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Operation Cyclone: Der Afghan Trap

Sechs Monate vor der Sowjetinvasion begann die CIA, afghanische Islamisten zu bewaffnen — nach eigener Aussage des zuständigen US-Sicherheitsberaters ganz bewusst.

BELEGT Am 3. Juli 1979 unterzeichnete US-Präsident Jimmy Carter die erste Direktive zur geheimen Unterstützung der Gegner der pro-sowjetischen Regierung in Kabul — fast sechs Monate, bevor sowjetische Truppen am 24. Dezember 1979 in Afghanistan einmarschierten. Das bestätigte der damalige nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski 1998 in einem viel zitierten Interview.

Dieser Artikel dokumentiert die "Operation Cyclone" von der ersten Carter-Direktive bis zum Aufstieg der Taliban — und stellt eine wichtige akademische Gegenposition zur "Falle"-These gegenüber.

1. Die Ausgangslage: Kommunistischer Putsch in Kabul

BELEGT Im April 1978 putschte sich die kommunistische PDPA (Demokratische Volkspartei Afghanistans) an die Macht ("Saur-Revolution"). Die Reformen von oben — Landreform, Alphabetisierungskampagnen, Frauenrechte — stießen in weiten Teilen der ländlichen, traditionell-religiösen Bevölkerung auf erbitterten Widerstand. Innerhalb weniger Monate formierte sich bewaffneter Aufstand.

2. Die Entscheidung: Carters Direktive vom 3. Juli 1979

BELEGT Der ehemalige CIA-Direktor Robert Gates bestätigte in seinen Memoiren "From the Shadows" (1996), dass die Carter-Administration bereits Anfang 1979 verdeckte Unterstützung für die afghanischen Aufständischen prüfte. Am 3. Juli 1979 unterzeichnete Carter die erste Direktive zur geheimen Hilfe — Monate vor der sowjetischen Intervention.

Quelle Robert Gates, "From the Shadows" (Simon & Schuster, 1996): Ein Treffen des "Special Coordination Committee" fand am 3. Juli 1979 statt — "almost six months before the Soviets invaded Afghanistan, Jimmy Carter signed the first finding to help the Mujahedin covertly."

3. Das Brzezinski-Interview: "Die afghanische Falle"

BELEGT Im Januar 1998 gab Brzezinski dem französischen Magazin Le Nouvel Observateur ein Interview, das seither zu den meistzitierten Cold-War-Aussagen zählt. Auf die Frage, ob er die Entscheidung bereue, antwortete er:

"Regret what? That secret operation was an excellent idea. It had the effect of drawing the Russians into the Afghan trap and you want me to regret it? [...] We now have the opportunity of giving to the USSR its Vietnam war."

BELEGT Auf die Nachfrage, ob er die Unterstützung des islamischen Fundamentalismus und die Bewaffnung künftiger Terroristen bereue, erwiderte Brzezinski:

"What is most important to the history of the world? The Taliban or the collapse of the Soviet empire? Some stirred-up Moslems or the liberation of Central Europe and the end of the cold war?"
Quelle Interview mit Zbigniew Brzezinski, Le Nouvel Observateur (Frankreich), 15.–21. Januar 1998, S. 76. Hinweis: Die in den USA vertriebene Kurzfassung des Magazins enthielt dieses Interview nicht — nur die Library of Congress besaß die vollständige Version.

4. Die Gegenposition: War es wirklich eine "Falle"?

OFFEN Der Historiker Conor Tobin stellte 2020 in der Fachzeitschrift Diplomatic History die These infrage, Carter/Brzezinski hätten die Sowjetunion bewusst in eine Falle locken wollen. Tobins Kernargument: Die frühe Hilfe (Juli 1979) sei zunächst begrenzt und defensiv motiviert gewesen — nicht als Lockmittel für eine sowjetische Invasion konzipiert. Er sieht Brzezinskis spätere Selbstdarstellung als nachträgliche Überhöhung der eigenen strategischen Weitsicht.

TheseKernargumentBeleglage
"Afghan Trap" (Brzezinski selbst, 1998) Geheimhilfe war bewusst darauf angelegt, eine sowjetische Invasion zu provozieren Brzezinskis eigene Aussage; von Gates/Cogan indirekt gestützt
"Mythos Afghan Trap" (Tobin, 2020) Frühe Hilfe war begrenzt/defensiv; Provokations-Erzählung ist nachträgliche Stilisierung Archivbasierte Neuauswertung der Entscheidungsprozesse 1978–79
Quelle Conor Tobin, "The Myth of the 'Afghan Trap': Zbigniew Brzezinski and Afghanistan, 1978–1979", Diplomatic History, Vol. 44, Ausgabe 2 (2020), Oxford University Press.

EXTRAPOLATION Unabhängig davon, welche Motivlage 1979 vorlag: Die Wirkung war dieselbe. Ob als Kalkül oder als Nebenfolge einer Eindämmungspolitik — die massive Aufrüstung islamistischer Fraktionen ab 1979/80 verschob das Kräfteverhältnis innerhalb des afghanischen Widerstands dauerhaft zugunsten der radikalsten Gruppen.

5. Die Umsetzung: Wer finanzierte was?

BELEGT Nach der sowjetischen Invasion im Dezember 1979 weitete die Reagan-Administration das Programm massiv aus. Finanziert über CIA, den pakistanischen Geheimdienst ISI als Verteiler und mit Ko-Finanzierung Saudi-Arabiens (nach dem Prinzip der Dollar-für-Dollar-Gegenfinanzierung) flossen über die 1980er-Jahre Milliarden US-Dollar sowie Waffenlieferungen — darunter ab Mitte der 1980er-Jahre Stinger-Boden-Luft-Raketen — an die Mudschaheddin.

EXTRAPOLATION Die Verteilung über den ISI bedeutete, dass Washington selbst nur begrenzten Einfluss darauf hatte, welche Fraktionen tatsächlich am meisten Geld und Waffen erhielten. Pakistan bevorzugte dabei erklärtermaßen islamistisch-fundamentalistische Kommandeure wie Gulbuddin Hekmatyar gegenüber gemäßigteren Gruppen — eine Weichenstellung mit langfristigen Folgen für die spätere Talibanisierung.

6. Nach dem Abzug: Vom Bürgerkrieg zu den Taliban

BELEGT Nach dem sowjetischen Truppenabzug 1989 und dem Sturz der kommunistischen Regierung 1992 zerfielen die siegreichen Mudschaheddin-Fraktionen in einen blutigen Bürgerkrieg um Kabul. Aus Koranschulen (Madrassen) in pakistanischen Flüchtlingslagern — mitfinanziert unter anderem mit Geldern aus Golfstaaten — formierte sich Mitte der 1990er die Taliban-Bewegung, die 1996 Kabul einnahm.

Zeitstrahl

Was offen bleibt

OFFEN Ob die frühe Geheimhilfe tatsächlich als Provokation zur Invasion gedacht war (Brzezinskis spätere Darstellung) oder als nachträglich überhöhte Interpretation eigener Entscheidungen (Tobins Gegenthese), lässt sich aus den bisher freigegebenen Dokumenten nicht abschließend klären. Auch das genaue Ausmaß der direkten US-Verantwortung für die Talibanisierung — gegenüber der Rolle Pakistans und Saudi-Arabiens bei der Fraktionswahl — bleibt Gegenstand fachlicher Debatte.

Wäre der afghanische Widerstand ohne die gezielte externe Bewaffnung islamistischer Fraktionen in dieser Form radikalisiert worden — und war der "Sieg" über die Sowjetunion 1989 die Ursache oder nur der Auftakt zu den Folgekonflikten der nächsten vierzig Jahre?

Quellenverzeichnis

Interview mit Zbigniew Brzezinski, Le Nouvel Observateur, 15.–21. Januar 1998, S. 76 · Robert Gates, "From the Shadows" (Simon & Schuster, 1996) · Conor Tobin, "The Myth of the 'Afghan Trap': Zbigniew Brzezinski and Afghanistan, 1978–1979", Diplomatic History Vol. 44/2 (2020), Oxford University Press · Todd Greentree, Rezension zu Tobin (2020) · Diverse zeitgenössische Presseberichte zur Reagan-Ära-Ausweitung des Programms (CIA/ISI/Saudi-Finanzierung, Stinger-Lieferungen).

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