Herkunft und Kapitalstruktur
BELEGT Palantir Technologies wurde 2003 von Alex Karp, Peter Thiel und weiteren Gründern gegründet. Die erste externe Finanzierung in Höhe von rund 2 Millionen US-Dollar kam 2005 von In-Q-Tel — dem Venture-Capital-Arm der CIA. Diese Finanzierung war strategischer Natur: Sie öffnete die Tür zu nachrichtendienstlichen Aufträgen und validierte das Produkt für die gesamte Intelligence Community der USA.1
Peter Thiel — Mitgründer von PayPal, früher Investor in Facebook, bekennender Unterstützer Donald Trumps — hält weiterhin Anteile an Palantir. Laut Al Jazeera (April 2026) spielt Thiel keine aktive Rolle mehr im Tagesgeschäft. CEO Alex Karp, promovierter Sozialtheoretiker der Goethe-Universität Frankfurt, ist heute das öffentliche Gesicht des Unternehmens.2
Was Palantir tut — die vier Plattformen
Das Kernprodukt löst ein spezifisches institutionelles Problem: Behörden und Unternehmen haben Dutzende Datenbanken, die zu unterschiedlichen Zeiten, von unterschiedlichen Abteilungen, in unterschiedlichen Formaten gebaut wurden — und nicht miteinander kommunizieren. Palantir verbindet sie zu einem einheitlichen Abfrage- und Analysesystem.
Die Vertragslandschaft — was öffentlich bekannt ist
// USA: Militär und Bundesbehörden
BELEGT Im Juli 2025 schloss das US-Heer einen Enterprise Service Agreement mit Palantir im Wert von bis zu 10 Milliarden US-Dollar — eine Zusammenfassung von 75 zuvor separaten Verträgen (15 als Hauptauftragnehmer, 60 als Subunternehmer). Die Vereinbarung läuft bis zu zehn Jahre und konsolidiert alle Army-Datensysteme unter Palantir-Infrastruktur.3
BELEGT Das Programm Maven Smart System (MSS) — KI-gestützte Analyse von Drohnen- und Satellitenbildern, Zielidentifikation — läuft auf Palantir. Der ursprüngliche Vertrag von 480 Millionen Dollar wurde im Mai 2025 auf 1,3 Milliarden Dollar ausgeweitet.4
// Europa: Deutschland und Frankreich
BELEGT Die Bayerische Polizei betreibt seit dem 25. Dezember 2024 Palantir's Gotham-Software unter dem Namen VeRA (Verfahrensübergreifende Recherche- und Analyseplattform) im Echtbetrieb. Pilotphase: 2. September bis 24. Dezember 2024. Eingebunden sind: das bayerische Vorgangsbearbeitungssystem (VBS), das Fallbearbeitungssystem (FBS), die INPOL-Datenbank Bayern und der polizeiliche Nachrichtenkanal EPost.5
BELEGT Das Bundesverfassungsgericht hatte im Februar 2023 die damaligen gesetzlichen Grundlagen für den Palantir-Einsatz in Hessen und Hamburg für verfassungswidrig erklärt — wegen Verletzung von Datenschutz und Persönlichkeitsrechten. Bayern schuf daraufhin eine angepasste gesetzliche Grundlage. Das Bundesinnenministerium entschied sich gegen eine bundesweite Nutzung (sogenannte „Bundes-VeRA") und strebt eine eigene Plattform an — die Stand März 2025 noch nicht existiert.6
BELEGT Frankreichs Inlandsgeheimdienst DGSI erneuerte im Dezember 2025 einen seit ca. 2016 bestehenden Vertrag mit Palantir für drei weitere Jahre. Frankreich gilt nach UK als Palantirs zweitgrößter europäischer Markt.7
// Was VeRA konkret kann
Das bayerische Abgeordnete-Protokoll (Benjamin Adjei, Schriftliche Anfrage, 2025) beschreibt die Funktionsweise: Zu einem Tatverdächtigen werden vergangene Straftaten, Meldeadressen und Verkehrsverstöße verknüpft. Darüber hinaus werden Daten von nahestehenden Individuen, Zeugen früherer Verfahren und beteiligten Polizeibeamten angezeigt — auch diese ohne eigenen Tatverdacht.8
EXTRAPOLATION Der Kriminologieprofessor Martin Thüne, zitiert in der taz: Die Software funktioniere deshalb so gut, „weil es aus einem Umfeld komme, in dem Datenschutz kaum eine Rolle spiele." Campact (2025) weist darauf hin, dass VeRA auch bei kleineren Delikten — Fahrraddiebstahl — eingesetzt wird, nicht nur bei Terrorabwehr; als Präzedenzfall für Normalisierung des Einsatzes gewertet.
Der Cloud Act — das strukturelle Datenproblem
BELEGT Palantir Technologies ist ein US-amerikanisches Unternehmen und unterliegt dem CLOUD Act (Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act, 2018). Dieser verpflichtet US-Unternehmen, amerikanischen Behörden auf Anordnung Zugang zu Daten zu gewähren — unabhängig davon, wo diese Daten physisch gespeichert sind.9
Bayerns Grüne formulierten dies auf ihrem Landesparteitag 2025 explizit: Palantir „unterliegt dem US-Cloud-Act, der amerikanischen Behörden Zugriff auf alle Daten erlaubt, die von US-Firmen kontrolliert werden. Der Zugriff erfolgt unabhängig vom Standort der Speicherung."
SCHEMA VEREINFACHT · DETAILS PRODUKT- UND VERTRAGSABHÄNGIG · QUELLEN: PRIMÄRDOKUMENTATION PALANTIR / US-VERTRAGSREGISTER
Das Manifest: „The Technological Republic"
BELEGT Im Februar 2025 veröffentlichten Palantir-CEO Alex Karp und Head of Corporate Affairs Nicholas Zamiska das Buch „The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West" (Penguin Random House). Es wurde sofort #1 der New York Times Bestsellerliste. Im April 2026 postete Palantir eine 22-Punkte-Zusammenfassung auf X, die medial als „Manifest" diskutiert wurde.10
Der Kerngedanke des Buches, in eigenen Worten der Autoren: Die Softwareindustrie muss ihre Verbindung zur Regierung erneuern. Es ist die Vereinigung von Staat und Softwareindustrie — nicht ihre Trennung — die erforderlich ist, damit die USA und ihre Verbündeten dominant bleiben.
Das Buch fordert laut Rezensionen u.a.: nationale Dienstpflicht, die „moralische" Pflicht von Technologieunternehmen zur Verteidigungsarbeit, Embrace von Religion im öffentlichen Leben und die Notwendigkeit von Hard Power. Al Jazeera bezeichnete Kritiker, die das Buch „Technofaschismus" nennen; das Times Literary Supplement schrieb, es sei „zu wichtig, um es zu ignorieren".11
Karp/Zamiska, S. 1 (zitiert in mehreren Rezensionen): „Silicon Valley has lost its way. Our most brilliant engineering minds once collaborated with government to advance world-changing technologies. Their efforts secured the West's dominant place in the geopolitical order. But that relationship has now eroded, with perilous repercussions."
Goodreads-Zusammenfassung: „The Technological Republic is essentially a pro-Western political manifesto explaining Karp's rationale for Palantir doing business with the US government and military."
Soziale Netzwerke als Daten-Zulieferer
Palantir benötigt Daten. Soziale Netzwerke produzieren sie in industriellem Maßstab — und liefern sie auf Anfrage an Behörden. Die Verbindung ist nicht spekulativ, sondern durch Transparenzberichte und Gerichtsverfahren dokumentiert.
// Was die Transparenzberichte zeigen
BELEGT Google, Meta (Facebook), Microsoft und Apple veröffentlichen jährlich Transparenzberichte über staatliche Datenanfragen. Die Hauptrechtsgrundlage für US-Geheimdienste: FISA (Foreign Intelligence Surveillance Act) und National Security Letters (NSLs).12
| Plattform | Mechanismus | Bekannte Größenordnung | Status |
|---|---|---|---|
| Meta (Facebook) | FISA-Anfragen, NSLs, PRISM | 69.400 US-Anfragen (Jan–Jun 2022) bezüglich ~126.000 Nutzerprofile | BELEGT |
| FISA, NSLs, direkt PRISM-Zugang | IP-Adressen durch Geheimdienste ausgewertet; Umfang im Transparenzbericht teilweise geschwärzt | BELEGT | |
| Microsoft | PRISM, MUSCULAR (interne Leitungen) | PRISM-Teilnehmer; interne Verbindungen zwischen Rechenzentren durch NSA/GCHQ angezapft | BELEGT |
| Apple, Yahoo, Skype, AOL | PRISM | In den ursprünglichen NSA-PRISM-Folien (2013) als Teilnehmer gelistet | BELEGT |
| Twitter/X | FISA-Anfragen | Konnte PRISM-Beteiligung verweigern (als einzige der ursprünglich genannten Plattformen) | BELEGT |
// Subpoenaed Social Media — was Palantir nutzt
BELEGT Palantirs Gotham-Plattform ermöglicht laut The Conversation (Januar 2026, Analyse eines Forschers zu Datenverwaltung und US-Bundesregierung) die Einbindung von „subpoenaed social media data" — also gerichtlich oder behördlich angeordert herausgegebenen Social-Media-Daten — einschließlich Standortdaten und privater Nachrichten. Diese werden in dieselbe Analyseoberfläche integriert wie Behördendaten, biometrische Daten und Reisedaten.13
Palantirs ICE-Verträge umfassen explizit: „travel histories, visa records, biometric data and social media data" als verbundene Datenquellen.
// Das strukturelle Problem: Keine DSGVO-Schranke
BELEGT US-amerikanische Plattformen müssen FISA-Anfragen nachkommen — auch wenn die betroffenen Nutzer EU-Bürger sind. Die DSGVO gilt für die Plattformbetreiber, nicht für die US-Geheimdienste, die die Daten anfordern. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat zweimal Privacy-Shield-Abkommen zwischen EU und USA gekippt (2015: Safe Harbor; 2020: Privacy Shield). Ein Nachfolgeabkommen (Data Privacy Framework) ist seit Juli 2023 in Kraft — wird von Datenschützern als weiterhin unzureichend kritisiert.14
Gaza und die Grenze des Einsatzes
BELEGT Nach Amnesty International und Al Jazeera (April 2026) begann Palantir nach einer „strategischen Partnerschaft" mit Israel im Januar 2024, die israelische Militärinfrastruktur mit Datenanalyse zu unterstützen. Genutzt wurden: abgefangene Kommunikation, Satellitenmaterial und andere digitale Quellen zur Erstellung von Zieldatenbanken — von Kritikern als „Kill Lists" bezeichnet. Amnesty International: „Palantir has a track record of flagrantly disregarding international law and standards."15
Palantir bestreitet diese Charakterisierung nicht grundsätzlich, sondern stellt die Arbeit als geopolitisch notwendig im Rahmen des westlichen Sicherheitssystems dar — was mit der Kernthese des Buches „The Technological Republic" übereinstimmt.
- Welche Daten fließen in welchem Umfang aus VeRA-Anfragen an Palantir-Server in die USA — und sind diese unter dem CLOUD Act für US-Behörden zugänglich?
- Wie funktioniert der Palantir-Algorithmus genau — und welche impliziten Gewichtungen führen zu welchen Profilierungen? Die Software ist eine Black Box.
- Welche weiteren deutschen Bundesländer planen Palantir-Verträge, nachdem Bayern, Hessen und NRW Präzedenzfälle geschaffen haben?
- Wird die angestrebte Bundes-VeRA jemals realisiert — oder ist Palantir als „Interimslösung" bereits faktisch dauerhaft installiert?
- In welchem Umfang nutzt Europol Palantir-Schnittstellen — und was ist der Inhalt der Unzufriedenheit, die Europol laut bayerischen Parlamentsprotokollen über die Palantir-Kooperation geäußert hatte?
- Wie verhält sich die Verbindung zwischen Palantir und Unit 8200 (israelischer Cybergeheimdienst) zu den europäischen Sicherheitspolitiken?
- Wer kontrolliert demokratisch, welche Muster Palantirs KI-Systeme als verdächtig klassifizieren?
// Quellen und Fußnoten
[1] Wikipedia: Palantir Technologies (en.wikipedia.org/wiki/Palantir), Stand Juni 2026. In-Q-Tel-Finanzierung 2005: mehrfach öffentlich bestätigt, u.a. Al Jazeera April 2026.
[2] Al Jazeera: „Technofacism? Why Palantir's pro-West 'manifesto' has critics alarmed", 21.04.2026.
[3] The Conversation / MayHem Code (April 2026): US Army $10B Enterprise Service Agreement, Juli 2025. US-Vertragsregister bestätigt Konsolidierung von 75 Verträgen.
[4] Ibid. Maven Smart System: $480M Originalvertrag (2024), Erweiterung auf $1,3B (Mai 2025).
[5] Heise Online: „Federal Council calls for rapid deployment for the police", 24.03.2025. Bayerisches Innenministerium, Pressemitteilung April 2025.
[6] Bundesverfassungsgericht, Urteil Februar 2023 zu Palantir-Einsatz in Hessen und Hamburg (1 BvR 1588/22). Heise Online ibid.
[7] Nitishastra / Substack: „The Digital Leviathan: Palantir's Expansion Across Europe", April 2026 — DGSI-Vertragsverlängerung Dezember 2025.
[8] Benjamin Adjei MdL (Bayern): „Der Einsatz von Palantir in Bayern: Das Gegenteil von Digitaler Souveränität", benniadjei.de, April 2026. Schriftliche Anfrage an das Bayerische Innenministerium.
[9] CLOUD Act (H.R.4943), verabschiedet 2018. Grüne Bayern, Beschluss Landesdelegiertenkonferenz 2025: CLOUD-Act-Problematik bei VeRA.
[10] Alexander C. Karp / Nicholas W. Zamiska: „The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West", Penguin Random House, 2025. #1 NYT Bestseller. Deutsche Ausgabe: Penguin, 2025.
[11] Al Jazeera ibid. [2]. Times Literary Supplement-Zitat: aus Buchrezension, 2025.
[12] Google Transparency Report: transparencyreport.google.com/user-data/us-national-security. Facebook Government Requests for User Data: transparency.fb.com. NSL-Dokument: im Google-Transparenzbericht verlinkt.
[13] The Conversation: „When the government can see everything: How one company — Palantir — is mapping the nation's data", 20.01.2026. Autorin: Forscherin zu Data Governance und US-Bundesregierung.
[14] EuGH: Schrems I (C-362/14, 2015, Safe Harbor); Schrems II (C-311/18, 2020, Privacy Shield). EU-US Data Privacy Framework: Europäische Kommission, Angemessenheitsbeschluss Juli 2023.
[15] Al Jazeera ibid. [2]. Amnesty International: Stellungnahme zu Palantir und Gaza, 2024/2025.