihrem Inflationsmandat, Geschäftsbanken folgen ihrer Gewinnlogik, IWF und Weltbank folgen ihrem satzungsgemäßen Auftrag zur Krisenintervention. Das Ergebnis — Abhängigkeit und externe Budgetkontrolle über Strukturanpassungsprogramme — ist strukturell identisch mit dem, was Perkins beschreibt, ohne dass ein koordinierter Plan dafür angenommen werden müsste.
Die beiden Modelle schließen sich nicht gegenseitig aus. Es ist möglich, dass einzelne Berater und Institutionen im Sinne von US-Wirtschaftsinteressen handelten (Motivebene), während gleichzeitig ein makroökonomischer Schock unabhängig davon dieselbe Verschuldungsdynamik in Dutzenden Ländern gleichzeitig auslöste (Strukturebene). Beide Ebenen zu vermischen — Einzelfall-Motivunterstellung und globale Strukturkrise als ein und dasselbe Phänomen zu behandeln — ist der Punkt, an dem die Hitman-Erzählung ihre Beweiskraft überdehnt.