Hidden in Plain Sight — Dossier · Linksextremismus / Auslandsbezogener Extremismus

Vom Ausbildungslager zur Demo: Die Palästina-Frage als Konstante der deutschen Linksextremen

Fünfzig Jahre, zwei Generationen, ein wiederkehrendes Muster — was Gerichte, Verfassungsschutz und die RAF selbst dokumentiert haben.

BELEGT Zwischen 1970 und den frühen 1980er Jahren durchliefen RAF-Mitglieder militärische Ausbildung in palästinensischen Lagern. BELEGT Seit dem 7. Oktober 2023 dokumentiert der Verfassungsschutz eine gezielte Instrumentalisierung der Palästina-Solidarität durch dogmatische Linksextremisten. Zwischen beiden Befunden liegen fünfzig Jahre — und die Frage, ob es sich um zwei getrennte Kapitel handelt oder um eine durchgehende Linie, ist selbst Gegenstand kontroverser Forschung. Dieser Artikel trennt, was dokumentiert ist, von dem, was strukturell plausibel, aber nicht bewiesen ist.

Teil 1 — Was historisch belegt ist: RAF und palästinensische Gruppen

Die Verbindung zwischen deutschem Linksterrorismus und palästinensischen Gruppen ist keine These, sondern durch Gerichtsurteile, den Verfassungsschutz und akademische Forschung mehrfach bestätigt. Bereits Wochen nach der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders 1970 — dem informellen Gründungsdatum der RAF — reisten Baader, Horst Mahler, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und weitere nach Jordanien, um sich in einem Ausbildungslager der Fatah militärisch schulen zu lassen.

1969/1970
Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) — ideelles Vorfeld der RAF-Gründer — hält sich in einem Ausbildungslager der Fatah auf. Kurz darauf folgt die "Westberliner Tupamaros"-Gruppe.
1970
Erste RAF-Generation trainiert bei der Fatah in Jordanien; später sucht die RAF gezielt die Nähe zum PFLP-Chef Wadi Haddad, der wiederum vom KGB unterstützt wurde.
1976
Gemeinsame, umstrittene Flugzeugentführung nach Entebbe (Uganda) durch RAF-Ableger und PFLP-Kommando.
1977
Ein PFLP-Sonderkommando entführt die Lufthansa-Maschine "Landshut", um die Freilassung inhaftierter RAF-Mitglieder zu erzwingen — Höhepunkt des "Deutschen Herbstes".
1976–1980
Weitere RAF-Mitglieder halten sich in einem PFLP-Ausbildungslager in Aden, Südjemen, auf; laut EGMR-Entscheidung heiratete eine Beteiligte dort ein führendes PFLP-Mitglied.
1998
Die RAF löst sich auf. In ihrer Abschlusserklärung wird ausdrücklich der "GenossInnen der palästinensischen Befreiungsfront PFLP" gedacht.

Der Historiker Wolfgang Kraushaar, der seit Jahrzehnten zum deutschen Linksterrorismus forscht, beschreibt die Vorgeschichte so: Bereits vor der RAF-Gründung habe eine BELEGT auffällige Faszination der westdeutschen radikalen Linken für die PLO bestanden — ein Bruch mit der bis 1967 mehrheitlich pro-israelischen Haltung der Linken, ausgelöst durch den Sechstagekrieg. Nach RAF-Angaben, die 1981 kursierten, hatte mindestens jeder zehnte deutsche Linksterrorist eine Ausbildung in einem palästinensischen Lager durchlaufen — Forscher gehen davon aus, dass der tatsächliche Anteil deutlich höher lag.

Quellenlage Teil 1:
· Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): "Baader-Meinhof international?" — Geschichte der RAF
· Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Entscheidung Dritte Sektion (Verfahren zu einer RAF-Mitangeklagten, PFLP-Ausbildungslager Aden)
· Urteil Oberlandesgericht/BGH im Verfahren gegen Verena Becker
· Jüdische Allgemeine, Interview mit Wolfgang Kraushaar (März 2024)
· Historisches Institut / HIS-Online: "Die RAF und der internationale Terrorismus. Eine Chronik"

Wichtig für die Einordnung

BELEGT Die Kooperation war laut Forschungsliteratur vor allem pragmatisch — gemeinsame Feindbilder und logistische Vorteile (europäische RAF-Mitglieder konnten unauffälliger reisen), weniger eine tiefe weltanschauliche Verschmelzung. Die Kräfteverhältnisse waren dabei extrem asymmetrisch: Die PFLP verfügte über tausende bewaffnete Kämpfer, die RAF war im Nahen Osten nie mit mehr als einem Dutzend Personen gleichzeitig präsent.

Teil 2 — Der Bruch: Was nach 1998 nicht mehr existierte

OFFEN Mit der Selbstauflösung der RAF 1998 endete die organisatorische, paramilitärische Struktur, die in den 1970er Jahren bestanden hatte. Es gibt keine belastbaren Hinweise auf eine direkte institutionelle Nachfolge — sprich: keine Organisation, die als "Erbin" der RAF-PFLP-Achse mit vergleichbaren Ausbildungslager-Strukturen fungiert. Wer heute eine 1:1-Kontinuität behauptet, überzieht die Quellenlage.

Teil 3 — Was heute belegt ist: Instrumentalisierung statt Ausbildungslager

Was sich seit dem 7. Oktober 2023 beobachten lässt, ist kein Wiederaufleben paramilitärischer Kooperation, sondern eine dokumentierte ideologische und organisatorische Instrumentalisierung der Palästina-Frage durch die deutsche linksextreme Szene — erfasst vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und mehreren Landesämtern.

"Für die sonst eher zu Streit und Spaltung neigende dogmatische linksextremistische Szene wirken der Nahost-Konflikt und die Palästinasolidarität als verbindendes Element."

— Bundesamt für Verfassungsschutz, Hintergrundpapier "Palästinasolidarität im dogmatischen Linksextremismus"

BELEGT Laut BfV versuchen dogmatische Linksextremisten gezielt, Debatten und Demonstrationen mit Nahost-Bezug ideologisch und personell zu durchdringen, um Definitionshoheit zu erlangen, nicht-extremistische Teilnehmer zu radikalisieren und neue Mitglieder zu rekrutieren.

Der 7. Oktober selbst

BELEGT Bereits am Tag des Hamas-Angriffs beteiligten sich dogmatische Linksextremisten an einer propalästinensischen Veranstaltung in Berlin, bei der Angehörige des später verbotenen Netzwerks "Samidoun" den Angriff feierten. Die Versammlung war im Voraus von Mitgliedern der "Kommunistischen Organisation" (KO) angemeldet worden. Ein KO-Mitglied äußerte sich gegenüber Medien noch am 13. Oktober 2023 mit den Worten, es gebe "keinen Terror der Hamas, keinen Terror der PFLP".

Vernetzung als Systemmerkmal

BELEGT Der Verfassungsschutz beschreibt Vernetzung mit ideologisch Gleichgesinnten im In- und Ausland als "immanentes Merkmal des Linksextremismus" — mit Kontakten unter anderem zum türkischen Linksextremismus und zum "säkularen propalästinensischen Extremismus" hierzulande. Umgekehrt beteiligten sich Akteure aus dem propalästinensischen Spektrum zuletzt mit einem eigenen "Palästina-Block" an der "Revolutionären 1. Mai"-Demonstration in Berlin.

OrganisationZuordnungPosition zu Hamas/Nahost 2023–2025
Kommunistische Organisation (KO)Dogmat. Linksextremismus"Volle Solidarität" mit "allen Fraktionen des Widerstands"; meldete Kundgebungen an
Palästina Solidarität Duisburg2024 verboten (propalästin. Extremismus, linksextrem durchsetzt)Relativierte Hamas-Terror öffentlich; "Sieg der Intifada"-Rhetorik
MLPDDogmat. LinksextremismusVerurteilte Hamas explizit als "faschistisch" und "antisemitisch"
Gruppe ArbeiterInnenmacht (GAM)Dogmat. LinksextremismusForderte "binationalen, sozialistischen Staat in Palästina"
PFLP-Umfeld DeutschlandAuslandsbezogener ExtremismusOrganisiert laut BfV vor allem in Berlin regelmäßig israelfeindliche Versammlungen

BELEGT Die Zahlen unterstreichen den Trend: Das linksextremistische Personenpotenzial stieg laut Verfassungsschutzbericht 2025 auf einen Höchststand von 42.200 Personen, linksextremistische Gewalttaten nahmen um 60,9 Prozent auf 856 Delikte zu. Antifaschismus und Palästina-Solidarität werden dabei bundesweit als die zentralen, verbindenden Aktionsfelder der Szene benannt.

Quellenlage Teil 3:
· BfV: "Palästinasolidarität im dogmatischen Linksextremismus" (Hintergrundpapier)
· BfV: "Säkularer propalästinensischer Extremismus" (Hintergrundpapier)
· Verfassungsschutzbericht 2024/2025 (Bund, NRW, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg)
· Landesamt für Verfassungsschutz Hessen: Studie "Auf der Straße gegen den gemeinsamen Feind" (2026)
· Innenministerium NRW, Pressemitteilung zum Verbot der "Palästina Solidarität Duisburg" (Mai 2024)

Teil 4 — Kontinuität oder Zufall? Die zwei Lesarten

EXTRAPOLATION Ob die heutige Instrumentalisierung der Palästina-Solidarität als strukturelle Fortsetzung der RAF-PFLP-Connection gelesen werden kann, ist keine Tatsachenfrage, sondern eine Interpretationsfrage. Zwei Lesarten stehen sich gegenüber:

Lesart A: Strukturelle Kontinuität

EXTRAPOLATION Seit dem Sechstagekrieg 1967 ist die Feindschaft gegenüber Israel als "vorgeschobenem Posten des US-Imperialismus" (O-Ton SDS, 1967) ein durchgehendes ideologisches Motiv der radikalen deutschen Linken — von der RAF über die Revolutionären Zellen bis zu heutigen Gruppierungen wie der KO. Der Historiker Kraushaar selbst warnte 2024 nach öffentlichen Solidaritätsbekundungen für festgenommene Ex-RAF-Terroristen im Kontext propalästinensischer Proteste vor einer "neuen Form der Militanz […] nicht nur auf islamischer, sondern auch auf der linken Seite". Das Muster — Israelfeindschaft als ideologischer Kitt einer sonst zersplitterten Szene — wiederholt sich demnach über Generationen hinweg, unabhängig von personeller oder organisatorischer Kontinuität.

Lesart B: Zwei unabhängige Phänomene

EXTRAPOLATION Dagegen spricht: Die RAF war eine bewaffnete Kaderorganisation mit direkter paramilitärischer Kooperation und persönlichen Verflechtungen (Heirat, gemeinsame Aktionen, gemeinsame Feindlisten). Die heutige Szene ist ideologisch fragmentierter, agiert überwiegend legal über Demonstrationsanmeldungen und Öffentlichkeitsarbeit, nicht über Terroranschläge. Die gemeinsame Klammer ist möglicherweise weniger organisatorische Kontinuität als eine wiederkehrende ideologische Anfälligkeit der radikalen Linken für antiimperialistische bzw. antizionistische Narrative — ein Muster, das sich unabhängig von RAF-Nachwirkungen auch in anderen europäischen Ländern zeigt.

Einordnung: Beide Lesarten schließen sich nicht aus. Dass es keine direkte organisatorische Blutlinie von der RAF zur heutigen Antifa- oder KO-Szene gibt, ist dokumentiert. Dass Israelfeindschaft seit 1967 ein wiederkehrendes, generationenübergreifendes Ideologieelement der radikalen deutschen Linken ist, ist ebenfalls dokumentiert. Die These "Import von Strukturen" trifft daher eher auf die Ideologie zu als auf die Organisation.

Teil 5 — Was noch offen ist

OFFEN Ob und in welchem Umfang heute tatsächlich direkte, materielle Verbindungen (Finanzierung, Logistik, Reisebewegungen) zwischen deutschen Linksextremisten und palästinensischen Organisationen wie der PFLP bestehen, ist öffentlich nicht im Detail belegt — der Verfassungsschutz beschreibt für die PFLP in Deutschland vor allem propagandistische, keine paramilitärischen Aktivitäten. OFFEN Auch die von der Bundesregierung im aktuellen Verfassungsschutzbericht postulierte Verbindungslinie zwischen deutschen und türkischen Linksextremisten, türkischen Rechtsextremisten und der islamistischen Szene über die Palästina-Frage ist bislang eher behauptet als im Detail mit Primärquellen unterlegt — ein Kritikpunkt, den auch nicht-staatliche Beobachter aufgeworfen haben.

Was bleibt, wenn man die Zeitlinie von 1970 bis 2026 nebeneinanderlegt: Israelfeindschaft war in der deutschen radikalen Linken nie ein Randthema, sondern seit dem Sechstagekrieg ein wiederkehrendes Bindeglied — mal als paramilitärische Waffenbrüderschaft, mal als Demonstrationsanmeldung.

Ist das eine importierte Struktur — oder eine hausgemachte Ideologie, die sich lediglich ein neues Vehikel sucht, sobald eines zur Verfügung steht?

Und: Wer profitiert heute von einer Szene, die sich laut eigener Aussage des Verfassungsschutzes gezielt hinter humanitären Anliegen versteckt, um zu radikalisieren?

Quellen (Auswahl):
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