dunkelfeld.report · Teil 2 von 2 · Machtstrukturen

Die Schuldenfalle
Hitman-Erzählung vs. Strukturerklärung

Wurden Entwicklungsländer in den 1970er/80er Jahren von "economic hit men" gezielt in die Abhängigkeit getrieben — oder erklärt sich dieselbe Schuldenfalle vollständig durch Zinsschock und Rohstoffpreise, ganz ohne koordinierte Akteure? Zwei Erklärungsmodelle im Vergleich.

Teil 1 dieser Serie hat gezeigt, wer an den entscheidenden Tischen sitzt und über welchen Mechanismus (PPP/Multi-Stakeholder-Governance) privater Einfluss sich in öffentliche Politik einschreibt. Dieser Teil geht der wohl bekanntesten Einzelerzählung über gezielte ökonomische Fremdbestimmung nach: der Behauptung, es habe "economic hit men" gegeben, die im Auftrag von US-Konzernen und -Institutionen Entwicklungsländer in Schuldenfallen lockten. Und er stellt dieser Erzählung die im Fachdiskurs anerkannte strukturelle Erklärung gegenüber.

1. Die Hitman-Erzählung

OFFEN / TEILWEISE BESTRITTEN
Primärquelle
John Perkins: Confessions of an Economic Hit Man, Berrett-Koehler Publishers, 2004. Perkins arbeitete 1971–1981 als Chefökonom für die Beratungsfirma Chas. T. Main in Boston.

Perkins beschreibt seine Rolle so: Er sei damit beauftragt gewesen, Regierungen von Entwicklungsländern zur Aufnahme überdimensionierter Infrastrukturkredite zu bewegen — finanziert von Weltbank, IWF und US-Behörden, ausgeführt von US-Konzernen wie Bechtel, Halliburton und Brown & Root. Sein eigener Begriff für die Zielgruppe: hochbezahlte Fachleute, die Länder auf der ganzen Welt um Billionen Dollar betrügen und Gelder von Weltbank und US-Entwicklungshilfe in die Kassen von Großkonzernen und wohlhabenden Familien umleiten.

Konkret benennt Perkins unter anderem Indonesien und Panama als Fallbeispiele: Länder würden zur Kreditaufnahme für Großprojekte bewegt, die vor allem US-Firmen zugutekämen; könnten die Kredite nicht bedient werden, übernähmen US-Regierung, Weltbank oder IWF faktisch die Budget- und Sicherheitspolitik des Landes.

Was von Dritten bestätigt wird

Einar Greve, ehemaliger Vizepräsident von Chas. T. Main und derjenige, der Perkins ursprünglich einstellte, bestätigt den Kern der Erzählung, distanziert sich aber von den dramatischeren Details: im Grunde stimme Perkins' Geschichte — es habe eine Abmachung gegeben, diese Länder in Abhängigkeit zu bringen, und das sei auch geschehen. Ob es sich dabei um ein finsteres Komplott gehandelt habe, sei Interpretationssache, aber viele dieser Länder seien noch immer verschuldet und hätten ihre Kredite nie zurückzahlen können.

Was bestritten wird

Mehrere Kernelemente der Erzählung gelten als unbelegt oder widerlegt:

EINORDNUNG

Die Hitman-Erzählung lässt sich damit weder als reine Erfindung noch als vollständig belegtes Komplott einstufen. Der strukturelle Grundmechanismus (Kreditvergabe → Abhängigkeit → externe Kontrolle) wird von einem Insider bestätigt; die dramatisierten Einzeldetails (Geheimdienst-Rekrutierung, Verführungsszene) gelten als unbelegt bis widerlegt.

2. Die Strukturerklärung

BELEGT

Unabhängig von der Frage, ob es koordinierte "Hitmen" gab, existiert eine im Fachdiskurs breit anerkannte Erklärung für dieselben Schuldenkrisen — ganz ohne Annahme gezielter Absicht einzelner Akteure.

1970er
Zwei große Ölpreisschocks erzeugen bei ölimportierenden Ländern Lateinamerikas Leistungsbilanzdefizite, bei Öl-Exporteuren hingegen Kapitalüberschüsse. US-Großbanken vermitteln zwischen beiden Gruppen: Sie nehmen die Öl-Petrodollars auf und verleihen sie günstig an Lateinamerika weiter.
1979/1981
Die US-Notenbank unter ihrem neuen Vorsitzenden Paul Volcker erhöht die Leitzinsen drastisch, um die heimische Inflation zu bekämpfen — von 9,5 Prozent im August 1979 auf über 16 Prozent im Mai 1981. Da ein Großteil der Auslandsschulden variabel verzinst war, schießen die Schuldendienstkosten der Entwicklungsländer in die Höhe.
Parallel
Rohstoffpreise brechen ein, Exporteinnahmen der Schuldnerländer sinken gleichzeitig.
1982
Mexiko erklärt die Zahlungsunfähigkeit, es folgt eine Kettenreaktion von Staatsbankrotten in Argentinien, Venezuela, Brasilien, Ecuador, Panama und Uruguay — die "verlorene Dekade" Lateinamerikas beginnt.

Die Wirtschaftsforschung ist sich uneinig, wie stark genau der Volcker-Schock im Vergleich zu anderen Faktoren wog — eine neuere quantitative Studie kommt sogar zu dem Ergebnis, der Zinsschock sei für die gebündelten Zahlungsausfälle der 1980er nicht der entscheidende Faktor gewesen; wichtiger sei ein globaler Schock bei der Produktivität gewesen. Unstrittig ist aber der Gesamtrahmen: Eine sprunghafte Zinserhöhung der Fed erzeugte einen Dreifachschlag — die USA rutschten in eine tiefe Rezession, Rohstoffpreise brachen ein, und Lateinamerikas Kapitalzuflüsse kehrten sich abrupt um.

Primärquelle
IWF-Historie zur Schuldenkrise 1982/83 sowie Federal Reserve History (federalreservehistory.org): beide dokumentieren den Mechanismus aus Ölpreisschock, Kreditvergabe der US-Banken, Volcker-Zinserhöhung und anschließender Zahlungsunfähigkeit als etablierte, unstrittige Abfolge.

Diese Erklärung benötigt keine Absicht: US-Notenbank folgt ihrem Inflationsmandat, Geschäftsbanken folgen ihrer Gewinnlogik, IWF und Weltbank folgen ihrem satzungsgemäßen Auftrag zur Krisenintervention. Das Ergebnis — Abhängigkeit und externe Budgetkontrolle über Strukturanpassungsprogramme — ist strukturell identisch mit dem, was Perkins beschreibt, ohne dass ein koordinierter Plan dafür angenommen werden müsste.

3. Beide Modelle nebeneinander

Hitman-Modell (Perkins)
Gezielte Akteure (Berater, Institutionen) bewegen Länder absichtlich zu überdimensionierten Krediten, um sie anschließend abhängig zu machen. Erklärt Motivation und Auswahl einzelner Projekte/Länder. Schwach belegt in den dramatisierten Details.
Strukturmodell (Volcker-Schock)
Makroökonomische Kräfte (Ölpreise, Zinspolitik, Rohstoffmärkte) erzeugen dieselbe Abhängigkeitsdynamik ohne Zutun einzelner Akteure. Erklärt Timing und Ausmaß der Krise über viele Länder hinweg gleichzeitig. Gut belegt, aber erklärt nicht, warum bestimmte Kreditprojekte überhaupt zustande kamen.

Die beiden Modelle schließen sich nicht gegenseitig aus. Es ist möglich, dass einzelne Berater und Institutionen im Sinne von US-Wirtschaftsinteressen handelten (Motivebene), während gleichzeitig ein makroökonomischer Schock unabhängig davon dieselbe Verschuldungsdynamik in Dutzenden Ländern gleichzeitig auslöste (Strukturebene). Beide Ebenen zu vermischen — Einzelfall-Motivunterstellung und globale Strukturkrise als ein und dasselbe Phänomen zu behandeln — ist der Punkt, an dem die Hitman-Erzählung ihre Beweiskraft überdehnt.

Offene Frage: Wenn dieselbe Schuldenfalle sich vollständig durch Zinsschock und Rohstoffpreise erklären lässt — wozu hätte es dann noch gezielte "Hitmen" gebraucht? Oder war die Existenz einer strukturellen Krise gerade der Umstand, den einzelne Akteure gezielt für ihre eigenen Zwecke nutzten?
Serie: Superklasse & Machtzirkel — Teil 2 von 2
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