Wenn heute über die Rote Armee Fraktion gesprochen wird, dominiert meist das nationale Bild: Schleyer-Entführung, Stammheim, Deutscher Herbst. Was in der öffentlichen Erinnerung oft in den Hintergrund tritt, ist die internationale Infrastruktur, ohne die die RAF in ihrer bekannten Form nicht hätte operieren können. BELEGT Von der ersten Generation an unterhielt die RAF eine enge, funktionierende Kooperation mit palästinensischen Gruppen — allen voran der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP). Diese Zusammenarbeit war keine Randnotiz, sondern nach Einschätzung von Historikern für die Handlungsfähigkeit der deutschen Gruppe „crucially important"[1].
Nur wenige Wochen nach der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders aus der Haft — dem inoffiziellen Gründungsdatum der RAF — reisten Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Horst Mahler und rund ein Dutzend weitere Personen nach Jordanien. BELEGT Dort, in einem Ausbildungslager der Fatah, erhielten sie eine militärische Grundausbildung: Waffenkunde, Schießen, waffenloser Kampf, Handgranatenwurf, Sprengstoffherstellung, Kampftaktik[2].
Die Vorgeschichte reicht noch etwas weiter zurück: Die Vorläuferorganisation „Tupamaros Westberlin" wurde von der palästinensischen Befreiungsbewegung faktisch mitbegründet. Ihr Anführer Rainer Kunzelmann hatte bereits im September 1969 zusammen mit anderen bei der Fatah in Jordanien den Umgang mit Waffen erlernt — ein Kontakt, der die Ideologie der Gruppe messbar verschob: Der israelisch-palästinensische Konflikt rückte für sie vor den Vietnamkrieg[2].
Nach den ersten Kontakten zur Fatah suchte die RAF gezielt die Nähe zur PFLP — insbesondere zu deren Chef für Auslandsoperationen, Wadi Haddad, der wiederum vom sowjetischen KGB unterstützt wurde. BELEGT In palästinensischen Lagern — zunächst in Jordanien, nach dem „Schwarzen September" 1970 im Südjemen, zuletzt im Libanon — wurden RAF-Mitglieder neben Angehörigen der ETA, der IRA und der Irischen Nationalen Befreiungsarmee ausgebildet[2].
EXTRAPOLATION Die bpb selbst merkt an, dass der tatsächliche Anteil der in palästinensischen Lagern ausgebildeten deutschen Linksterroristen „weit höher" gelegen haben dürfte als die zeitgenössische Schätzung von 1981[2] — eine plausible, aber nicht abschließend quantifizierbare Einordnung.
Die Kooperation war keine Einbahnstraße wohlwollender Gastfreundschaft. BELEGT Im Mai 1972 kam es Berichten zufolge zu einer Übereinkunft zwischen RAF und palästinensischen sowie japanischen Terroristen, sich künftig gegenseitig zu unterstützen[2]. Als die Gruppe „Schwarzer September" wenig später die israelische Olympiamannschaft in München überfiel, forderte sie neben der Freilassung von 234 in Israel inhaftierten Palästinensern ausdrücklich auch die Freilassung von Baader und Meinhof[2].
BELEGT Parallel zur palästinensischen Verbindung unterhielt die RAF Kontakte zum ostdeutschen Ministerium für Staatssicherheit — erstmals dokumentiert am 17. August 1970, als Ulrike Meinhof einen MfS-Mitarbeiter kontaktierte, kurz bevor sie nach Jordanien aufbrach[4]. Historiker verweisen auf drei gemeinsame Nenner: die Ablehnung des „euroamerikanischen Neofaschismus", eine antizionistische, teils antisemitische Grundhaltung gegenüber Israel, sowie freundschaftliche Beziehungen beider Seiten zu „antiimperialistischen" und „nationalen Befreiungsbewegungen", insbesondere palästinensischen Gruppen[4].
OFFEN Trotz dieser ideologischen Nähe kam es laut Forschungsstand nur zögerlich zu konkreter operativer Kooperation zwischen MfS und RAF — die DDR-Führung fürchtete, selbst zum Anschlagsziel westeuropäischer Stadtguerilla-Gruppen zu werden[4].
Die RAF erklärte 1998 ihre Selbstauflösung. BELEGT 2011 wurde das letzte inhaftierte Mitglied aus der Haft entlassen. 2024 wurde mit Daniela Klette nach jahrzehntelanger Fahndung eine der letzten untergetauchten Angehörigen gefasst; nach zwei weiteren wird weiterhin gesucht[5]. Diese Fahndungserfolge sind Aufarbeitung einer historisch abgeschlossenen Organisation — kein Hinweis auf eine bestehende Struktur.
Wie viele weitere westeuropäische Terrorgruppen der 1970er Jahre verdanken ihre operative Handlungsfähigkeit palästinensischer Ausbildungsinfrastruktur — und wie ist es zu bewerten, dass diese internationale Dimension des deutschen Linksterrorismus in der öffentlichen Erinnerung heute so viel weniger Raum einnimmt als die nationalen Ereignisse des Deutschen Herbstes?