Im November 1975 trafen sich hochrangige Geheimdienstoffiziere aus Chile, Argentinien, Uruguay, Paraguay und Bolivien in Santiago de Chile. Gastgeber war die chilenische Geheimpolizei DINA. Das Ergebnis dieses Treffens war ein Name, ein Codewort und ein System, das über ein Jahrzehnt lang die Verfolgung politischer Gegner über nationale Grenzen hinweg koordinierte. BELEGT Die Gründungsurkunde — das "Schlussdokument des Ersten Interamerikanischen Treffens der Nationalen Nachrichtendienste" — wurde im Januar 1976 formalisiert und ist heute deklassifiziert einsehbar.
BELEGT Bereits in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren entwickelten Sicherheitsoffiziere aus mehreren südamerikanischen Ländern gemeinsam mit US-Militärs an der School of the Americas (Panama) und auf der Conference of American Armies Konzepte gegen "subversive" Bewegungen. Der Historiker J. Patrice McSherry stützt diese Rekonstruktion auf freigegebene CIA-Dokumente aus dem Jahr 1976.
Ein dokumentiertes Beispiel: Dan Mitrione, US-Ausbilder für Verhörtechniken, trainierte an der School of the Americas Polizeikräfte in Uruguay — Jahre vor dem Militärputsch 1973, der das Land in eine Diktatur verwandelte, die zu den aktivsten Condor-Mitgliedern zählte.
BELEGT Laut einem CIA-Dokument vom 23. Juni 1976 organisierten die beteiligten Dienste ein eigenes Kommunikationsnetz namens "Condortel" — dessen zentrale Basisstation sich auf einer US-Einrichtung am Panama-Kanal befand. Die Datenbank mit Informationen zu tausenden als politisch verdächtig eingestuften Personen wurde mit von der CIA bereitgestellten Computern betrieben, da zu dieser Zeit kein anderes Land der Region über vergleichbare technische Mittel verfügte.
Nach Auswertung deklassifizierter Dokumente durch das Center for Legal and Social Studies (CELS) in Buenos Aires lässt sich die Entwicklung in drei Phasen gliedern:
EXTRAPOLATION Laut CELS-Analyse hatten verschiedene US-Behörden schon früh Kenntnis vom Ausmaß der Koordination, unternahmen aber wenig, um sie zu stoppen — bis zum Erreichen der dritten Phase, die durch ihre internationale Sichtbarkeit am schwersten geheim zu halten war. Diese Einschätzung stammt aus der Auswertung der deklassifizierten Akten selbst und ist damit dokumentengestützt, bleibt aber eine historiografische Interpretation.
BELEGT Ein CIA-Kabel vom 28. Juli 1976 beschreibt Pläne, Teams nach Frankreich zu entsenden, mit dem Ziel, "hochrangige Terroristenführer" zu liquidieren. Das Dokument hält fest, dass der Großteil dieses Einsatzes von Argentinien, Chile und Uruguay getragen werden sollte, während Brasilien Kommunikationstechnik für das Condor-Netz in Lateinamerika lieferte.
In diesen Kontext fällt die Ermordung des chilenischen Ex-Generals Carlos Prats 1974 in Buenos Aires sowie die Ermordung des chilenischen Oppositionspolitikers Orlando Letelier 1976 — nicht in Europa, sondern in Washington D.C. selbst, durch eine Autobombe. Ermittlungen der argentinischen Justiz stützten sich später unter anderem auf das Geständnis des US-Bürgers Michael Townley, der für den chilenischen Geheimdienst gearbeitet hatte.
BELEGT Patricia Derian, von 1977 bis 1981 zuständige Staatssekretärin für Menschenrechte im US-Außenministerium, beschrieb später öffentlich ihr Entsetzen darüber, wie US-Außenminister Henry Kissinger mit einer Handbewegung über Leben und Tod habe entscheiden können. Während der Carter-Administration gratulierte Kissinger dem argentinischen Militär zur "Auslöschung des Terrorismus" und besuchte das Land 1978 als Gast von Diktator Jorge Videla während der Fußball-Weltmeisterschaft.
OFFEN Wie weit Kissingers persönliche Rolle über diplomatische Signale hinaus in die operative Ausgestaltung von Condor hineinreichte, ist unter Historikern nicht abschließend geklärt und lässt sich aus den bisher freigegebenen Dokumenten nicht eindeutig rekonstruieren.
BELEGT 1993 entdeckte ein paraguayischer Richter bei Ermittlungen zu einem Menschenrechtsfall ein Archiv von schätzungsweise 500.000 bis 700.000 Dokumentseiten der paraguayischen politischen Polizei — das bis heute umfangreichste unzensierte Archiv zur inneren Funktionsweise von Condor.
1999 ordnete Präsident Bill Clinton, ausgelöst durch Anschläge auf US-Bürger in Argentinien und ein explizites Kongressverbot von 1990, die Freigabe tausender Akten des US-Außenministeriums zu US-argentinischen Aktivitäten seit 1954 an. Diese Dokumente belegten erstmals öffentlich die Mitwisserschaft der USA am "Schmutzigen Krieg" und an Operation Condor.
EINORDNUNG Der Hollywood-Thriller "Three Days of the Condor" (1975, Regie: Sydney Pollack, mit Robert Redford) wird gelegentlich mit der realen Operation Condor in Verbindung gebracht. Es gibt dafür keine Belege. Der Filmtitel basiert auf James Gradys Roman "Six Days of the Condor" (1974); "Condor" ist dort lediglich ein fiktiver CIA-Tarnname, die Handlung dreht sich um eine erfundene Ölfeld-Operation im Nahen Osten und hat keinen Lateinamerika-Bezug. Die reale Operation Condor wurde laut den zitierten CIA-Dokumenten erst im November 1975 gegründet und im Januar 1976 formalisiert — zu diesem Zeitpunkt lagen Roman und Film bereits vor. Die Operation blieb zudem bis zur Deklassifizierung Ende der 1990er-Jahre vollständig geheim; eine Kenntnis der Autoren davon ist nicht plausibel. Die zeitliche Nähe ist damit Zufall, keine dokumentierte Verbindung.
Offene Fragen bleiben: Wie viele der insgesamt geschätzt tausenden Verschwundenen und Ermordeten Condors sind bis heute nicht identifiziert? Und welche Akten liegen noch immer unter Verschluss — in Washington ebenso wie in den Archiven der beteiligten südamerikanischen Staaten?