BELEGT Am 18. April 2026 veröffentlichte der offizielle X-Account von Palantir Technologies (@PalantirTech) einen Thread mit dem Titel "The Technological Republic, in brief." Begründung: "Because we get asked a lot." Der Post fasst in 22 Thesen die Kernaussagen des Buches The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West zusammen — verfasst von Palantir-CEO Alexander C. Karp und Nicholas W. Zamiska, Palantirs Head of Corporate Affairs. Das Buch selbst war bereits 2025 erschienen; der X-Post markiert dessen Verdichtung auf rund 1.000 Wörter, ziemlich genau ein Jahr nach Erstveröffentlichung.
Der Thread erreichte je nach Quelle zwischen 21 und 32 Millionen Aufrufe und löste innerhalb weniger Tage internationale Debatten aus — von Kritik als "Blaupause für privatisierten Überwachungsstaat" bis zu Vorwürfen des "Technofaschismus."
BELEGT Der folgende Überblick fasst die im Original veröffentlichten Positionen sinngemäß zusammen (keine wörtliche Wiedergabe des Originaltexts).
BELEGT Karp, geboren 1967 in New York, promovierte an der Goethe-Universität Frankfurt in neoklassischer Sozialtheorie und besuchte dort Seminare bei Jürgen Habermas. Er lebte über mehrere Jahre in Deutschland. 2003 gründete er gemeinsam mit Peter Thiel und drei weiteren Personen Palantir Technologies, finanziert unter anderem durch In-Q-Tel, die Venture-Capital-Einheit der CIA. Sein Vermögen wurde 2025 zeitweise auf über 18 Milliarden US-Dollar beziffert.
BELEGT Zamiska ist Palantirs Head of Corporate Affairs und Koautor des Buches sowie des Manifests. Er tritt in der öffentlichen Debatte deutlich weniger in Erscheinung als Karp.
BELEGT Thiel und Karp lernten sich am Stanford Law School kennen. 2004 holte Thiel Karp als CEO zu Palantir. Thiel finanzierte die Anfangsjahre der Firma maßgeblich mit. Er bleibt Anteilseigner, ist laut mehreren Quellen im Tagesgeschäft aber nicht mehr aktiv involviert. Karp trat wiederholt öffentlich für Thiel ein, den er als von den Medien "unverdient verunglimpft" bezeichnete.
BELEGT Palantirs Softwareplattformen — darunter Gotham und Foundry — werden weltweit von Geheimdiensten, Militärs und Polizeibehörden zur Datenanalyse und Rasterfahndung genutzt. In Deutschland führte das Bundesland Hessen die Software bereits 2017 unter dem Namen "hessenDATA" ein; Bayern nutzt die Variante VeRA. Ein deutsches Gericht erklärte den Einsatz 2023 für verfassungswidrig, woraufhin die Rechtsgrundlage angepasst wurde — der Einsatz wurde nicht eingestellt.
BELEGT In den USA ist Palantir seit 2011 Vertragspartner der Einwanderungsbehörde ICE. 2025 erhielt das Unternehmen einen Auftrag ohne Ausschreibung im Umfang von 30 Millionen US-Dollar zum Aufbau von "ImmigrationOS," einer Plattform zur Identifizierung und Verfolgung von Abschiebungen. Karp selbst bezeichnet sich als "Immigration Skeptic."
BELEGT Die britische Unterhausabgeordnete Victoria Collins bezeichnete den Post laut Guardian-Zitat als Äußerungen, die klängen "wie die Fantasien eines Superschurken," und forderte, ein Unternehmen mit derart offener ideologischer Motivation solle nirgendwo in öffentlichen Diensten zum Einsatz kommen.
BELEGT Eliot Higgins, Gründer der Recherche-Plattform Bellingcat, wies darauf hin, dass die 22 Thesen keine abstrakte Philosophie seien, sondern die öffentliche Ideologie eines Unternehmens, dessen Umsatz direkt von der beworbenen Politik abhänge — da Palantir operative Software an Verteidigungs-, Geheimdienst-, Einwanderungs- und Polizeibehörden verkauft.
BELEGT Der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis formulierte die 22 Thesen kritisch um und sprach von "Killerrobotern," einem "technofeudalen Lehen" sowie einer drohenden Wehrpflicht für Ärmere, während Palantir wirtschaftlich profitiere.
BELEGT Eine technisch orientierte Analyse (Corti.com) unterscheidet zwischen einem nachvollziehbaren Kern — der wachsenden Bedeutung integrierter Software-Systeme für Verteidigungsfähigkeit — und dem, was die Analyse als "Overreach" bezeichnet: den Sprung von einer strategischen Diagnose zu einer zivilisatorischen und kulturhierarchischen Wertung. Genau an diesem Übergang, so die Analyse, verliere das Papier seine sachliche Grundlage.
OFFEN Nicht alle Beobachter akzeptieren den Begriff "Manifest" für den Post. Eine Einordnung von Campact argumentiert, die Aussagen seien dafür "zu inkonsistent und zu oberflächlich" und stufte den Beitrag stattdessen als kostengünstige, möglicherweise KI-unterstützte Unternehmenskommunikation ein — mit der Funktion, Machtsignale an autoritäre Akteure zu senden und die eigene Bedeutung als politischer Vordenker zu inszenieren. Diese Gegenposition wird hier dokumentiert, ohne dass eine der beiden Lesarten (folgenschweres Ideologie-Dokument vs. kalkulierte Werbemaßnahme) als erwiesen gilt.
Ein Unternehmen, dessen Software in Kriegen, bei Abschiebungen und in der Rasterfahndung europäischer Polizeibehörden eingesetzt wird, positioniert sich öffentlich mit einer Kulturhierarchie und einer Forderung nach Remilitarisierung. Ist das strategische Offenheit — oder eine Grenzverschiebung, deren Folgen erst in einigen Jahren sichtbar werden? Und: Wer definiert, welche Kulturen als "wertvoll" und welche als "schädlich" gelten — und nach welchem Recht?