Dokumentation · Fakten · Quellen Juli 2026
Serie: Schwarzes Gold — Was Erdöl wirklich bewegt · Teil 4

Öl als Kriegswaffe: Die Doppelmoral der Vernichtung

Ein Rohstoff, um den Kriege geführt werden, wird im selben Atemzug hemmungslos verheizt, sobald er dem Feind nicht mehr nützen soll. Eine Bestandsaufnahme der größten Öl-Katastrophen zu Land und zu Wasser — und der Frage, warum "strategische Ressource" und "Klimaschutz" in solchen Momenten plötzlich keine Rolle mehr spielen.

Lesedauer: ca. 9 Minuten · Teil 4 der Serie "Schwarzes Gold"

Erdöl gilt als eine der knappsten und wertvollsten Ressourcen der Moderne. Um seinen Zugang wurden Kriege geführt, Regime gestützt und gestürzt, Milliarden investiert. Und doch: Immer wieder wurde genau dieser Rohstoff im großen Stil vernichtet — nicht durch Unfall, sondern durch bewusste Entscheidung, mitten im Krieg. Dieser Artikel dokumentiert die größten Fälle, ordnet sie in Zahlen ein und stellt die offene Frage, die sich daraus ergibt.

1. Kuwait 1991: Die größte mutwillige Ölvernichtung der Geschichte

Als die von den USA angeführte Koalition im Februar 1991 zum Bodenangriff ansetzte, um das irakisch besetzte Kuwait zu befreien, begannen sich zurückziehende irakische Truppen an den kuwaitischen Ölfeldern zu rächen. Bereits im Dezember 1990 waren Sprengladungen an den Anlagen platziert worden. Die systematische Zerstörung begann am 16. Januar 1991, zeitgleich mit den alliierten Luftschlägen.

Am Ende hatten irakische Truppen mehr als 700 der rund 900 bis 1.000 kuwaitischen Ölquellen in Brand gesetzt oder beschädigt — über drei Viertel aller kuwaitischen Förderanlagen. Während der unkontrollierten Brandphase zwischen Februar und April 1991 verbrannten täglich zwischen vier und sechs Millionen Barrel Rohöl sowie 70 bis 100 Millionen Kubikmeter Erdgas. Die US-Umweltbehörde EPA bezifferte in ihrem Bericht an den Kongress den Gesamtschaden auf über 700 beschädigte oder brennende Ölquellen, Lagertanks, Raffinerien und Anlagen.

700+
brennende / zerstörte Ölquellen
~1 Mrd.
Barrel Rohöl verbrannt (Gesamtschätzung)
10 Monate
bis zur Löschung der letzten Quelle
157,5 Mrd. $
geschätzter Wertverlust (Kuwait Oil Company, 1991)

Die letzte brennende Ölquelle wurde erst am 6. November 1991 gelöscht — nach zehn Monaten Löscharbeiten durch internationale Spezialteams (u. a. Red Adair, Boots & Coots, Bechtel). Zur Einordnung: Die verbrannte Ölmenge entspricht rechnerisch dem gesamten weltweiten Ölverbrauch von rund zehn Tagen, gemessen am Verbrauch von 2022. Ein Time-Magazine-Ranking von 2010 stufte die Kuwait-Ölbrände als drittschlimmste Umweltkatastrophe der Geschichte ein — direkt hinter Tschernobyl und Bhopal.

Die Klima-Ironie

Die Brände setzten enorme Mengen Ruß, Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid frei. Die Lufttemperatur sank regional um bis zu 10 Grad, die Wassertemperatur des Golfs um mehrere Grad. Tagelang verwandelte sich heller Tag in Dunkelheit. Just in dem Moment, in dem Erdöl als strategisch unverzichtbare, knappe Ressource galt, um die ein Krieg geführt wurde, spielte weder sein Marktwert noch seine Klimawirkung noch eine Rolle — Hauptsache, der Gegner sollte keinen Nutzen mehr daraus ziehen.

Quelle Wikipedia: "Kuwaiti oil fires" (Stand 2024/25), Angaben basierend auf US-EPA-Bericht an den Kongress und Kuwait Petroleum Company (September 1991). NZZ: "Ölbrände als Kriegswaffe Saddams" (2003). Wissenschaft & Frieden: "Die ökologischen Folgen des Golfkrieges" (1992/1).

2. Der Persische Golf 1991: Größte Ölpest der Geschichte bis 2010

Parallel zu den Bränden an Land öffneten irakische Soldaten am 21. Januar 1991 absichtlich die Ventile am Sea-Island-Ölterminal und ließen das Öl mehrerer Tanker in den Persischen Golf laufen — mutmaßlich um eine amphibische Landung der US-Marineinfanterie zu erschweren. Die Gesamtmenge stammte aus drei Quellen: den geöffneten Ventilen, beschädigten Tankern und zerstörten Pipelines.

Schätzungen zur ausgetretenen Ölmenge schwanken zwischen einer Milliarde Liter und bis zu sechs Milliarden Litern Rohöl — je nach Quelle und Berechnungsmethode. Damit übertraf die Menge die Exxon-Valdez-Katastrophe (1989) um ein Vielfaches. Rund 30 Prozent der Mangroven und Salzmarschen der arabischen Golfküste starben sofort ab oder überlebten die folgenden drei bis fünf Jahre nicht. Die Ölpest am Persischen Golf 1991 galt bis zur Deepwater-Horizon-Katastrophe 2010 als größte marine Ölkatastrophe der Geschichte.

Quelle Wikipedia (deutsch): "Ölpest am Persischen Golf 1991". Paul R. Bultmann: "Environmental Warfare: 1991 Persian Gulf War", State University of New York College at Oneonta (2001).

3. Weitere schwere Öl-Katastrophen zu Land und Wasser

EreignisJahrKern-Fakten
Piper Alpha (Nordsee, Plattform) 1988 165 Todesopfer an Bord, 2 weitere Rettungskräfte. Tödlichstes Offshore-Unglück der Geschichte. Plattform kollabierte binnen zwei Stunden nach der Explosion; erzeugte zuvor rund 10% der gesamten Nordsee-Förderung.
Ixtoc I (Golf von Mexiko, Bohrloch) 1979 Blowout bei Pemex-Bohrung, anfangs 30.000 Barrel Öl/Tag ausgetreten. Jahrelange ökologische Nachwirkungen, bis heute wissenschaftlicher Vergleichsfall für Deepwater Horizon.
Deepwater Horizon (Golf von Mexiko, BP) 2010 11 Todesopfer, 87 Tage Ölaustritt, ca. 3,19 Mio. Barrel (~134 Mio. Gallonen) — bis heute größte marine Ölkatastrophe der Industriegeschichte.
Exxon Valdez (Alaska, Tanker) 1989 Tankerhavarie, ca. 260.000–750.000 Barrel Rohöl ausgetreten. Auslöser für verschärfte US-Umweltauflagen und Referenzfall der Rechtsprechung.

Die Aufzählung zeigt: Katastrophen im Umgang mit Erdöl sind kein Sonderfall einzelner Kriege, sondern ein wiederkehrendes Muster — durch technisches Versagen, mangelnde Wartung und, im Kriegsfall, durch bewusste Zerstörung als Waffe.

4. Warum wird eine "kostbare" Ressource im Krieg vernichtet?

Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, sobald man die militärische Logik betrachtet: Solange ein Rohstoff dem Gegner nutzt, ist seine Vernichtung ein strategisches Kalkül — "verbrannte Erde" im wörtlichen Sinn. Der wirtschaftliche Wert der Ressource wird dann zweitrangig gegenüber dem Ziel, dass sie dem Feind keinen Nutzen mehr bringt. Klimafolgen, Gesundheitsschäden der Zivilbevölkerung und Langzeitschäden an Ökosystemen spielen in dieser Kalkulation nachweislich keine Rolle.

Bemerkenswert ist zudem die Kurzlebigkeit der öffentlichen Aufmerksamkeit: Nach Kriegsende gerieten sowohl die Kuwait-Brände als auch die Ölpest im Golf vergleichsweise schnell in Vergessenheit — trotz jahrzehntelanger Regenerationszeiten der betroffenen Ökosysteme.

Einordnung BELEGT Ausmaß, Zeitpunkt und Verursacher der genannten Katastrophen sind durch Behördenberichte, wissenschaftliche Studien und Zeitzeugenberichte dokumentiert.

OFFEN Ob und in welchem Umfang einzelne Entscheidungsträger die ökologischen Langzeitfolgen zum Zeitpunkt der Entscheidung tatsächlich einkalkuliert haben, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht abschließend belegen.

Eine Ressource, um die Kriege geführt werden, wird im gleichen Krieg zur Waffe gegen die eigene Umwelt gemacht. Wer entscheidet in einem solchen Moment, dass der Wert eines Rohstoffs plötzlich keine Rolle mehr spielt — und wer trägt am Ende die Kosten dieser Entscheidung?

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