Zwei Jahrzehnte lang hatte die "Dialog Society" ihre Mitglieder nicht genannt. Im Juni 2026 legte ein Datenleck offen, wer sich hinter verschlossenen Türen trifft — und dass ein deutscher Spitzenpolitiker seit Jahren dazugehört. Eine Chronologie von Stanford bis Berlin.
Peter Thiel, geboren 1967 in Frankfurt und in Kalifornien aufgewachsen, gründete 1987 als Stanford-Student das konservative Blatt "The Stanford Review". 1998 war er Mitgründer von Confinity, das nach der Fusion mit Elon Musks X.com zu PayPal wurde. 2004 investierte er als erster externer Geldgeber in Facebook und gründete im selben Jahr Palantir Technologies — ein Datenanalyse-Unternehmen, das heute unter anderem mit der US-Einwanderungsbehörde ICE und deutschen Polizeibehörden zusammenarbeitet. 2005 folgte der Founders Fund.
Am 13. April 2009 veröffentlichte Thiel im libertären Magazin "Cato Unbound" den Essay "The Education of a Libertarian". Darin distanziert er sich von der klassischen libertären Hoffnung, Freiheit über politische Mittel zu erreichen:
Im weiteren Verlauf des Essays begründet Thiel diese Position unter anderem mit der Ausweitung des Wahlrechts auf Frauen seit 1920 sowie dem Anstieg der Sozialleistungsempfänger — beides Entwicklungen, die aus seiner Sicht den Begriff "kapitalistische Demokratie" zum inneren Widerspruch gemacht hätten. Als Auswege beschreibt er drei technologische "Fluchträume" aus der Politik: Cyberspace, Weltraumbesiedlung und Seasteading (private, staatsferne Siedlungen auf dem Meer).
Rund zwanzig ehemalige PayPal-Mitarbeiter und Mitgründer haben seit 2002 einen unverhältnismäßig großen Teil der einflussreichsten Technologie- und Risikokapitalfirmen der Welt aufgebaut, finanziert oder geleitet: darunter YouTube, Tesla, SpaceX, LinkedIn, Yelp, Palantir, Founders Fund und — in jüngerer Zeit — OpenAI und Stripe. Mit dem Wechsel mehrerer Mitglieder in offizielle und inoffizielle Positionen der zweiten Trump-Regierung (u. a. JD Vance als Vizepräsident, David Sacks als "AI & Crypto Czar") ist dieses Netzwerk direkt in die US-Regierungsspitze eingerückt.
2006 gründete Thiel mit anderen die "Dialog Society" (auch "Dialog"/"Dialogue") — ein privates, einladungsbasiertes Netzwerk, das jährliche, nicht-öffentliche Treffen zwischen US-Regierungsvertretern, ausländischen Amtsträgern und Silicon-Valley-Führungskräften organisiert. Zwei Jahrzehnte lang blieb die Mitgliederliste geheim.
Im Quelltext der archivierten Dialog-Website findet sich auch der Name des heutigen Unionsfraktionsvorsitzenden Jens Spahn. Ein Sprecher bestätigte gegenüber CORRECTIV, dass Spahn in unregelmäßigen Abständen fünfmal am Dialog-Format teilgenommen habe: 2018 in Irland, 2019 in Italien, 2022 in Portugal, 2023 in Spanien und 2024 in Deutschland. Die ersten beiden Termine fanden statt, während Spahn amtierender Bundesgesundheitsminister war.
Spahn betonte zugleich, Thiel selbst sei bei dem Dialog-Format seit Jahren nicht mehr zu Gast gewesen, und dass ihm der Austausch mit Menschen anderer Meinung wichtig sei.
Spendete 2016 1,25 Mio. Dollar an Trumps Wahlkampf, unterstützte JD Vance 2022 mit 15 Mio. Dollar im Senatswahlkampf Ohio. Zentrale Verbindungsfigur zwischen Silicon-Valley-Kapital und US-Regierungsspitze.
Fünf dokumentierte Dialog-Teilnahmen 2018–2024, davon zwei als aktives Regierungsmitglied. Verteidigt die Teilnahme öffentlich als Teil eines Meinungsaustauschs.
Spendete laut CORRECTIV über Firmen knapp 300.000 Euro an die CDU, gilt als Trump-nah und gut mit Spahn vernetzt. Auch zentrale Figur im dunkelfeld.report-Dossier zu WEF und Psychedelika-Investments.
| Aussage | Status |
|---|---|
| Thiel schrieb 2009, Freiheit und Demokratie seien nicht vereinbar | BELEGT |
| Dialog Society besteht seit 2006, Mitgliederliste war 20 Jahre geheim | BELEGT |
| Spahn nahm fünfmal 2018–2024 teil, davon zweimal als Minister | BELEGT |
| Angermayer ist "gut mit Spahn verdrahtet" (CDU-Spenden) | BELEGT |
| Die Dialog Society dient primär der politischen Einflussnahme im Sinne Thiels | EXTRAPOLATION |
| Was genau bei den Treffen inhaltlich besprochen und beschlossen wird | OFFEN |
Ein Politiker, der öffentlich Transparenz einfordert, nimmt seit Jahren an einem Netzwerk teil, das per Prinzip keine Aufzeichnungen zulässt und dessen Gründer öffentlich dokumentiert hat, Demokratie für ein Auslaufmodell zu halten. Was genau macht diese Art von "Meinungsaustausch" wertvoll — und für wen? Diese Frage beantwortet dieser Artikel nicht. Er dokumentiert nur, dass sie gestellt werden muss.