Dossier · Kinderschutz

Original Play: Eine pädagogische Methode zwischen Kita-Alltag und Missbrauchsverdacht

Wie ein Konzept zum „ursprünglichen Spiel" über Jahre unkontrolliert in deutschen und österreichischen Kindertagesstätten praktiziert wurde — bis Medienberichte 2019 zu bundesweiten Verboten führten.

dunkelfeld.report Stand: Juli 2026 BELEGT-Standard

Das Konzept

„Original Play" (OP) wurde vom US-Amerikaner Oscar Frederick „Fred" Donaldson entwickelt. BELEGT Donaldson hat keinen akademischen Abschluss in Psychologie, sondern promovierte 1974 in Geografie an der University of Washington über sozio-geografische Aspekte von Rassenbeziehungen in den USA. Eine von mehreren Medien zitierte Recherche des Plagiatsprüfers Stefan Weber kam zu dem Schluss, dass Donaldson nie Universitätsprofessor war — obwohl er auf der Website seiner Stiftung so dargestellt wurde.

Konzept laut Selbstdarstellung Original Play soll auf das „ursprüngliche Spiel" kleiner Kinder und junger Tiere zurückgehen — ein Spiel ohne Regeln, ohne Fehler, ohne Kampf. Fremde, dafür in Workshops (Gebühr: ca. 210–250 €) ausgebildete Erwachsene „rangeln und balgen" in engem Körperkontakt mit Kindern in Kitas, um ihnen laut Konzept Nähe, Vertrauen und den Umgang mit Körpersignalen zu vermitteln.

Die Vorwürfe

BELEGT Am 24. Oktober 2019 strahlten ARD („Kontraste") und ORF („ZIB 2") gemeinsam einen Bericht aus, in dem Eltern zweier evangelischer Kitas in Hamburg und Berlin von schweren Übergriffen im Zusammenhang mit Original-Play-Sitzungen berichteten. In einem Fall soll ein Mann einem Jungen laut dessen eigener, später von einer Therapeutin für glaubhaft befundenen Schilderung den Penis in den Po gesteckt haben. In einer evangelischen Kita in Berlin-Kreuzberg soll es bereits 2018 zu sexuellen Übergriffen gekommen sein.

Die Traumatherapeutin Michaela Huber bezeichnete das Konzept öffentlich als „Einladung zur Übergriffigkeit an Kindern". Die Leiterin des bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik, Fabienne Becker-Stoll, sagte, ihr sei bei der Recherche „eiskalt der Rücken heruntergelaufen", und kritisierte: Kinder hätten zwar Sehnsucht nach Körperkontakt, aber nur zu vertrauten Personen — es sei „vollkommen widersinnig", das als fremde Person „aus dem Nichts" anzubieten.

Zeitlicher Verlauf

2004–2018
Original Play wird über 15 Jahre bundesweit in Kitas angeboten, ohne dass Behörden oder Träger das Konzept systematisch unter Kinderschutz-Aspekten prüfen. Hunderte Einrichtungen in Deutschland und Österreich nehmen das Angebot in Anspruch, darunter kirchliche Träger (Caritas, Diakonie), aber auch der AKH-Betriebskindergarten Wien.
2018
In Deutschland werden sechs Verdachtsfälle bekannt; die Ermittlungen werden eingestellt. In einer evangelischen Kita in Berlin-Kreuzberg werden erste Missbrauchsvorwürfe intern bekannt; der Träger stellt die Anwendung der Methode zum Mai 2018 ein.
24.10.2019
ARD/ORF-Bericht „Kontraste"/„ZIB 2" macht die Vorwürfe öffentlich. Berliner Eltern erstatten Strafanzeige wegen sexuellen Missbrauchs.
Okt.–Nov. 2019
Berlin, Brandenburg, Bayern, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz untersagen Original Play in Kitas. Die Evangelische Kirche lehnt die Anwendung an kircheneigenen Einrichtungen ab. In Österreich leitet die Volksanwaltschaft ein Prüfverfahren ein; Niederösterreich, die Stadt Wien und die Diakonie stoppen die Zusammenarbeit.
2024
Die AfD-Fraktion im niedersächsischen Landtag beantragt ein explizites Verbot, da laut Kultusministerium in Niedersachsen offiziell keine Einrichtung die Methode praktiziert habe. Der Antrag löst eine parteipolitische Kontroverse aus.

Wie ist der Sachstand heute?

OFFEN Über den strafrechtlichen Ausgang der 2018 bekanntgewordenen Verdachtsfälle liegt öffentlich nur vor, dass die Ermittlungen eingestellt wurden — nicht, aus welchem konkreten Grund (Mangel an Beweisen, Schuldunfähigkeit oder anderweitig). Eine Verurteilung im Zusammenhang mit Original Play ist öffentlich nicht dokumentiert.

BELEGT Ein Sprecher des Bundesfamilienministeriums erklärte 2019 gegenüber der NZZ, man lehne pädagogische Konzepte grundsätzlich ab, die „das professionelle Nähe- und Distanz-Verhältnis von Kindern zu fremden Erwachsenen aufheben". Ein bundesweites, einheitliches Verbot existiert nach verfügbaren Quellen bis heute nicht — die Zuständigkeit liegt bei den Bundesländern, von denen mehrere, aber nicht alle, ein Verbot ausgesprochen haben.

„Original Play öffnet dem Missbrauch Tür und Tor." — Kerstin Schreyer, Bayerische Staatsministerin für Familie, 2019

Die strukturelle Frage

EXTRAPOLATION Der Fall wirft eine Frage auf, die über Original Play hinausreicht: Wie können pädagogische Konzepte, die mit fremden Erwachsenen und engem Körperkontakt zu Kindern arbeiten, über 15 Jahre bundesweit in Kitas praktiziert werden, ohne dass eine systematische Prüfung durch Aufsichtsbehörden, Landesjugendämter oder Träger-Dachverbände erfolgt? Die Antwort liegt teilweise in der föderalen Zuständigkeitsstruktur der Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII), die Einzelträgern erhebliche Autonomie bei der Wahl pädagogischer Konzepte lässt.

War die 15-jährige Verbreitung ohne Prüfung ein Einzelfall mangelnder Aufsicht — oder ein strukturelles Muster, das auch bei anderen körpernahen pädagogischen Konzepten in der Frühpädagogik zu finden ist? Und warum wurde erst nach einer Fernsehreportage gehandelt, nicht nach den ersten Verdachtsfällen 2018?
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