Wie ein Konzept zum „ursprünglichen Spiel" über Jahre unkontrolliert in deutschen und österreichischen Kindertagesstätten praktiziert wurde — bis Medienberichte 2019 zu bundesweiten Verboten führten.
„Original Play" (OP) wurde vom US-Amerikaner Oscar Frederick „Fred" Donaldson entwickelt. BELEGT Donaldson hat keinen akademischen Abschluss in Psychologie, sondern promovierte 1974 in Geografie an der University of Washington über sozio-geografische Aspekte von Rassenbeziehungen in den USA. Eine von mehreren Medien zitierte Recherche des Plagiatsprüfers Stefan Weber kam zu dem Schluss, dass Donaldson nie Universitätsprofessor war — obwohl er auf der Website seiner Stiftung so dargestellt wurde.
BELEGT Am 24. Oktober 2019 strahlten ARD („Kontraste") und ORF („ZIB 2") gemeinsam einen Bericht aus, in dem Eltern zweier evangelischer Kitas in Hamburg und Berlin von schweren Übergriffen im Zusammenhang mit Original-Play-Sitzungen berichteten. In einem Fall soll ein Mann einem Jungen laut dessen eigener, später von einer Therapeutin für glaubhaft befundenen Schilderung den Penis in den Po gesteckt haben. In einer evangelischen Kita in Berlin-Kreuzberg soll es bereits 2018 zu sexuellen Übergriffen gekommen sein.
Die Traumatherapeutin Michaela Huber bezeichnete das Konzept öffentlich als „Einladung zur Übergriffigkeit an Kindern". Die Leiterin des bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik, Fabienne Becker-Stoll, sagte, ihr sei bei der Recherche „eiskalt der Rücken heruntergelaufen", und kritisierte: Kinder hätten zwar Sehnsucht nach Körperkontakt, aber nur zu vertrauten Personen — es sei „vollkommen widersinnig", das als fremde Person „aus dem Nichts" anzubieten.
OFFEN Über den strafrechtlichen Ausgang der 2018 bekanntgewordenen Verdachtsfälle liegt öffentlich nur vor, dass die Ermittlungen eingestellt wurden — nicht, aus welchem konkreten Grund (Mangel an Beweisen, Schuldunfähigkeit oder anderweitig). Eine Verurteilung im Zusammenhang mit Original Play ist öffentlich nicht dokumentiert.
BELEGT Ein Sprecher des Bundesfamilienministeriums erklärte 2019 gegenüber der NZZ, man lehne pädagogische Konzepte grundsätzlich ab, die „das professionelle Nähe- und Distanz-Verhältnis von Kindern zu fremden Erwachsenen aufheben". Ein bundesweites, einheitliches Verbot existiert nach verfügbaren Quellen bis heute nicht — die Zuständigkeit liegt bei den Bundesländern, von denen mehrere, aber nicht alle, ein Verbot ausgesprochen haben.
EXTRAPOLATION Der Fall wirft eine Frage auf, die über Original Play hinausreicht: Wie können pädagogische Konzepte, die mit fremden Erwachsenen und engem Körperkontakt zu Kindern arbeiten, über 15 Jahre bundesweit in Kitas praktiziert werden, ohne dass eine systematische Prüfung durch Aufsichtsbehörden, Landesjugendämter oder Träger-Dachverbände erfolgt? Die Antwort liegt teilweise in der föderalen Zuständigkeitsstruktur der Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII), die Einzelträgern erhebliche Autonomie bei der Wahl pädagogischer Konzepte lässt.