Dunkelfeld.report · Serie: US-Einmischung Lateinamerika · Teil 4

Panama: Vom CIA-Asset zum Feindbild Noriega

Zwei Jahrzehnte Zusammenarbeit, eine Invasion — und eine juristische Konstruktion, die 2026 gegen Venezuela wiederverwendet wurde

Im Dezember 1989 landeten rund 26.000 US-Soldaten in Panama, um einen Mann abzusetzen, den derselbe Staat zwei Jahrzehnte lang bezahlt hatte: Manuel Antonio Noriega. BELEGT Noriega war 1970 als aufstrebender Offizier von der CIA angeworben worden und stand — mit einer Unterbrechung 1977 — bis in die 1980er-Jahre auf deren Gehaltsliste.

Die Zusammenarbeit

BELEGT Nach dem Sieg der sandinistischen Revolution in Nicaragua 1979 wurde Noriega wieder enger in die CIA-Zusammenarbeit eingebunden. 1983 wurde er faktischer Militärherrscher Panamas. Er unterstützte US-Initiativen in Zentralamerika, insbesondere die Unterstützung der Contra-Rebellen gegen die sandinistische Regierung Nicaraguas, wofür ihm vom Weißen Haus Anerkennung entgegengebracht wurde — dies, obwohl ein Senatsausschuss bereits 1983 feststellte, Panama sei ein zentraler Umschlagplatz für Drogenhandel.

BELEGT 1984 manipulierte Noriega die panamaische Präsidentschaftswahl zugunsten des von ihm eingesetzten Nicolás Ardito Barletta. Die Reagan-Administration hielt trotz dieser dokumentierten Fälschung an der Unterstützung fest, solange Noriegas Hilfe im Kampf gegen die Sandinisten von Nutzen war.

Primärquelle · Deklassifizierter CIA-Bericht, Senatsanhörung 1988 Der frühere Noriega-Berater José I. Blandón sagte vor einem Senatsausschuss aus, Noriega habe über die panamaische Botschaft in Washington Geheimdienstberichte der CIA und des Nationalen Sicherheitsrats zu politischen und persönlichen Ansichten von US-Senatoren und deren Mitarbeitern erhalten — darunter Berichte über zwei prominente Noriega-Kritiker im Senat.

Der Bruch

1986 BELEGT Öffentlich werdende Vorwürfe zu Drogenhandel, Geldwäsche und einer möglichen Doppelrolle Noriegas als Agent für Kuba stellen die Zusammenarbeit infrage — kurz vor Ausbruch der Iran-Contra-Affäre.
März 1988 BELEGT Eine deklassifizierte CIA-Einschätzung warnt, Noriega könnte auf US-Sanktionen reagieren, indem er US-Medien oder dem Sonderermittler Walsh belastendes Material zur Iran-Contra-Affäre zuspielt, das hochrangige US-Regierungsvertreter kompromittieren würde.
1988 BELEGT Noriega wird von Bundesgeschworenen in Tampa und Miami wegen Drogenhandels und Geldwäsche angeklagt. Eine 1989 freigegebene Politikvorlage erwägt bereits eine "Schnapp"-Operation ("snatch operation") zu seiner Festnahme.
7. Mai 1989 BELEGT Die panamaische Opposition unter Guillermo Endara gewinnt die Präsidentschaftswahl trotz Einschüchterungsversuchen durch Noriegas "Würdebataillone". Noriega annulliert das Ergebnis.
20. Dezember 1989 BELEGT Beginn der "Operation Just Cause". Innerhalb weniger Tage werden die panamaischen Verteidigungsstreitkräfte überwältigt, Endara als Präsident vereidigt.
3. Januar 1990 BELEGT Noriega, der sich zuvor in die Nuntiatur des Vatikans geflüchtet hatte, ergibt sich nach tagelanger Lärmbeschallung durch US-Rockmusik den US-Behörden und wird in die USA überstellt.
1970Anwerbung Noriegas durch die CIA
26.000Eingesetzte US-Soldaten bei der Invasion
~500Geschätzte zivile Todesopfer (Angaben variieren)
20:1OAS-Abstimmung zur Verurteilung der Invasion

BELEGT Die Organisation Amerikanischer Staaten und das Europäische Parlament verurteilten die Invasion formell als Verstoß gegen internationales Recht. 1992 wurde Noriega in einem US-Bundesprozess wegen Drogenhandels, organisierter Kriminalität und Geldwäsche verurteilt — das erste Mal in der Geschichte, dass ein ausländisches Staatsoberhaupt durch die USA gewaltsam abgesetzt und in den USA vor Gericht gestellt wurde.

Aktueller Bezug: Die "Barr-Doktrin" und Venezuela 2026

BELEGT Im Januar 2026 veröffentlichte das National Security Archive deklassifizierte Dokumente, wonach die juristische Begründung für die Panama-Invasion von 1989 — verfasst vom damaligen Office-of-Legal-Counsel-Chef William P. Barr — 36 Jahre später als rechtliche Grundlage für eine "außerordentliche Überstellung" des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro herangezogen wurde. Die zuständige Juristin im Justizministerium stützte sich demnach maßgeblich auf die von Barr entwickelte rechtliche Architektur.

OFFEN Details der aktuellen Anwendung dieser Rechtskonstruktion auf den Fall Maduro sind Gegenstand von Teil 6 dieser Serie und werden dort vertieft dargestellt.

Offen bleibt: Wie viele der als "Iran-Contra"-relevant eingestuften Akten zu Noriegas möglichem Gegendruck auf US-Regierungsvertreter sind bis heute nicht freigegeben — und was hätte eine Veröffentlichung 1988 verändert?

Serie: US-Einmischung Lateinamerika
  1. Teil 1 — Operation Condor
  2. Teil 2 — Guatemala 1954: Der Sturz Arbenz’ und United Fruit
  3. Teil 3 — Chile 1973: Track II und der Putsch gegen Allende
  4. Teil 4 — Panama: Vom CIA-Asset zum Feindbild Noriega
  5. Teil 5 — Venezuela: Guaidó, Sanktionen, PDVSA
  6. Teil 6 — Venezuela heute
Quellen (Auswahl): National Security Archive, GWU — "Imperial Prerogative: How the Panama Invasion and the 'Barr Doctrine' Set the Stage for the Maduro 'Snatch' Operation" (Januar 2026); CIA FOIA Electronic Reading Room — "Noriega Got CIA Data, Panel Told" (deklassifiziertes Dokument); Ronald H. Cole, "Operation Just Cause: The Planning and Execution of Joint Operations in Panama, February 1988 – January 1990", Joint History Office (1995); Wikipedia/United States invasion of Panama (Quellenangaben); Encyclopaedia Britannica, "Operation Just Cause"; History.com, "The U.S. invades Panama".
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